ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2002Verhaltensmuster: Eltern prägen Krankheitsverhalten schon im Kindesalter

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Verhaltensmuster: Eltern prägen Krankheitsverhalten schon im Kindesalter

PP 1, Ausgabe August 2002, Seite 368

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LNSLNS Auf Krankheit reagiert jeder Mensch anders. Während die einen Krankheitssymptome ignorieren und Arztbesuche vermeiden, melden sich die anderen krank, legen sich ins Bett und schränken alle Aktivitäten ein. „Wie Menschen mit Krankheiten umgehen, wird nicht nur von der Physiologie und der Persönlichkeit, sondern auch von Erfahrungen und Einstellungen beeinflusst“, sagen die Psychologinnen Catherine Crane und Maryanne Martin von der University of Oxford. Sie befragten 269 Studierende danach, welche Krankheiten sie als Kind hatten und wie oft sie davon betroffen waren. Außerdem interessierte die Forscherinnen, wie die Eltern der Befragten reagierten, wenn ihr Kind erkältet war. Gingen sie mit dem kranken Kind zum Arzt? Befreiten sie es von Haushaltspflichten, Hausaufgaben und Schulbesuchen? Durfte es im Bett bleiben und dabei fernsehen oder Musik hören? Bekam es besondere Aufmerksamkeit, täglich sein Lieblingsessen, Geschenke, Trost oder eine Sonderbehandlung? Die Psychologinnen fanden heraus: „Wer als Kind von seinen Eltern übertrieben fürsorglich behandelt wurde, wenn er krank war, hält sich als Erwachsener für krankheitsanfälliger.“ Denn wenn die Eltern eine Erkrankung überbewerten, tut es auch das Kind. Darüber hinaus neigen Kinder übervorsichtiger Eltern als Erwachsene dazu, mehr und stärkere Krankheitssymptome wahrzunehmen und Körpersignale falsch zu deuten als Personen, deren Eltern gelassener reagierten. Offenbar wirken Besorgnis und Überbehütung durch die Eltern wie ein positiver Verstärker: Die Kinder lernen, dass sie bei Krankheit besonders beachtet, umsorgt und verhätschelt werden, und empfinden dies als Belohnung. Natürlich wollen sie den angenehmen Ausnahmezustand so oft wie möglich erleben und berichten ihren Eltern schon bei harmlosen Symptomen von Beschwerden und Schmerzen. Darauf reagieren die Eltern noch besorgter. Die Kinder fühlen sich wiederum bestärkt und nutzen die Besorgnis der Eltern weiter aus. Ein Teufelskreis entsteht, der bis ins Erwachsenenalter fortwirkt. Das erlernte Verhaltensmuster beeinflusst das tägliche Leben und die Einstellung zu Krankheiten dieser Kinder, selbst wenn die Eltern das Verhalten nicht mehr verstärken. Die Forscherinnen stellten außerdem fest, dass Eltern, die ihre Kinder besonders umsorgen, selbst zur Hypochondrie neigen und auf eigene Krankheitssymptome überängstlich reagieren. Sie nehmen Krankheiten sehr ernst und richten ihr ganzes Leben auf die jeweilige Erkrankung aus. Auch daraus lernen Kinder und behalten diese Erfahrungen und Einstellungen gegenüber Krankheiten bei. Solche Verhaltensmuster sollen sogar über Generationen weitergegeben werden. Der Einfluss des sozialen Lernens auf das Krankheitsverhalten darf jedoch nicht überbewertet werden. Außerdem konnte er bisher nur für Erkältungskrankheiten nachgewiesen werden. Crane und Martin raten Eltern, die durch diese Ergebnisse verunsichert sind, ruhig und gelassen auf harmlose Erkrankungen bei Kindern zu reagieren. So vermeiden sie, dass die Kinder die Aufmerksamkeit, Besorgnis und Annehmlichkeiten, die mit dem Krankenstatus verbunden sind, als Belohnung empfinden. Außerdem halten sich die Kinder für weniger krank und werden möglicherweise auch schneller wieder gesund. ms

Crane C, Martin M: Adult illness behaviour: The impact of childhood experience. Personality and Individual Differences 2002; 32: 785–798.

Catherine Crane, Department of Experimental Psychology, University of Oxford OX1 3UD, Oxford, UK, Telefon: 00 44/18 65–27 13 37, Fax: 00 44/18 65–31 04 47, E-Mail: catherine.crane@psy.ox.ac.uk
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