ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2002Mobbing: Eine Theorie für die Therapie

WISSENSCHAFT

Mobbing: Eine Theorie für die Therapie

PP 1, Ausgabe September 2002, Seite 416

Roth, Wolfgang

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LNSLNS Der evolutionspsychologische Ansatz von Rudolf Bilz wird zur Definition des „Mobbings“ herangezogen. Vor diesem theoretischen Hintergrund leitet der Autor Definition, Diagnose und Therapieform ab.

Nach Schoberberger und Bayer (8) wird das Thema „Mobbing“ in rund 15 Prozent aller Therapien virulent. Da die Literatur wenig theoriebasiert ist, wird nachfolgend geklärt:
In welchem theoretischen Umfeld wurde der Begriff von wem geprägt?
Wie ist Mobbing vor diesem theoretischen Hintergrund zu definieren und zu diagnostizieren?
Welche Therapieform leitet sich aus dem Bilzschen Ansatz ab?
Die Paläoanthropologie von Rudolf Bilz als Basistheorie
1971 hat Rudolf Bilz (1898–1976), Arzt, Psychotherapeut und Paläoanthropologe in Mainz, das Phänomen in der heute üblichen Verwendung beschrieben und mit dem Begriff „Mobbing“ belegt (Deutsches Ärzteblatt 1971) (1). Der Arzt Peter-Paul Heinemann, der „Mobbing“ in einer Buchveröffentlichung 1972 erstmals verwandte, gilt irrtümlicherweise als Stammvater dieses Begriffs. Auch hat er die Theorie von Bilz nicht übernommen, was als entscheidender Nachteil angesehen werden muss. Der evolutionspsychologische Ansatz, den Bilz benutzt, sucht nach Übereinstimmungen und Divergenzen zwischen Menschen und Tieren in ihrer Entwicklung und in ihrem gegenwärtigen Verhalten. Beim Mobbing zeigen sich erstaunliche Parallelen: Sowohl Tier- als auch Menschengruppen attackieren und eliminieren Normabweichler. Dabei aktivieren sie, entsprechend ihrem Grad der Erregung und Empörung, der sich wiederum aus der Bewertung der wahrgenommenen Abweichung ergibt, ein Repertoire von schwacher bis starker Reaktion.
Bilz beschreibt fünf Stufen (1):
1. Die Blickzuwendung als Ausdruck der Aufmerksamkeitszuwendung: Diese Bedeutung wird in manchen Kulturen als „böser Blick“, den es etwa mit einem Handamulett abzuwehren gilt, bezeichnet.
2. Aus dem missbilligenden Blick kann ein abwertendes oder verächtliches Lächeln „von oben herab“ werden.
3. Über das Opfer werden Witze gemacht.
4. Brachiale Gewalt: Das Kind, das einen fremden Dialekt spricht, kann auf dem Schulhof in der Pause verprügelt werden.
5. Lynchen: Die Anstoß-Aggressivität, die die Artgenossen über die „gezeichnete“ Möwe herfallen lässt, kann in der Tat mit der Ausmerzung enden. Bilz erwähnt den Versuch des Biologen Friedrich Goethe, der 1939 eine Möwe mit Farbe bekleckst hatte und beobachtete, wie die Artgenossen über das Tier herfielen (1).
Die von Bilz dargestellten Stufen sind inzwischen ausdifferenziert. So hat Leymann 300 Interviews ausgewertet und kommt zu 45 Mobbing-Handlungen (4), die er inhaltlich ordnet als Angriff auf die Möglichkeit sich mitzuteilen, die sozialen Beziehungen, das soziale Ansehen, die Qualität der Berufs- und Lebenssituation sowie die Gesundheit. Esser/Wolmerath (3) kommen sogar auf mehr als 100 Mobbing-Handlungen, die sie in zehn Kategorien ordnen, wie zum Beispiel Angriffe gegen die Arbeitsleistung und das Leistungsvermögen, gegen den Bestand des Beschäftigungsverhältnisses oder destruktive Kritik. Zur Diagnose von Mobbing muss allerdings die Analyse der Mobber-Motivation hinzukommen, das Verhalten und die Wahrnehmung/Bewertung der Mobbingaktionen seitens des Opfers.
Mobbing lässt sich – nach dem paläoanthropologischen Ansatz von Bilz – definieren als repressive Verhaltensweisen der Gruppe insgesamt oder einzelner ihrer tatsächlichen oder Möchtegern-Repräsentanten auf der Basis physiologischer Kontrollbereitschaften, als Folge tatsächlicher oder vermuteter Abweichungen von einer impliziten Gruppennorm. Eine solche Normenkontrolle muss logischerweise in allen Gruppen stattfinden und hat zur Folge, dass mögliche Krankheiten Einzelner nicht zur Epidemie werden und/oder schwache Gruppenmitglieder ausgemerzt werden, sodass die von ihnen eingenommenen Rollen so besetzt werden können, dass die Gruppe verlässlich funktioniert. Es macht unter diesem Blickwinkel Sinn, wenn der Mobbing-Mechanismus früh anspringt und Abweichler oder als schwach empfundene Rollenträger entweder schnell zur Räson und zur Anstrengung gebracht oder aus der Gruppe ausgeschlossen werden. Die Tatsache, dass unter Umständen überreagiert wird und sogar besonders Begabte, Sensible attackiert und ausgeschlossen werden, wird dabei offensichtlich als Fehler in Kauf genommen. Bekanntlich vertreten die Gruppenführer und solche, die es werden wollen, die Normen der Gruppe besonders deutlich oder gar aggressiv, sodass beide diese Aufgabe bevorzugt übernehmen und diese Situation nutzen können, um sich zu profilieren.
