ArchivDeutsches Ärzteblatt41/1996Krankschreibung: Öffentlich-rechtliche Täuscher unterwegs

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Krankschreibung: Öffentlich-rechtliche Täuscher unterwegs

Maus, Josef

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LNSLNS Der sogenannte "Alltagstest" ist heutzutage in. Seit verschiedene private Fernsehsender in diversen Boulevardmagazinen mit versteckter Kamera Handwerker auf Ehrlichkeit oder ehrliche Finder auf moralische Standfestigkeit hin testen, mag auch der öffentlich-rechtliche WDR nicht länger zurückstehen. Wenn man dabei die ahnungslosen Opfer auch noch kräftig reinlegen kann, dann ist die Freude hier wie dort besonders groß. Unlängst hatte ein WDR-Redakteur im Wettstreit der Tarner, Täuscher und öffentlichen Vorführer eine "pfiffige Idee" (Bild-Zeitung). Er schickte zwei "Schauspieler" vom Institut für angewandte Verbraucherforschung auf Ärztetour durch Köln, Bonn und Leverkusen. Wie schnell schreiben die Doctores krank, wollten die vermeintlichen Patienten wissen. Sie klagten – offenbar durchaus professionell – über allgemeines Unwohlsein und brachten dies den Ärzten gegenüber mit einem unmittelbar bevorstehenden Arbeitsplatzwechsel in Verbindung.
Welch wunderbares Ergebnis für den WDR: Alle Ärzte schrieben am Ende eine Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung aus – und das, obwohl die Testpersonen eigentlich "kerngesund" waren. Die Moral von der Geschicht’: Patient gesund, Ärztemoral krank. So klang es jedenfalls über den Äther.
Mal unterstellt, die beiden "Schauspieler" haben ihr allgemeines Unwohlsein überzeugend vermittelt, hätten dann die Ärzte die psychische Befindlichkeit ignorieren sollen? Krankschreibung nur bei Hals- und Beinbrüchen? Derselbe WDR wäre wahrscheinlich über dieselben Ärzte mit dem Vorwurf hergefallen, den Menschen nur als "organische Maschine" zu betrachten.
Der Vorsitzende der KV Nordrhein und der KBV, Dr. Winfried Schorre, wies in einer Entgegnung auf diesen Umstand hin. "Daß Ärzte Schwindlern aufsitzen, kommt eben genauso häufig vor wie die Tatsache, daß Redaktionen gefälschten Filmbeiträgen aufsitzen", fügte er hinzu.
Vielleicht hat der WDR aber auch nur eine absonderliche Konsequenz aus der Affäre um gefälschte Filmbeiträge, angeboten von einem freien Produzenten, gezogen – und gleich selbst Fälscher und Täuscher auf "Recherche" geschickt. Josef Maus
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