ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2002Ivwri-Figur der Urhobo: Kraft und Macht

KUNST + PSYCHE

Ivwri-Figur der Urhobo: Kraft und Macht

PP 1, Ausgabe August 2002, Seite 384

Kraft, Hartmut

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Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne
Auch ohne Kenntnis des sozialen und spirituellen Hintergrunds vermag diese Skulptur den Betrachter sofort in einer ganz spezifischen Weise anzusprechen. Mit weit aufgerissenem Maul, die Zähne gebleckt, nähert sich ein vierfüßiges Untier. Große, zum Teil abgebrochene Hauer unterstreichen die Wehrhaftigkeit dieses archaisch anmutenden Wesens, das weder Augen noch Ohren kennt. Stattdessen wächst aus seinem rückwärtigen Bereich der Oberkörper einer männlichen Figur heraus, die das Clan-Oberhaupt oder einen bedeutenden Krieger verkörpert. Der ausdrucksstarke Mund und die tief unter der vorgewölbten Stirn liegenden Augen verleihen der Figur einen strengen Ausdruck, der durch die hohe Stirn mit den für die Skulpturen und Masken der Urhobo typischen parallelen Narbentätowierungen unterstrichen wird.
Die im Spannungsfeld von Angriff und Verteidigung stehenden Aufgaben dieser so genannten Ivwri-Figuren lassen sich bei der hier vorgestellten Skulptur am ehesten im Sinne des Schutzes und der Verteidigung interpretieren. So setzt die männliche Figur mit jeder Hand einen Stab, bekrönt von einer weiblichen Büste, auf den Rücken des Untiers. Vor diesen Figurenstäben sind zwei Tiere aufgenagelt, sodass insgesamt der Eindruck erweckt wird, dass es hier Haus und Hof zu schützen gilt.
In der westlichen Kultur, die durch eine Flut von Berichten über Kriege und Verbrechen ebenso geprägt ist wie von vielen der Fantasie entsprungenen Horrorgestalten (zum Beispiel die „Orks“ und andere Monster in der Verfilmung „Der Herr der Ringe“), lässt sich eine Distanz herstellen zu ethnologischen Objekten wie der hier gezeigten Ivwri-Figur. Da sie außerdem nicht als spirituell aufgeladen wahrgenommen wird, mag sie zwar beeindrucken, nicht aber ängstigen. Trotzdem vermittelt sie viel von der Kraft und Macht, die der Schnitzer in Nigeria ihr einst mitzugeben imstande war und Mitglieder vom Stamme der Urhobo vorsichtig und respektvoll mit ihr umgehen ließ. Hartmut Kraft

Urhobo: Volksgruppe im westlichen Teil des Nigerdeltas in Nigeria, Westafrika. Das religiöse Weltbild konzentriert sich auf die Verehrung in der Natur wirkender Kräfte (Flüsse, Bäume und anderes). Diese Kräfte werden „edjo“ genannt und manifestieren sich in Lehmaltären und geschnitzten Figuren. Typische Kennzeichen der ausdrucksstarken Skulpturen und Masken sind die parallel über die Stirn verlaufenden Narbentätowierungen und die zumeist scharfkantige Mundgestaltung. Die Figuren werden überwiegend weiß gefärbt, gelegentlich aber auch gelb oder rot.

Literatur
1. Ikime O: Niger Delta Rivalry. Longmann, London 1969.
2. Schädler K F: Lexikon afrikanischer Kunst und Kultur. Klinkhardt & Biermann, München/Berlin 1994
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