In der Gruppe und von den Mobbern wird das Verhalten der Gemobbten nicht als Krankheit, sondern als Ausdruck einer merkwürdigen, absonderlichen Persönlichkeit oder Eigenart gesehen und der betreffenden Person die Verantwortung für das „anstößige Verhalten“ zugesprochen, was gleichzeitig die rationale Rechtfertigung fürs Mobben darstellt.
Besonders gerechtfertigt scheint das Mobben in schwierigen Situationen, wenn die Gruppe und ihre Glieder gut funktionieren müssen, also in Stresssituationen. Andererseits können diese aber auch mittelhohe Spannungen in der Gruppe überdecken, da für Reinigungsrituale keine Zeit bleibt. Das Anspringen von Mobbing scheint also von drei Faktoren abhängig:
c von den Norm- und Kontrollvorstellungen und der Sensibilität der Mobber,
c von dem Handeln/Verhalten/Reagieren der gemobbten Person und ihrer Sensibilität (Wahrnehmungsschwelle),
c von den situativen Rahmenbedingungen und deren Wahrnehmung durch die Beteiligten (der vermuteten Notwendigkeit normadäquaten Verhaltens).
Die Therapie kann zu einer Verschärfung des Mobbing-Prozesses führen, wenn sie auf eine Desensibilisierung oder gar Leugnung der Angriffe gerichtet ist. Viele Therapeuten gehen andererseits von der These aus, dass sich die Mobber ein schwaches Selbst ausgesucht haben und versuchen, dieses in der Therapie zu stärken. Auch dies kann sich negativ entwickeln, da die Mobber – sich im Recht fühlend – konstatieren, dass der/die Gemobbte zu den gemachten Fehlern nun auch noch frech wird. Es ist deshalb notwendig, die provokanten Verhaltenselemente des Opfers herauszuarbeiten. Die Mobber in die Diagnose einzubeziehen würde jedoch dazu führen, dass das Opfer um die Soli-darität mit dem Therapeuten kämpfen würde, weshalb man sich bei der Diagnose zumindest vorläufig auf die Wahrnehmungen/Darstellungen des Opfers beschränken muss. Anhand der Schilderung kann geklärt werden, ob es sich um Mobbing als Anstoßnehmen eines Teils oder der gesamten Gruppe gegen Einzelne handelt, deren Handeln, Verhalten, Sein, als abweichend, ungebührlich, empörend empfunden wird.
Abzugrenzen ist das Mobbing vom Bossing, bei dem es um einen Kampf von Konkurrenten um die Vormachtstellung und den Zugang zu Ressourcen in der Gruppe geht. Auch Richtungskämpfe zwischen Teilgruppen, zum Beispiel Konservative gegen Progressive, oder der Kampf einzelner Aufsässiger gegen eine Gruppe, die diese umkrempeln wollen – was dann oft in Mobbing als Reaktion der sich angegriffen fühlenden Gesamtgruppe gegen die Aufsässigen umschlagen kann – ist davon abzugrenzen. Diese vier Aggressionssituationen (6) sind eine Weiterführung des Ansatzes von Bilz, der schon 1971 betont hat, dass es nicht den Beobachtungen entspricht und daher nicht sinnvoll erscheint, von einer allgemeinen Aggressivität der Menschen oder auch der Tiere auszugehen. Stattdessen solle von situationsspezifischen Bereitschaften, sodass sowohl Mensch als auch Tier auf bestimmte Auslöser nicht automatisch, aber doch mit höherer Wahrscheinlichkeit schnell reagieren können, ausgegangen werden.
Nach der Differenzierung ist es wichtig, die Entwicklung zu analysieren: „Die meisten Autoren, die sich mit Mobbing befasst haben, sind sich in der Annahme einig, dass jedem Mobbingfall ein Konflikt vorausgeht“ (3). Auch wenn Esser/Wolmerath selbst einen Zusammenhang von Konflikt und Mobbing nicht sehen, kann man davon ausgehen, dass Gruppen, ähnlich wie Individuen, ein „inneres Konto“ führen. Die laufende Addition von Einzelereignissen lässt das negative Gefühl einer Person gegenüber so stark werden, dass die Schwelle zum Mobbing überschritten wird. Da das Opfer diese Entwicklung nicht wahrgenommen hat, fühlt es sich vom Mobbing-Ausbruch überrascht und erst recht als Opfer ungerechtfertigter Attacken. Seine „Fehler“ sind also schon früher passiert und verbergen sich hinter der situativen Ahnungslosigkeit.
Ziele der Therapie
Gemobbte sehen sich meist als Opfer von Egoismen (Vampiermodell), auf die sie keinen Einfluss haben. Diese Kontrollüberzeugung muss überwunden werden, indem die Mobber als beeinflussbar und das eigene Handeln als Teil des Prozesses erlebt und somit auch veränderbar wird. Außerdem ist die Sensibilität zu verbessern, damit die Anzeichen eines beginnenden Mobbing-Prozesses schneller erkannt werden. Schließlich ist die Kommunikationsfähigkeit zu erweitern, sodass die gegenseitigen Wahrnehmungen ausgetauscht werden können.
