ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2002Paradies: Hoffnungen und Sehnsüchte

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Paradies: Hoffnungen und Sehnsüchte

PP 1, Ausgabe September 2002, Seite 424

Klinkhammer, Gisela

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Die Fassaden der Gebäude geben nicht nur Auskunft über ihr jeweiliges Baudatum, sondern auch über die Gemütsverfassung, die Gebräuche und die geheimsten Gedanken der Menschen, die sie errichtet haben. Alberto Savinio
Die Fassaden der Gebäude geben nicht nur Auskunft über ihr jeweiliges Baudatum, sondern auch über die Gemütsverfassung, die Gebräuche und die geheimsten Gedanken der Menschen, die sie errichtet haben. Alberto Savinio
Ein ungewöhnliches Kunstprojekt beschäftigt sich mit unterschiedlichen Paradiesvorstellungen.

Beschreibungen paradiesischer Welten gibt es in den meisten menschlichen Kulturen. Das Paradies erscheint als ein Ort und Zustand der Glückseligkeit. Die meisten Menschen sehen im Paradies auch eine Gegenwelt zum Alltagsleben. Die Unterschiedlichkeit der Paradiesvorstellungen künstlerisch umzusetzen, hat sich jetzt die Stadt Weil am Rhein vorgenommen. In einem ungewöhnlichen Kunstprojekt geben zurzeit an fünf Spielorten der Stadt Ausstellungen, Theater, Lesungen, Diskussionen und Feste Anlass zum Nachdenken. Sie regen nach Aussage des Kulturamts dazu an, „das eigene Verständnis vom Paradies auf Erden zu vertiefen, die Sinne zu öffnen für die vielfältigen und zauberhaften Ausdrucksformen paradiesischer Welten: in der uns umgebenden Natur,
in der Gestaltungskraft von Menschen und im eigenen Seelenleben“. Den Anfang machte eine Ausstellung des Arztes, Psychotherapeuten und Künstlers Prof. Dr. med. Rolf Verres, die bereits 1999 im Heidelberger Schloss zu sehen war. Verres beschäftigt sich vorwiegend mit Paradiesvorstellungen im Krankheitsprozess.
Er befasst sich mit diesem Thema, „weil der Tod und all das, was Menschen dazu denken, befürchten oder hoffen, in der Medizin ausgeblendet wird. Die Paradiesvorstellungen und -fantasien der Patienten können uns zu den spiritu-
ellen Bedürfnissen von Schwerkranken und Sterbenden führen.“ Und der Psychosomatiker will das Thema sogar auf die Tagesordnung der Medizin bringen. „Sie ist zu sehr auf die gesundheitlichen Gefahren, Risiken und Beschädigungen konzentriert, mit dem Ziel, sie irgendwie zu reparieren oder zu lindern. Immer wichtiger wird der Gedanke der Salutogenese, also die Hinwendung zu den inneren Stärken und Ressourcen eines Patienten – und dazu gehört auch, dass die Ärzte seine Hoffnungen und Sehnsüchte in ihr Menschenbild und in ihr therapeutisches Tun einbeziehen.“ Diese Seelsorge im weitesten Sinne sollte man nicht nur an die Theologen delegieren, fordert Verres.
Meine Worte sind wie die Sterne, sie gehen nicht unter. Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig, jede glitzernde Tannennadel, jeder sandige Strand, jeder Nebel in den dunklen Wäldern, jede Lichtung, jedes summende Insekt ist heilig, in den Gedanken und Erfahrungen meines Volkes. Der Saft, der in den Bäumen steigt, trägt die Erinnerung des roten Mannes. Häuptling Seattle Abbildungen entnommen aus: Rolf Verres: Paradies, Umschau Buchverlag, 224 Seiten
Meine Worte sind wie die Sterne, sie gehen nicht unter. Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig, jede glitzernde Tannennadel, jeder sandige Strand, jeder Nebel in den dunklen Wäldern, jede Lichtung, jedes summende Insekt ist heilig, in den Gedanken und Erfahrungen meines Volkes. Der Saft, der in den Bäumen steigt, trägt die Erinnerung des roten Mannes. Häuptling Seattle Abbildungen entnommen aus: Rolf Verres: Paradies, Umschau Buchverlag, 224 Seiten
Die unterschiedlichen Paradiesvorstellungen der Patienten lassen sich seiner Ansicht nach auch diagnostisch nutzen. Das werde allerdings in der gegenwärtigen Psychotherapie und Psychosomatik noch zu selten praktiziert. „Da achtet man ja viel stärker auf Konflikte, auf neurotische Strukturen, ungünstige Verläufe in der Biografie des Patienten. Aber je mehr ich versuche, zukunftsorientiert nach den tiefsten Sehnsüchten der Menschen zu fahnden, umso eher werde ich Anknüpfungspunkte für eine gute Beziehung finden. Und umso eher werde ich ihn wirksam dabei unterstützen können, dass er zumindest in Ansätzen etwas von dem findet, was er wirklich sucht.“ Verres’ Fotografien, die auch in einem Bildband zu bewundern sind, zeigen die Paradiese der Natur, „die sich uns erschließen können, wenn wir uns bewusster auf sie konzentrieren und erkennen, dass wir ein Teil von ihnen sind“, erläutert Verres.
In einer korrespondierenden Ausstellung steht die Idee im Vordergrund, das Paradies aus der Sicht der Menschen in der Region und aus Weil am Rhein zu beschreiben. Das „Herzstück“ ist nach Angaben des Kulturamtes eine Serie von Interviews mit 50 Menschen, die von ihren Paradiesen er-zählen, von ihren Sehnsüchten und Glücksmomenten im Leben. Gisela Klinkhammer

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Die Fotoausstellung von Rolf Verres war bis Ende Juni in Weil am Rhein zu sehen. Die Ausstellung „‘s Paradies“ kann noch bis 3. November im Museum am Lindenplatz besucht werden. Informationen: www.weil-am-rhein.de. Der Bildband „Paradies“ ist im Umschau Buchverlag zum Preis von 39,90 Euro erschienen. Eine CD mit Piano-Variationen von Rolf Verres ist erhältlich beim Zentrum für Interkulturelle Psychologie, Häusserstraße 3, 69115 Heidelberg. Preis: 20 Euro inklusive Versand.

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