ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2002Hermann Hesse: Autor der Selbstverwirklichung

VARIA: Feuilleton

Hermann Hesse: Autor der Selbstverwirklichung

PP 1, Ausgabe September 2002, Seite 423

Rehbein, Maja

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Foto: Suhrkamp Verlag
Foto: Suhrkamp Verlag
Im Hesse-Gedenkjahr erinnern zahlreiche Veranstaltungen an den meistgelesenen deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Hermann Hesse (1877– 1962), der ganzen Generationen von jungen Menschen auf den eigenen Weg half, beschloss mit zwölf Jahren, „entweder ein Dichter oder gar nichts zu werden“. Der Vater, ein pietistischer Missionar, bestand nach der Lateinschule auf dem Besuch des evangelisch-theologischen Seminars in Maulbronn, wo er sich auf das Studium der Theologie vorbereiten sollte. Nachdem er dort wegen depressiver Zustände geflohen war, kam er in verschiedene Schulanstalten, eine Mechanikerlehre und schließlich 1895 nach Tübingen, jedoch nicht als Student am Stift, sondern als Lehrling in der Heckenhauerschen Buchhandlung. Nach elf Stunden erschöpfender Arbeit las er Werke aller wichtigen Dichter. Er begann selbst Gedichte zu schreiben, und mit 22 Jahren veröffentlichte er „Romantische Lieder. Eine Stunde hinter Mitternacht“. Für immer mehr Zeitschriften schrieb er Rezensionen und Artikel.
Nach vier Jahren wurde Hesse Buchhändler in der Reichschen Buchhandlung in Basel, in deren Verlag im Jahr 1901 „Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher“ erschien. Auch in dieser Zeit, in die der Tod der Mutter fiel, litt er an Depressionen. Mit „Peter Camenzind“, 1904 bei S. Fischer erschienen, begann sein großer Ruhm. Er heiratete Maria Bernoulli und zog als freier Schriftsteller nach Gaienhofen am Bodensee. Doch durch die Familie mit drei Söhnen fühlte er sich bald eingeengt. Dieser Enge versuchte er durch große Reisen (1911 bis nach Indien) zu entfliehen.
In rascher Folge erschienen seine Bücher „Unterm Rad“, „Gertrud“, „Roßhalde“ und „Knulp“. „O Freunde, nicht diese Töne!“ war seine Antwort auf den Ersten Weltkrieg. Er arbeitete in der Kriegsgefangenenfürsorge und wandte sich öffentlich gegen den Wahnsinn des Krieges. 1916 wurde er durch schwere Schicksalsschläge (seine Frau erkrankte an Schizophrenie) behandlungsbedürftig und lernte bei Dr. Lang, einem Schüler von C. G. Jung, die Psychoanalyse kennen. Nach 60 Sitzungen war er fähig, den „Demian“ zu schreiben. „Das Leben der Menschen ist ein Weg zu sich selber hin“, heißt es im Geleitwort. Dieses Buch wurde enthusiastisch aufgenommen.
Allein übersiedelte Hesse nach Montagnola, einem Dorf im Tessin. Er begann zu malen und schrieb „Klingsors letzter Sommer“. Erst nach einer erneuten Krise der Unproduktivität, in der er von Jung selbst behandelt wurde, folgte 1922 „Siddhartha“ und später der „Steppenwolf“. Für einige Jahre war er mit Ruth Wenger verheiratet.
Ab 1923 litt er an rheumatischen Beschwerden, Gicht und Ischias; von da an wurden jährliche Kuren notwendig. Im „Kurgast“ schildert er dies in humorig-tiefsinniger Weise: „. . . je steifer unsere Gebeine werden, desto dringender bedürfen wir einer elastischen, zweiseitigen, bipolaren Denkungsart“. 1929 erstellte er eine „Bibliothek der Weltliteratur“. Als die Nazis an Einfluss gewannen, trat er aus der Preußischen Akademie der Künste aus. Um 1933 begann die intensive Freundschaft mit Thomas Mann. „Zukunftssichtig und zukunftsempfindlich“ nannte dieser Hesses Werk. Während seiner dritten Ehe mit Ninon Dolbin schrieb er „Narziß und Goldmund“, die „Morgenlandfahrt“ und 1943 das „Glasperlenspiel“, den Höhepunkt seines Werkes. Das war seine Antwort auf den Krieg. Hesse sagte deutlich, er sei lieber Opfer als Täter. Mit „Späte Prosa. Briefe“ beendete er im Jahr 1951 im Wesentlichen sein Schaffen. Bei Suhrkamp, dem Bewahrer des S. Fischer Verlages, erschienen „Gesammelte Dichtungen“ (sechs Bände), danach „Gesammelte Schriften“ (sieben Bände). In den letzten Jahren litt Hermann Hesse, ohne davon zu wissen, an Leukämie. Am 9. August 1962 starb er im Schlaf an einer Gehirnblutung.
Viele Ehrungen waren ihm zuteil geworden, bis hin zum Nobelpreis im Jahr 1946. In Amerika wurde er in den 60er-Jahren zum Kultautor. Inzwischen sind mehr als hundert Millionen Bücher in aller Welt erschienen, damit ist er der meistgelesene deutschsprachige Autor des 20. Jahrhunderts. Maja Rehbein
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