Viele Mobbing-Opfer können nur unzureichend einschätzen, wie sie auf andere wirken. Sie haben die Gruppe und deren Normen nicht im Blick – oder möchten sie nicht im Blick haben. Oft sind die Mobbingopfer mit persönlichen Problemen so beschäftigt, dass sie die Vorzeichen aufgrund abgezogener oder veränderter Aufmerksamkeit nicht erkennen. In diesem Fall muss zunächst der dem Mobbing vorgelagerte Prozess bearbeitet werden. Manche Mobbing-Opfer provozieren auch den Gruppenangriff, weil sie in ihrer Geschichte gelernt haben, sich in dieser Rolle aufzuhalten und die ihnen vertrauten Emotionsmuster reaktiviert werden („Ich, das ewige Opfer“).
Die Gemobbten sollten ihr Herausfallen aus der Norm selbst erkennen und künftig vorbeugend vermeiden können. Die Gruppe muss umgekehrt deutlicher ihre impliziten Normen explizieren, sodass für alle sichtbar wird, ob sie sich im Mittelbereich aufhalten. Auch sind in einem sozialtherapeutischen Gruppenprozess die Stufen der Hinweise und Sanktionen aus dem Bereich des Verletzenden in den der Hilfe rational zu überführen. Es würde die höchste Stufe des individuellen Therapieerfolges darstellen, wenn sich das ursprüngliche Mobbingopfer an einem solchen Gruppenprozess beteiligen oder ihn sogar anstoßen könnte.
Insbesondere die systemischen und die Gruppentherapie-Formen scheinen geeignet, weil sie die Gruppensituation, in der sich Mobber und Gemobbte befinden, am ehesten abbilden können. Da es weiter darauf ankommt, eine Situation simulieren zu können, ohne dass die Gegenseite (die Mobber) anwesend sind, scheinen neben Gestalt und Systemischer Therapie vor allem das Psychodrama geeignet, das aus solchen Situationen heraus von Moreno entwickelt wurde. Es wird gelegentlich notwendig sein, dass die Gemobbten die Gruppe (den Arbeitsplatz) wechseln, was ebenfalls im Rollenspiel vorbereitet werden sollte.
Bevor solche Verfahren eingesetzt werden können, muss ein genügend großes Vertrauen zur therapierenden Person und ein ausreichend großes Selbstvertrauen aufgebaut sein, sodass der spezifische Gruppenkonflikt angeschaut werden kann. Dies bedeutet, dass sich die Klienten mindestens auf Stufe vier nach Rogers’ siebenstufigen Wachstumsprozess hin zur Offenheit gegenüber Gefühlen befinden (5) und flexibel auch die Teile ihres Selbst aufgreifen können, die nicht hinreichend integriert sind und oftmals zum „Stein des Anstoßes“ für Andere werden, die die Inkongruenz der Person spüren. Das ist auch deshalb notwendig, damit ein möglicher Wechsel in eine andere Gruppe oder die Übernahme einer anderen Rolle auch von der Person selbst nicht als Scheitern angesehen wird, weil sie zwischenzeitlich andere persönliche Ziele für sich formuliert hat.
Psychodrama zur Therapie geeignet
Für den Mobbingtherapieprozess gibt es folgende Stufen oder Themen, die in jeder Therapie in unterschiedlicher Reihenfolge oder zirkulär und unterschiedlich lange zu durchlaufen sind und gruppentherapeutische Ansätze mit der Gesprächstherapie und der Verhaltenstherapie verbinden:
c Beziehung zwischen Klient und Therapeut wird stabil aufgebaut,
c gesprächstherapeutische Klärung der Erlebnisse, der Gefühls- und Denkmuster (bis mindestens Stufe 4 nach Rogers),
c damit integriert: Stärkung des Selbstvertrauens, unabhängig von den äußeren Bewertungen und Erfahrungen, um eine Konfrontation auszuhalten,
c Verstehen und ansatzweise Auflösung des Hilflosigkeits-Musters (Entmystifizierung der Mobber als Vampire, denen man hilflos ausgeliefert ist),
c genaueres Hinschauen und Klärung, was abläuft: Konfrontation mit den Mobbern auf dem leeren Stuhl beziehungsweise in der Psychodrama-Gruppe (Eigenanteile erkennen),
c Gesprächtstherapie-Weiterführung: Integration dieser bislang verleugneten Teile des Selbst,
c wiederholtes Durchspielen und (verhaltenspsychologische) Einübung von neuen Interaktionsmustern (von mechanistischer Anwendung zum rational gesteuerten Handeln),
c Reflexion und Optimierung der in der Realsituation erprobten Interaktionsmuster,
c Erhöhung von Sensibilität und Kommunikationskompetenz zur rechtzeitigen Klärung von Erwartungen und Normen (präventiver Schutzschild),
c Aufbau von humanen Regularien in der Realgruppe für die Überprüfung der Normeinhaltung und für den Umgang mit Normabweichungen (Anwendung einer neuen Gruppenkooperationsfähigkeit, von Selbst- und Verhaltenssicherheit).
Die von Bilz beschriebene Bereitschaft, die Einhaltung von Gruppennormen zu kontrollieren und sanktionieren, kann trotz ihrer prinzipiellen Nützlichkeit auch missbraucht werden: dann, wenn sie nicht auf eine Gruppenbedrohung bezogen ist. Dies gilt es mit Sanktionen zu verhindern. Personen, die Mobbing für sich instrumentalisieren, bedürfen einer klärenden Behandlung, denn sie haben offensichtlich Zielsetzungen, die sie nicht mit regulären Mitteln glauben erreichen zu können.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: PP 416–418 [Heft 9]

