ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2002Aids-Projekt in Benin: „Wir rennen wieder einmal hinterher“

POLITIK

Aids-Projekt in Benin: „Wir rennen wieder einmal hinterher“

PP 1, Ausgabe September 2002, Seite 411

Kleuren-Schryvers, Elke

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Trotz einer HIV-Infektionsrate von regional 15 bis 20 Prozent steckt die Aidsarbeit in Benin noch in den Kinderschuhen.

Verlässt man auf der westlichen der beiden Asphaltstraßen die Wirtschaftsmetropole Cotonou und fährt gen Norden nach Abomey, sieht man, dass sich seit 1994 vieles weiterentwickelt hat. Allerdings säumen zahlreiche Friedhöfe die Straße, auf denen immer häufiger mehrere Arbeitstrupps gleichzeitig Gräber ausheben. Auch in Benin fordert Aids seine Opfer.
Zwar beziffert die Regierung die Rate der HIV-Infizierten landesweit nur noch mit 4,1 Prozent. Tatsache ist jedoch, dass beispielsweise in der Stadt Dogbo, rund sechs Kilometer vom Standort des Aids-Projekts der Aktion pro Humanität entfernt, die HIV-Infektionsrate allein bei schwangeren Frauen bei 15 bis 20 Prozent liegt. In fünf größeren Städten entlang der Süd-Nordachse (Comé, Dogbo, Savalou, Parakou und Tangieta) vermutet man eine HIV-Infektionsrate von deutlich mehr als zehn Prozent. Selbst die Ge­sund­heits­mi­nis­terin sagt, die offiziellen Zahlen seien statistisch betrachtet wohl real, aber möglicherweise nicht realistisch.
Eine Umfrage bei den traditionellen Heilern in der ländlichen Kommune Gohomé lässt ebenfalls vermuten, dass die Zahl der Infizierten wesentlich höher ist. „Beaucoup, beaucoup“, antworteten die meisten auf die Frage nach der Erkrankungsrate an Aids. Allen Heilern waren die Symptome bekannt. Zugleich räumten sie ein, kein Behandlungskonzept dagegen zu haben. Sie berichteten auch von der großen Angst und der sozialen Isolation der Aidskranken und ihrer Angehörigen. Stirbt beispielsweise ein Familienvater offenkundig an der Immunschwächekrankheit, setzt das – von der Dorfgemeinschaft gebilligt – alle traditionellen Versorgungsprinzipien für die Hinterbliebenen außer Kraft, beispielsweise die „Versorgungsehe“ der Witwe mit dem Bruder des Verstorbenen. Das Beispiel verdeutlicht, dass sich das Ausmaß der Aids-Katastrophe nicht mit der Zahl der Toten und Aidswaisen, der rückläufigen Lebenserwartung, dem Niedergang der aufkeimenden Wirtschaft einzelner afrikanischer Staaten oder gar mit der Frage nach dem Zugang zu antiretroviralen Medikamenten erschöpft. Die HIV-Infektion von Millionen Menschen unterhöhlt das gesellschaftliche Gefüge vieler Staaten des krisengeschüttelten Kontinents: Es droht ein weiterer Verlust sozialer Bindungen in den Großfamilien und damit der Verlust traditioneller Sicherungs- und Versorgungssysteme.
Anfang letzten Jahres haben das Medikamentenhilfswerk Action Medeor und die Hilfsorganisation Aktion pro Humanität in der „Gesundheitszone“ Kouffou ein sozialmedizinisches AidsProjekt ins Leben gerufen – das erste in einer Region mit 300 000 Einwohnern rund um die Stadt Dogbo. In der zone sanitaire liegt auch das Centre Medical Gohomé, die 1995 eröffnete Krankenstation der Aktion pro Humanität. Sie ist für die basismedizinische Versorgung der rund 20 000 Einwohner der Gemeinde Gohomé zuständig und zugleich Zentrum der regionalen Aidsarbeit. Einer Integration in den nationalen Aidsplan hat die beninische Regierung zugestimmt.
Für die aidskranke Studentin ist der traditionelle Heiler Rigobert die letzte Zuflucht. Fotos: Elke Kleuren-Schryvers
Für die aidskranke Studentin ist der traditionelle Heiler Rigobert die letzte Zuflucht. Fotos: Elke Kleuren-Schryvers
In der Projektregion liegt die Rate der HIV-Infektionen offiziell bei 14 Prozent. Die Hilfsorganisationen gehen allerdings inzwischen von rund 20 Prozent aus, denn in den ländlichen Regionen hat die Aufklärungsarbeit kaum begonnen. So sind hier – anders als in der Metropole Cotonou – immer noch deutlich steigende Zahlen von HIV-Infektionen zu erwarten. Schon jetzt liegt im Centre Medical Gohomé die Zahl der Infizierten unter denjenigen, die sich nach Aufklärungsaktionen einem Test unterzogen haben, bei etwas über elf Prozent. Dabei kann man davon ausgehen, dass sich in dieser Phase eher die Menschen einem freiwilligen Test unterziehen, die das Gefühl haben, nicht infiziert zu sein und dies bestätigen lassen wollen.
