ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2002Arzneiverordnungen: Flucht nach vorn

POLITIK

Arzneiverordnungen: Flucht nach vorn

Dtsch Arztebl 2002; 99(41): A-2671 / B-2277 / C-2141

Rieser, Sabine

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LNSLNS Die KBV ist es leid, für steigende Arzneimittelausgaben verantwortlich gemacht zu werden, ohne sie umfassend steuern zu können. Sie hat deshalb ein Festzuschuss-Konzept vorgelegt, das die Kassen mit in die Pflicht nehmen würde.

Rituale werden auch in der Gesundheitspolitik gepflegt. Eines davon ist die Präsentation des Arzneiverordnungs-Reports (AVR). Dessen Herausgeber, Prof. Dr. Ulrich Schwabe, rechnet Jahr für Jahr streng vor, wie viele Milliarden Euro man in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) sparen könnte, wenn die Ärzte grundsätzlich das Preiswerteste verordnen würden. Sie sollen das vollkommen emotionslos, ohne Rücksicht auf Wünsche und Eigenheiten von Patienten tun. Anschließend ist es die undankbare Aufgabe der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), den Hochrechnungen die Verordnungsrealität entgegenzuhalten.
In diesem Jahr hat sie den Spieß umgedreht. Am Montag, eine Woche bevor der neue AVR erscheint, präsentierte die KBV ihr Konzept der Festzuschussregelung für GKV-Arzneimittel (siehe Textkasten). Danach würden die Krankenkassen für jedes Medikament nur noch einen bestimmten Preis bezahlen. Die Differenz zum Wunschpräparat müsste jeder Patient selbst begleichen.
Würden sich die Kassen beim Festzuschuss an den im AVR aufgeführten, besonders günstigen Präparaten orientieren, ließen sich zwei Milliarden Euro pro Jahr einsparen. Darauf wies der Zweite Vorsitzende der KBV, Dr. med. Leonhard Hansen, in Berlin hin. Er verhehlte allerdings nicht, dass rund drei Milliarden Euro nötig seien, um
den Mehrbedarf an Arzneimitteln zu decken. Unterversorgt seien beispielsweise Patienten mit Alzheimer, Hepatitis C oder Depressionen, aber auch Schmerzpatienten und Kinder (Impfungen). „Diese Nachricht ist für Politiker und Krankenkassenfunktionäre nicht gerade bequem“, sagte Hansen.
Dr. med. Werner Baumgärtner, KBV-Vorstandsmitglied und zusammen mit Hansen im Vorstand für Arzneimittelfragen zuständig, setzte sich gleichfalls für das Festzuschusssystem ein. So ließe sich eine rechtssichere Lösung schaffen. Der neue Ansatz unterscheide sich auch von der bisherigen Festbetragsregelung, um die es bekanntlich kartellrechtliche Auseinandersetzungen gegeben hat. Nach Baumgärtners Worten wäre ein weiterer Vorzug, dass die Ärzte – anders als bei aut idem – wieder für ihre Verordnungen verantwortlich seien.
Hansen ging in Berlin auch auf die Entwicklung der Arzneimittelausgaben ein. Er verwies darauf, dass die Verordnungsmengen in den letzten Jahren stets rückläufig waren. Der Umsatzanteil der Generika am generikafähigen Markt betrage rund 70 Prozent. Reimporte habe man gesteigert, umstrittene Arzneimittel würden immer weniger verordnet: „Die Zielvereinbarungen greifen.“ Eine Ausnahme allerdings gibt es: die Analogpräparate. Ihr Umsatz erhöht sich seit Jahren.
Dass auch die Gesamtausgaben trotz gewisser Sparerfolge steigen, musste Hansen zugeben. Die vereinbarte fünfprozentige Absenkung der Arzneimittelausgaben werde man nicht erreichen können, gab der KBV-Vize unumwunden zu. 2001 sparten die Vertragsärzte 410 Millionen DM ein, 530 Millionen DM waren vereinbart.
Hansen wehrte sich jedoch dagegen, dass man stets den Ärzten den Schwarzen Peter für die Arzneimittelausgaben zustecke. Unter anderem vereitele die eigenwillige Preispolitik der Pharmaindustrie manche Einsparbemühung. So seien in bestimmten Segmenten „Dummies“ auf den Markt gebracht worden, die extrem teuer seien, beispielsweise eine Ranitidin-Darreichung für 500 Euro (günstigstes Präparat: 21,80 Euro). Dadurch sei die Grenze für das untere Preisdrittel von 33,65 auf 82,83 Euro hochgeschnellt. Ergebnis: Sehr viel mehr Präparate als zuvor fallen dadurch in die Gruppe der Präparate, die nach der Aut-idem-Regelung vom Apotheker ausgegeben werden dürfen.
Der KBV-Vize kritisierte zudem, dass die Kosten reimportierter Arzneimittel zum Teil drastisch in die Höhe gegangen sind. In einigen Fällen sei das reimportierte Präparat teurer gewesen als das Original. Bekannt sei zudem, dass Generika nirgends so kostspielig seien wie in Deutschland.
Die KBV plant nun eine Informationsinitiative zur Arzneimittelversorgung bei Ärzten und Patienten. Foren werden das Deutsche Ärzteblatt, weitere medizinische Fachzeitschriften, die Publikumspresse, das Internet und Rundschreiben der Kassenärztlichen Vereinigungen sein. Die KVen werden sich zudem mit eigenen Beiträgen beteiligen. Sabine Rieser
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