Literatur
1. Bilz R: Menschliche Anstoßaggressivität (Mobbing). Dtsch Arztebl 1971; 68: A 237–241 [Heft 4].
2. Bilz R: Paläo-Anthropologie. Der neue Mensch in der Sicht einer Verhaltensforschung. Frankfurt/M: Suhrkamp 1971.
3. Esser A, Wolmerath M: Mobbing. Der Ratgeber für Betroffene und ihre Interessenvertretung. Frankfurt/M: Bund 2001.
4. Leymann H: Mobbing. Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann. Reinbeck: Rowohlt 1993.
5. Rogers C: Entwicklung der Persönlichkeit. Original 1961, Stuttgart: Klett-Cotta 1992.
6. Roth W: Mobbing. Herkunft des Begriffs und sein theoretischer Hintergrund. Zeitschr. Gruppendynamik und Organisationsberatung 2002. Heft 2 Juli (in Druck).
7. Roth W: Sozial kompetent. Materialien für die Grundschule und Sekundarstufe I. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2002 (in Herstellung).
8. Schoberberger R, Bayer P: Die Rolle von Mobbing in der psychologischen Diagnostik und Behandlung. Erhebung der Sektion Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie des BoeP im April/Mai 1999. Zeitschr.: Psychologie in Österreich 2000; 20: 102–105.

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. phil. Dipl.-Psych. Wolfgang Roth
Institut für Psychologie, Pädagogische Hochschule
Kunzenweg 21, 79117 Freiburg
E-Mail: roth@ph-freiburg.de
(Eine umfassendere Darstellung und Literaturliste kann beim Autor angefordert werden.)
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