Die Aktion pro Humanität widmet sich deshalb neben der medizinischen Basisarbeit vor allem der Aufklärung. Gemeinsam mit den Kirchen und anderen Institutionen versucht die Organisation, die Diskriminierung der HIV-Infizierten und Aidskranken abzubauen und das Wissen um den Schutz vor Ansteckung zu verbessern. Eine Musikgruppe, Tänzer, Trommler, der musikalische Geschichtenerzähler Agossevi und vor allem der örtliche Leiter des AidsProjektes, Michel, mit seinen Mitarbeitern bilden ein effektives „Sensibilisierungsteam“. Die Kampagnen in den Dörfern kommen so gut an, dass die Menschen aus den Nachbargemeinden anfragen, warum ihre Kommune nicht auch ein solches Aids-Sensibilisierungsprogramm bekommt, denn Aids mache ja nicht an der Gemeindegrenze Halt. Wir müssen bislang immer erklären, dass unsere Finanzmittel nicht weiter reichen und vielleicht künftig der Staat diese Aufgaben wahrnehmen könnte. Dafür müssen aber die internationalen Geber zunächst die Finanzmittel freigeben.
Zusätzlich zu den Aktionen in den Dörfern gibt es gruppenspezifische Aufklärungsangebote, beispielsweise für Schüler, Lehrer oder Frauen. Geplant ist auch ein regelmäßiger Informationsaustausch mit den traditionellen Heilern der Region. Zurzeit sind sie es, die die todkranken Aidspatienten auffangen, wenn man deren Familien in den Krankenstationen mitteilt, dass sie die Patienten am besten mit nach Hause nehmen, weil man ihnen nicht mehr helfen kann und der Familie keine weiteren Ausgaben zumuten will. Dann sind es die Heiler, die in ihren Hinterhöfen die Schwerkranken behandeln, ihnen pflanzliche Medikamente zur Linderung ihrer Symptome bereiten und spirituelle Hilfe anbieten. Allerdings macht kein Heiler publik, dass er Aidspatienten behandelt, weil er fürchten muss, dass andere Patienten dann ausbleiben.
So liegen die Patienten in ihren sauber gefegten, aber schlecht belüfteten Lehmhütten. Der Geruch einer schweren Krankheit hängt in der Luft. Die Augen müssen sich zunächst an die Dunkelheit gewöhnen, bevor wir die Patienten ausmachen können. Ausgemergelte Menschen liegen auf Bretter- und Rattanliegen, die meisten ohne Matratzen – ihre Körper und die Haut zerschunden von der Krankheit und dem langen Liegen. Die Kranken freuen sich über den Besuch. Sie sind dankbar für jede Zuwendung, wie unser Nachbar, der Heiler Rigobert, erzählt. Viele sind allein, aus dem Dorf oder der Familie kümmert sich kaum jemand um sie. Die meisten sind finanziell ruiniert. „Ils sont complètement fini“, sagt Rigobert – und hilft ihnen dennoch.
Wir bemerken bei diesen Besuchen, wie wichtig ein einfacher „Besuchsdienst“ für die vielen Kranken auch in den Hütten auf den Dörfern wäre. Besuchten Helfer regelmäßig das Haus der Aidskranken und ihrer Familien, wäre das weit mehr als Trost und Zuspruch. Es würde helfen, die Isolation und Ausgrenzung zu mildern.
Ziel ist es deshalb, eine lokale Organisation zu finden, die sich mit unserer Unterstützung und in gemeinsamer Organisation dieser Aufgabe annimmt. Aids-Projektleiter Michel soll dabei die freiwilligen Helfer in Fragen der Sozialberatung und Pflege ausbilden. Benötigt werden aber vor allem Sponsoren, die das Ganze finanzieren. Eigeninitiativen auf diesem Gebiet gibt es nicht, weil Aids nach wie vor ein Tabuthema ist. Dabei dürfte es inzwischen nahezu in jeder Familie Angehörige geben, die an Aids leiden oder bereits daran gestorben sind.
Die Aids-Aufklärungskampagnen auf den Dörfern kommen bei der Bevölkerung gut an.
Die Aids-Aufklärungskampagnen auf den Dörfern kommen bei der Bevölkerung gut an.
Anzeige
„Ils ont peur“, sagen die Beniner über die anderen, ohne zu bedenken, dass es auch sie treffen kann – wie die 22-jährige Biologiestudentin an der einzigen Universität in Benin, die unmittelbar nach unserem Besuch im September 2001 gestorben ist, oder der Schuldirektor, der Lehrer, der Feldarbeiter oder die schwangere Frau und Mutter von vier Kindern. Aids macht in der Region vor keiner Gesellschafts- oder Bildungsschicht Halt. Die Unwissenheit über die Erkrankung und die vielfach polygame Lebensweise leisten der Ausbreitung des HI-Virus Vorschub. Zwar ist die Situation bei weitem noch nicht so dramatisch wie in Südafrika, wo es inzwischen Regionen gibt, in denen man überlegt, die Aidstoten aus Platzgründen aufrecht zu bestatten – Feuerbestattungen sind nach afrikanischer Tradition tabu. Doch auch in Benin reichen die Kühlplätze in den Leichenhäusern nicht mehr aus, um alle Toten so lange aufzubewahren, bis die Familien das Geld für eine würdige Beerdigung aufgetrieben haben. Will man der Familie eines Verstorbenen helfen, ist man oft genötigt, bei mehr als 40 Grad Celsius stundenlang mit dem Leichnam von Leichenhalle zu Leichenhalle zu fahren und zu bitten und zu betteln, dass der Tote aus dem Auto geholt wird.
Nachdem wir bei unserem letzten Projektaufenthalt im Januar vom Nationalen Aids-Institut die Behandlungserlaubnis erhalten haben, werden wir im Frühjahr mit dem HIV-Transmissions-Schutzprogramm beginnen können. Mithilfe des Medikaments Nevirapine lässt sich die spontane HIV-Transmissionsrate von der Schwangeren auf ihr Kind, die in Entwicklungsländern bei 30 bis 40 Prozent liegt, in etwa halbieren. Das Präparat stellt die Aktion Medeor in Kooperation mit der Pharmafirma Boehringer Ingelheim bereit.
Am kirchlichen Krankenhaus in Tangieta, im Norden Benins, darf mit staatlicher Erlaubnis bereits seit Beginn letzten Jahres mit Nevirapine behandelt werden. Das Transmissionsschutzprogramm bezeichnet der dortige Arzt als sehr effektiv und praktikabel, weil das Medikament Mutter und Kind nur einmal verabreicht wird. Mit Nachdruck warnt er vor überzogenen Hoffnungen, die viele auch in Afrika in die antiretrovirale Aidstherapie setzen. „Menschen, die in vielen Regionen nur einmal täglich zu essen haben und die zu einem hohen Prozentsatz Analphabeten sind, kann es doch ohne intensivstes kotherapeutisches Management nicht gelingen, die unterschiedlichen Tabletten eines Aids-Cocktails mehrmals täglich in der richtigen Reihenfolge, vor oder nach dem Essen, einzunehmen. Doch gerade davon hängt die Wirksamkeit der Medikamente bei diesem enorm wandlungsfähigen Virus ab“, betont der Arzt. Er fürchtet bei einem übereilten Einsatz dieser Medikamente das nächste Desaster: eine Resistenzentwicklung ungeahnten Ausmaßes.
Wer fühlt sich hier zum „Entscheidungsträger“ berufen, der Wissenschaft, Ethik, Moral, Humanität und Wirtschaft gleichermaßen vertritt? Zwar können Hilfsorganisationen vor Ort mit der Basisarbeit beginnen, bis die Regierungen entschieden und bessere Strukturen geschaffen haben. Vorschnelle „Heilsbringer“ oder Hyperaktivismus bergen aber mehr Probleme als Lösungen. Dennoch sollten uns die Beispiele anderer Entwicklungsländer wie Brasilien ermutigen, diesen Weg weiterzugehen. Die Menschen in Afrika wissen um die therapeutischen Möglichkeiten. Ihr Unverständnis wird in dem Maße wachsen, je mehr sie begreifen, dass ihnen vorenthalten wird, was anderswo möglich ist: die Hoffnung auf ein verlängertes Leben.
Weil die strukturellen und finanziellen Voraussetzungen fehlen, kann und will die Aktion pro Humanität derzeit noch keine Aids-Cocktails zur Behandlung einsetzen. Stattdessen wird den Frauen und Kindern, die mit Nevirapine therapiert werden, zusätzlich ein pflanzliches Medikament zur Immunstabilisierung verabreicht. Ein Missionar und Chirurg im Norden des Landes hat das Präparat seit mehr als sechs Jahren erforscht und erfahrungsmedizinisch ausgewertet.
Für eine kostenfreie Aidstest-Kampagne liegen 5 000 Aidstests im Centre Médical Gohomé bereit.
Für eine kostenfreie Aidstest-Kampagne liegen 5 000 Aidstests im Centre Médical Gohomé bereit.
Sicher wird man auch in Benin für die Zukunft auf eine wirkungsvolle Behandlung hoffen dürfen. Gemeinsam mit der Weltbank, die Anfang Januar 17 Milliarden Dollar für die Aidsarbeit der kommenden fünf Jahre bereitgestellt hat, werden viele Nichtregierungsorganisationen auch therapeutisch aktiv werden können. Denn ein großer Teil des Budgets ist für die medikamentöse HIV-Therapie vorgesehen. Erste Kontakte hat die Aktion pro Humanität bereits geknüpft. Sobald es Mittel und Wege gibt, therapeutische Konzepte auch in ländlichen Regionen umzusetzen, wird die Organisation ein aktiver Partner der Betroffenen sein. Doch noch steckt die Aidsarbeit in den Kinderschuhen. Immerhin soll es demnächst in einer Klinik in Cotonou 400 Patienten ermöglicht werden, sich kostenfrei einer Aidstherapie zu unterziehen. Der „Run“ dürfte unvorstellbar sein.
Neben dem Transmissionsschutz wollen Action Medeor und die Aktion pro Humanität in der Bevölkerung die Bereitschaft fördern, sich einem HIV-Test zu unterziehen. 5 000 Aidstests sind im vergangenen Sommer in Benin eingetroffen. Die Kosten von rund 10 000 Euro hat zur Hälfte die Action Medeor getragen. Die andere Hälfte stammt aus Spenden der Aktion pro Humanität.
„Wir können es uns nicht leisten zuzulassen, dass die Aidsepidemie die Verwirklichung unserer Träume ruiniert“, sagte 1990 der südafrikanische Anti-Apartheid-Aktivist und Politiker Chris Hani. Inzwischen ruiniert Aids das tägliche, ohnehin schwere Leben von nahezu 25 Millionen Menschen in Afrika: die kleinen Träume von Familie oder Schulbildung für die Kinder, die einfache medizinische Versorgung anderer Familienmitglieder bei Malaria, Durchfallerkrankungen oder Bronchitis. Es ruiniert den medizinischen, ökonomischen und sozialen Fortschritt eines ganzen Kontinents. Ganz gleich wie die Welt sich nun noch anstrengt: Wir rennen wieder einmal hinterher – wie bei so vielen humanitären Katastrophen.

