ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2002Imagekampagne: Voll im Trend der Politik des Sozialabbaus
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LNSLNS . . . ich habe es schon fast verinnerlicht, dass ich unternehmerisch planen, wirtschaftlich arbeiten und bei allem, was ich als Ärztin tue, zuerst ans Geld denken soll. Aber da gab es trotzdem noch eine Schamgrenze! Eine ärztliche Leistung sollte eigentlich jedem Menschen zukommen: ob Freund oder Feind, reich oder arm. Und auch wenn wir in der Praxis nicht alle Menschen gleich behandeln, durften wir uns doch (wieder/noch) dem Ideal der Menschlichkeit verpflichtet fühlen.
Aber das kann ich mir wohl nicht mehr leisten! Die Plakate zeigen die Patienten knackig jung, gesund und sexy. Das sind die Patienten, die wir jetzt brauchen. Damit es was zu IGeLn gibt! Schwer kranke, multimorbide und alte Menschen machen uns den Schnitt kaputt und kosten nur Zeit und Nerven. Wenn ich mich nicht jedes Quartal dafür rechtfertigen oder/und Regresse zahlen will, muss ich eben um junge und gesunde und/oder zahlungskräftige Patienten werben/kämpfen.
Da macht uns die Kampagne Mut: Unsere KV/wir Ärzte können nicht nur erfolgreich sein wie ein Mercedeshändler oder ein Persilverkäufer! Wir haben einen Vorteil: Patienten haben zu uns mehr Vertrauen, und in ihrer Sorge und Angst sind sie eher bereit, sich uns auszuliefern. Unsere KV ermutigt uns: Zieht sie doch aus, die Patienten, und nicht nur finanziell! Ziehen sie sich nicht sogar freiwillig aus? Das DÄ fragt, ob die Werbung mit erotischen Motiven nicht eher dem Image der Ärzteschaft schadet. Ich denke, diese Kampagne nützt der Ausgrenzung der alten und kranken Patienten aus der Solidargemeinschaft und dient der Privatisierung der Gesundheitsleistungen. Sie liegt voll im Trend der Politik des Sozialabbaus.
Gisela Algermissen, Phönixstraße 30, 44263 Dortmund
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