ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2002Illegale Reimporte: Gier ohne Grenzen

SEITE EINS

Illegale Reimporte: Gier ohne Grenzen

Dtsch Arztebl 2002; 99(41): A-2661 / B-2269 / C-2133

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Das Geschäft mit Armut und Krankheit hat sich seit vergangener Woche um eine Facette erweitert. Aids-Medikamente, die der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline zu stark verbilligten Preisen in verschiedene afrikanische Staaten liefert, haben skrupellose Geschäftemacher wieder nach Europa eingeführt und in Deutschland und den Niederlanden vermarktet. Nach Erkenntnissen von GlaxoSmithKline sind 43 000 Arzneimittelpackungen im Wert von 18 Millionen Euro geschmuggelt worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.
Für Patienten in Europa stellen die Reimporte den Behörden zufolge keine Gefährdung dar. Die wirklichen Opfer sind – wie so oft – HIV-Infizierte und Aidskranke in Afrika, die diese (bezahlbaren) Medikamente dringend benötigen.
Auf der Jagd nach dem schnellen Euro gefährden gewissenlose Händler in diesem Fall nicht nur akut die Versorgung von Kranken in Afrika, sondern auch Errungenschaften, für die Betroffene, Menschenrechtsaktivisten und Hilfsorganisationen hart gekämpft haben. Durch anhaltenden öffentlichen Druck ist es diesen Gruppen gelungen, den weltweit operierenden Pharmakonzernen ein differenziertes Preissystem abzutrotzen. Hohe Preise in den Industrienationen und niedrige Preise in Entwicklungsländern sollen es ermöglichen, dass auch die Ärmsten unter den Kranken von lebensnotwendigen Arzneimittelinnovationen profitieren können.
Der so genannte Aids-Prozess in Südafrika im Frühjahr 2001 belegt, wie schwierig es war, die Pharmakonzerne zum Umdenken zu bewegen. 39 Firmen hatten damals den Staat Südafrika verklagt, weil dieser Import und Herstellung preiswerter Generika zur Aids-Therapie erlauben wollte. Südafrika berief sich bei dem Versuch, internationales Patentrecht zu umgehen, auf eine nationale Notlage. Ob es den Pharmakonzernen tatsächlich in erster Linie um das Patentrecht ging oder aber darum, die Gefahr illegaler Reimporte abzuwenden, muss Spekulation bleiben. Wäre Letzteres der Fall, hätten sie leider Recht behalten.
Zahlreiche Konzerne liefern inzwischen Aidspräparate zu Preisen nach Afrika, die zum Teil 90 Prozent unter den europäischen liegen. Angesichts des jüngsten Beispiels geschmackloser Geschäftemacherei darf man sich fragen, wie lange noch. Heike Korzilius
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema