ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2002Bernd Wrobel: Kreative Eruption

KUNST + PSYCHE

Bernd Wrobel: Kreative Eruption

PP 1, Ausgabe September 2002, Seite 432

Kraft, Hartmut

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„ohne Titel“, Wachskreiden und Kugelschreiber auf Papier,30 cm x 40 cm, unsigniert, undatiert (Oktober 1979) Foto: Eberhard Hahne
„ohne Titel“, Wachskreiden und Kugelschreiber auf Papier,
30 cm x 40 cm, unsigniert, undatiert (Oktober 1979)
Foto: Eberhard Hahne
E in weibliches Wesen mit auffällig großem Mund, mehr die Darstellung eines Geistes als die einer realen Frau, schwebt durch den Bildraum. Rote und gelbblonde Haare umhüllen die sich schlängelnde Figur. Das Thema des Bildes wird durch drei rote Herzen mehr als deutlich vorgegeben. So kann es auch nicht verwundern, wenn der bunt gefiederte Vogel mit seinem spitzen Schnabel in den Bereich der Genitalregion der schönen Frau mit ihren weit geöffneten Augen weist.
Eine Verliebtheit ist auch tatsächlich die Quelle dieser Bilderfindung. Bernd Wrobel gehörte zu den künstlerisch begabten Patienten, die bereits vor ihrer Erkrankung gezeichnet haben. Allerdings wurde ein Großteil seiner Zeichnungen zu Beginn der schizophrenen Erkrankung in wahnhafter Angst („um Spuren zu verwischen“) vernichtet. In der Klinik zeichnete er zunächst sehr starre Figuren, Panzer, Flugzeuge. Mit dem Wechsel in eine andere Beschäftigungstherapie wandelte sich innerhalb von Tagen (!) sein Stil grundlegend. Er verwendete Farben, die Formen wurden fließend, so, wie es auf der Zeichnung zu sehen ist. Bernd Wrobel war verliebt. Der bislang eher schweigsame junge Mann sprach von Selbstbefriedigung, von seiner Lektüre über den Geschlechtsverkehr – aber auch von seinem Gefühl, selbst noch kein richtiger Mann zu sein. Als seine zärtliche Zuneigung enttäuscht wurde, zeigten plötzlich auftretende Wahneinfälle (zum Beispiel Kastrationsängste) die schuldhafte beziehungsweise autoaggressive Verarbeitung seiner Fantasien auf.
Was als Eruption kreativer Impulse im Juli 1979 begonnen hatte, verlor sich bis Dezember 1979 vollständig. Die wahnhaften und halluzinatorischen Erlebnisse verstärkten sich trotz der medikamentösen Behandlung. Am 13. März 1980 stürzte er sich in der Klinik über das Treppengeländer in die Tiefe, wodurch er sich eine hohe Querschnittslähmung zuzog. Vier Tage später starb er. Hartmut Kraft


Biografie Bernd Wrobel:
Geboren 1954 in Bonn. Besuch des Gymnasiums ohne Abschluss; mehrere wechselnde Arbeitsstellen. Erste Zeichnungen 1969. Schleichender Beginn der schizophrenen Erkrankung 1975, erster stationärer Aufenthalt 1977. Gestorben 1980.

Literatur
1. Kraft H: Grenzgänger zwischen Kunst und Psychiatrie. DuMont, Köln, 1. Auflage 1986.
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