ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2002Nobelpreis für Medizin: Dieses Jahr ist der „Wurm“ dran

AKTUELL: Akut

Nobelpreis für Medizin: Dieses Jahr ist der „Wurm“ dran

Dtsch Arztebl 2002; 99(41): A-2665 / B-2273 / C-2137

Koch, Klaus

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LNSLNS Der kaum ein Millimeter lange Fadenwurm C. elegans ist ein beliebtes Forschungsobjekt: Altersforscher, Krebsforscher und Parkinson-Experten versuchen, an dem Bodenbewohner Grundphänomene des Lebens zu verstehen. Die Basis dafür legte Sydney Brenner in den 60er-Jahren mit der Idee, an dem Wurm der Frage nachzugehen, wie aus einer befruchteten Eizelle ein ausgewachsenes Tier entstehen kann. Die Vision hat dem heute 75-Jährigen jetzt ein Drittel des mit 1,1 Millionen Euro dotierten Medizin-Nobelpreises eingebracht. Den wird Brenner im Dezember in Stockholm zusammen mit dem Amerikaner H. Robert Horvitz vom Massachusetts Institute of Technology (Cambridge, USA) und dem Briten John E. Sulston vom Sanger Centre (Cambridge, England) entgegennehmen.

Ausschlaggebend für Brenners Wahl waren praktische Gründe. Im Vergleich zu Säugetieren versprach ein Wurm enorme Arbeitserleichterungen. Er vermehrt sich zu Tausenden in einer Schale mit etwas Nährbrühe. Hinzu kommt, dass die Eier und Larven durchsichtig sind, sodass jede einzelne Zelle und ihre Teilungen „live“ mitverfolgt werden können. Genau das taten Horwitz und Sulston. Bei C. elegans folgt die Abfolge der Zellteilung nach einem festen Muster: 1977 hatten die beiden einen Stammbaum fertig gestellt, wie aus einer Eizelle 959 Zellen des Wurms hervorgehen. Zu den Entdeckungen gehörte auch, dass während der Reifung des Wurms exakt 131 Zellen absterben müssen. Damit offenbarte der Wurm das Prinzip des „programmierten Zelltodes“ (Apoptose), das heute als ebenso wichtig gilt wie die Schaffung neuer Zellen durch Zellteilung. Der Zelltod ist auch im menschlichen Körper alltäglich. Er sorgt dafür, dass Zellen des Immunsystems nur eine begrenzte Haltbarkeit haben, sonst würden sie nach überstandener Infektion weiterhin Toxine produzieren. Außerdem sorgt die Apoptose dafür, dass die meisten potenziell karzinogenen Zellen absterben.

Zulauf hat das Feld der C.-elegans-Forscher nach 1998 bekommen. Auslöser war, dass es einer Gruppe um John Sulston gelungen war, das vollständige Erbgut des Wurms aufzuklären. Die Entschlüsselung der 100 Millionen Buchstaben des Wurmgenoms wurde zum Probelauf für die Entschlüsselung des 30fach größeren menschlichen Erbguts. Dank Sulstons Arbeit kennen Forscher fast alle der knapp 19 000 bis 20 000 Wurmgene. Klaus Koch
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