ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2002Altenhilfestrukturen der Zukunft: Große Bereitschaft zur freiwilligen Hilfe

POLITIK

Altenhilfestrukturen der Zukunft: Große Bereitschaft zur freiwilligen Hilfe

PP 1, Ausgabe September 2002, Seite 406

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Die Betreuung Demenzkranker erfordert Geduld, Ruhe und Kreativität. Foto: dpa
Die Betreuung Demenzkranker erfordert Geduld, Ruhe und Kreativität. Foto: dpa
Ehrenamtliche Hilfe wird als „dritte Säule“ in der Betreuung Demenzkranker unverzichtbar. Die Freiwilligen
müssen sinnvoll eingebunden und qualifiziert werden.

Durch den medizinischen Fortschritt nimmt die Lebenserwartung gerade auch im Alter weiter zu. Die Zahl der Hochbetagten über 80 Jahre hat sich nach Angaben der Sachverständigenkommission für den Vierten Altenbericht der Bundesregierung seit 1970 nahezu verdoppelt. Berechnungen zufolge werden im Jahr 2020 in Deutschland 5,1 Millionen sehr alte Menschen leben. Damit steigt auch das Risiko, an Demenz zu erkranken: 1,5 Millionen Demenzkranke im Jahr 2030 nach einer Berechnung von Bickel. Zurzeit werden die meisten Demenzkranken zu Hause von Angehörigen, in der Regel Frauen, gepflegt. Dass die familiäre Pflege auch in der Zukunft funktioniert, wird oft bezweifelt. Die Gründe liegen in der zunehmenden Erwerbstätigkeit von Frauen, sinkenden Geburtenraten und der Auflösung traditioneller Familienstrukturen.
In der professionellen Pflege demenziell Erkrankter wurden in den letzten Jahrzehnten viele Konzepte zur idealen Betreuung, von anregenden Wohnformen über Musiktherapie bis zu sensorischen Anregungen, entwickelt. Auch wurde die gesetzliche Pflegeversicherung eingeführt sowie ambulante, teilstationäre und stationäre Dienste verstärkt ausgebaut. Doch oft können therapeutische Angebote gar nicht umgesetzt werden, da zu wenig Personal unter großem Zeitdruck arbeiten muss. Für die Zukunft prophezeien Experten aus ökonomischer Sicht eine Verschlechterung der Situation, weil die sozialen Sicherungssysteme dem demographischen Wandel nicht gewachsen sind.
Dem will das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) mit dem Modellprogramm „Altenhilfestrukturen der Zukunft“ begegnen. Seit Mai 2000 werden bundesweit 20 Modellprojekte gefördert, von denen sich die meisten mit Demenzerkrankten befassen. Die Auswertung der Einzelprojekte ließ eine überraschend hohe Bereitschaft erkennen, sich ehrenamtlich und freiwillig in die Betreuung hilfsbedürftiger alter Menschen einzubringen. Ehrenamtliche Hilfe werde in Zukunft als „dritte Säule“ – neben Angehörigenhilfe und professionellen Systemen – unverzichtbar bei der Betreuung Demenzkranker sein. Darin waren sich die rund 180 Teilnehmer der Arbeitstagung „Ehrenamtlichkeit und Professionalität bei der Betreuung Demenzkranker“, die im Rahmen des BMFSFJ-Modellprogramms am 11. und 12. Juli in Bonn stattfand, einig.
„Bei der Mobilisierung zusätzlicher Betreuungs- und Selbsthilfepotenziale geht es nicht darum, billige Arbeitskräfte zu mobilisieren“, betonte Rudolf Herweck vom BMFSFJ. Geld spiele für die Motivation der Ehrenamtlichen keine Rolle. Wichtig sei eine funktionierende Infrastruktur, das heißt, eine überschaubare Aufgabenzuteilung, eine klare zeitliche Begrenzung und auch eine Aufwandsentschädigung. Bei der Qualifizierung von Ehrenamtlichen müsse deren Bildungsinteressen entsprochen werden. Denn viele würden die ehrenamtliche Tätigkeit in der Altenhilfe auch als Sprungbrett in einen Beruf nutzen. Ein persönlicher Nutzen statt Altruismus sei heute eher ein Motiv für die Freiwilligkeit.
Dr. Susanne Zank, Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Freien Universität Berlin, machte darauf aufmerksam, dass die Betreuung Demenzkranker „eine schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe ist“, für die nicht jeder geeignet sei. Denn die nötige Geduld, Ruhe und Kreativität könnten nur begrenzt in Schulungen gelehrt werden. Gefragt werden müsse auch nach der Motivation der freiwilligen Helfer. Zeige die Tätigkeit nicht die ersehnte Bestätigung oder den erhofften Erfolg, führe dies bei Menschen mit „Helfersyndrom“ (definiert nach Schmidbauer, 1977) zu einer „riesigen Enttäuschung“. Diese werde selten bewusst wahrgenommen, sondern äußere sich in subtiler Aggression dem Erkrankten gegenüber.
Dennoch: „Ohne ehrenamtliches Engagement würde unser Versorgungssystem zusammenbrechen“, sagte Horst Laade, Deutsche Alzheimer Gesellschaft, Berlin. Er wies darauf hin, dass besonders die Erfahrungen der Angehörigen besser genutzt werden sollten: „Wir leisten uns eine Verschwendung von Ressourcen.“ Es gebe gute Modellansätze wie Schulungen und Fortbildungen, um die Kompetenz der Angehörigen zu stärken, doch zu wenige würden damit erreicht. Ehrenamtlichkeit und professionelle Pflege stünden sich nicht als Gegensätze gegenüber, sondern könnten sich ergänzen, betonte Laade.
Arbeitsgruppen aus Altenpflegern, Ehrenamtlichen, Angehörigen und wissenschaftlichen Mitarbeitern trugen die Erfahrungen aus der bisherigen Praxis des Modellprogramms zusammen. Unterstützungsleistungen für pflegende Angehörige müssten bedarfsgenauer ausgerichtet und Informationen über Angebote besser zugänglich gemacht werden, forderte die Arbeitsgruppe „Unterstützungsleistungen“. Ziel sei, psychische und physische Erschöpfung zu vermeiden. Notwendig sei ein Wechsel von einer „Kommstruktur zur Bringstruktur“, damit pflegende Angehörigen die Angebote auch nutzten. Die Zusammenarbeit mit Ärzten empfanden die Teilnehmer der Arbeitsgruppe durchweg als „schwierig“.
Eine „Musikalisierung des Pflegealltags“ wünschte sich die Arbeitsgruppe, die sich mit der Betreuung und Therapie Demenzkranker beschäftigte. Musiktherapie solle verstärkt als Fachdisziplin eingerichtet werden, so ihr Resümee. Das Modellprojekt „Abschiedsmusik“ am Musiktherapie-Institut Rendsburg habe gezeigt, wie Musiktherapie eine menschenwürdige letzte Lebensphase ermöglichen kann. Ehrenamtliche könnten besonders dabei helfen, die psychosozialen Bedürfnisse der Demenzkranken zu erfüllen.
Ein attraktives Milieu allein reiche nicht aus, um Qualität in der Pflege zu erreichen. Wichtig sei der personenzentrierte Ansatz, betonte die Arbeitsgruppe „neue Wohn- und Betreuungsformen“. Sinnvoll seien überschaubare Gruppen mit Angeboten für unterschiedliche Bedürfnisse. Ein Wandel hin zur besseren Pflege sei auch im traditionellen Pflegeheim möglich, vorausgesetzt, es gelingt, eingeschliffene soziale Strukturen zu verändern. Erfolge, das Personal zum Umdenken zu bewegen, hätten „Inhouse-Schulungen“ von Multiplikatoren gezeigt. Angehörige und Ehrenamtliche könnten auch bei betreuten Wohnformen aktiv eingebunden werden, wichtig seien jedoch klare Aufgaben.
Das Modellprogramm „Altenhilfestrukturen der Zukunft“ will einen Beitrag zur Weiterentwicklung bestehender Versorgungsstrukturen leisten. Die 2005 erwarteten endgültigen Ergebnisse sollen in das Altenhilfestrukturgesetz einfließen. Petra Bühring

Informationen beim Wissenschaftlichen Institut der Ärzte Deutschlands gem. e.V. (WIAD), Godesberger Allee 54, 53175 Bonn, Telefon: 02 28/8 10 41 72, Fax: 02 28/8 10 41 55, E-Mail: altenhilfestrukturen@wiad.de; Internet: www.altenhilfestrukturen.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema