ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2002Bridget Riley: Rhythmische Farbklänge

VARIA: Feuilleton

Bridget Riley: Rhythmische Farbklänge

PP 1, Ausgabe August 2002, Seite 369

Sander-Fell, Sabine

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Two Reds, 2000, Öl auf Leinwand,129,5 x 305,5cm
Two Reds, 2000, Öl auf Leinwand,129,5 x 305,5cm
Das Auge reagiert wie ein Perpetuum mobile, es ist nicht vom Sehen abzubringen. So könnte man es auf den Punkt bringen, wenn man Bilder von Bridget Riley gesehen hat. Eine vitale Wirkung auf den Betrachter haben auch die neuesten Arbeiten der renommierten britischen Künstlerin, die rund 20 großformatige Ölbilder, Zeichnungen und Gouachen in den Krefelder Kunstmuseen zeigt. Schon ein erster Blickkontakt mit Bridget Rileys Bildern versetzt das Auge in einen Zustand höchster Aufmerksamkeit. Intensive, frische Farben tänzeln in pulsierenden Rhythmen über die Leinwand. Es entstehen lebhafte Kontraste, aber auch harmonische Farbklänge, die die sinnliche Wahrnehmung schärfen.
Bekannt wurde die 1931 in London geborene Künstlerin in den 60er-Jahren mit Schwarz-Weiß-Kompositionen, die der Op-Art zugehörig sind. Diese Werke aus einer Vielzahl geometrischer Formen haben die wunderbare Eigenschaft, Bewegungseffekte zu simulieren, die ein mulmiges Gefühl in der Magengegend oder ein heftiges Flirren vor den Augen provozieren. Auch Jahrzehnte später geht es Bridget Riley um das Bewusstwerden des Sehens, oder wie sie selbst sagt, um die Freuden des Sehens. Ihre Bilder haben sich aus ihrer eigenen Seherfahrung heraus entwickelt. Besuche in Museen und Galerien haben ihr Auge geschult für das Sehen anderer Künstler, wie Monet oder Seurat. Grundlage ihrer Farbkompositionen ist eine exakt angelegte Zeichnung. Präzise erstellt die Künstlerin auf Millimeterpapier ein Gerüst aus Vertikalen, Diagonalen und beidseitig ausschwingenden Kurvenlinien, bevor sie hieraus die Formen und Farben für ihre Kompositionen intuitiv auswählt. Ist die Komposition fertig, gibt Bridget Riley sie an ihre Assistenten weiter, die den Entwurf auf Leinwand übertragen. Auf die Frage, warum sie denn die Ausführung auf Leinwand nicht selbst vornehme, entgegnet Bridget
Ground Study for 18th April ‘00 Bassacs, 2000, Gouache auf Papier, 86,5 x 61,3cm Abbildungen: Krefelder
Ground Study for 18th April ‘00 Bassacs, 2000, Gouache auf Papier, 86,5 x 61,3cm Abbildungen: Krefelder
Riley, dass die Zusammenarbeit mit Gehilfen eine lange Tradition in der Malerei habe und verweist auf die Künstler der Renaissance. Außerdem geht es ihr nicht um eine persönliche Handschrift in den Gemälden.
Immer wieder greift die Künstlerin auf assoziative Titel, als kleine Brücken wie sie sagt, in ihren Bildern zurück. In der Ausstellung lenken Bilder wie „Le Rêve“ oder „Zambezi“ die Imagination des Betrachters. Impulse für ihre Malerei schöpft sie aus der subtilen Wahrnehmung von Natur. Erste Erfahrungen sammelte sie während ihrer Kindheit in Cornwall, spätere Reisen nach Italien, Indien oder Ägypten beeinflussten nachhaltig die Farbkompositionen ihrer Bilder: „Man muss sich wie Euge`ne Delacroix Zeit nehmen, um die violetten, grünen und orangen Schatten eines weißen Tischtuches im Sonnenlicht Nordafrikas zu entdecken.“ Bridget Riley sieht ihre abstrakte Malerei aber auch in einem Bezug zur Musik – die unterschiedlichen Rhythmen in ihren Bildern, die durch das Zusammenspiel der farbigen Formen entstehen, vergleicht sie mit den Tönen in der Musik, die durch Rhythmen oder Melodien eine Ordnung erfahren. Obgleich Musik und Kunst für Bridget Riley abstrakte Qualitäten
haben, werden sie zu einem Sprungbrett der Fantasie.
Die Ausstellung ist bis 18. August in Krefeld im Kaiser Wilhelm Museum und im Haus Esters zu sehen. Das Haus Esters bildet mit dem benachbarten Haus Lange ein Architektur-Ensemble und zeigt eindrucksvoll das frühe Werk des bedeutenden Architekten Ludwig Mies van der Rohe. Sabine Sander-Fell
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