Dr. med. Elke Kleuren-Schryvers
Aktion pro Humanität
Wallstraße 4
47627 Kevelaer



Benin gehört zu den so genannten „am wenigsten entwickelten Ländern“. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 50 Jahren, die Analphabetenrate bei etwa 70 Prozent.
Das deutsche Medikamentenhilfswerk Action Medeor stellt dort in Kooperation mit dem Pharmakonzern Boehringer Ingelheim das Medikament Nevirapine bereit und unterstützt die Aktion pro Humanität mit Aidstests und Medikamenten zur Behandlung opportunistischer Infektionen. In den medizinischen und sozialen Hilfsprojekten der Aktion pro Humanität in Benin arbeiten derzeit zwei deutsche Entwicklungshelferinnen, Anita Plöntzke und Angelika Fedke, mit rund 40 beninischen Mitarbeitern.
Zwischen 1994 und 1998 war die heutige Aktion pro Humanität als Sektion Niederrhein des Komitees Cap Anamur in Benin aktiv. „Dr. Rupert Neudeck und seine Frau Christel sind unsere humanitären Zieheltern“, sagt Dr. med. Elke Kleuren-Schryvers, praktische Ärztin in Kevelaer am Niederrhein und mit ihrem Ehemann Initiatorin der Benin-Hilfe. Mit Unterstützung weiterer fünf ehrenamtlicher Mitarbeiter unterschiedlichster Berufsgruppen und vor allem aus den Spendenmitteln finanziert die Aktion pro Humanität dort eine Krankenstation, zwei Schulen, drei Waisenhäuser, eine Kinderkrippe und eine Vorschule. Außerdem betreut sie rund 300 Frauen in Frauengruppen, um ihnen zu mehr wirtschaftlicher Unabhängigkeit zu verhelfen. Sie unterstützt darüber hinaus ein Behindertenprojekt und seit dem letzten Jahr ein Schülerhilfe-Projekt. Spendenkonto: Aktion pro Humanität e.V., Volksbank Goch-Kevelaer eG, BLZ: 322 603 10, Konto: 11 088.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema