ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2002Psychotherapeutische Hilfe für Hochwasser-Opfer: Zunehmender Bedarf

EDITORIAL

Psychotherapeutische Hilfe für Hochwasser-Opfer: Zunehmender Bedarf

PP 1, Ausgabe September 2002, Seite 385

Bühring, Petra

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LNSLNS Nach Abfluss des Hochwassers in den Katastrophengebieten an der Elbe rechnet Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, Erster Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, nicht nur mit einem steigenden Medikamentenbedarf, sondern auch mit zunehmendem Bedarf an psychotherapeutischer Hilfe. „Wenn die Evakuierten in ihre Heimatorte zurückkommen und unter Umständen ihre Häuser gar nicht mehr oder zerstört vorfinden, können sie in schwere psychische Krisen geraten“, sagte er in Berlin. Unbehandelt kann dies zu Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) führen. Andrea Mrazek, Vertreterin der Psychologischen Psychotherapeuten in der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, fürchtet vor allem die Langzeitfolgen, wenn PTBS nicht behandelt wird.
Die betroffenen Menschen werden zunächst am ehesten Hilfe beim Hausarzt suchen. Schon jetzt erreichen Mrazek, die ihre psychotherapeutische Praxis in Radebeul hat, täglich Anfragen von Hausärzten, die eine psychische Ursache hinter den Problemen der hochwassergeschädigten Patienten vermuten. Doch ihre Kapazität und die ihrer Kollegen ist begrenzt, denn in Sachsen sind nur 264 ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten niedergelassen, in Sachsen-Anhalt nur 143. Zum Vergleich: Bayern hat 3 251 zugelassene Psychotherapeuten. Dass die neuen Bundesländer mit einem Anteil von lediglich vier Prozent aller an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Psychotherapeuten unterversorgt sind, sieht auch Richter-Reichhelm. Um die Versorgung der Hochwasseropfer dennoch zu sichern, verspricht er: „Die Vertragsärzte und -psychotherapeuten im Osten sind bereit, überdurchschnittlich viel zu leisten. Auch Kollegen aus den West-KVen würden im Rahmen der Krisenintervention einspringen.“
In die akute psychologische Notfallhilfe für die Hochwasseropfer vor Ort sind die Psychotherapeuten in Sachsen jedenfalls nicht eingebunden, berichtet Mrazek. Es fehlt die Koordination, und es fehlen Hilfsstrukturen, auf die im Falle einer Katastrophe zurückgegriffen werden kann. Zwar seien nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium Ansätze gemacht worden, um Strukturen aufzubauen, doch: „Das Hochwasser hat uns kalt erwischt“. In Erfurt hat die Koordination der psychologischen Betreuung nur zufällig funktioniert (siehe PP 6).
In den Hochwassergebieten helfen derzeit die Kriseninterventionsteams der Hilfsorganisationen. Doch auch die Einsätze der verschiedenen Hilfsorganisationen waren anfangs wenig koordiniert. Im Krisenstab des Sächsischen Innenministeriums wurde deshalb das Sachgebiet „psychologische Betreuung“ eingeführt, dessen Leitung der Bundeskoordinator für Critical Incident Stress Management des Malteser Hilfsdienstes e.V. übernommen hat.
Die Psychotherapeuten in Sachsen waren auf dem Weg, Strukturen der psychologischen Notfallhilfe aufzubauen. Die Unterstützung der Ministerien ist notwendig. Hoffentlich kommt keine weitere Katastrophe dazwischen. Petra Bühring
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