ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2002Medizinische Krisenintervention: Menschen mit einbeziehen

POLITIK

Medizinische Krisenintervention: Menschen mit einbeziehen

Dtsch Arztebl 2002; 99(41): A-2673 / B-2279 / C-2143

Atteslander, Peter

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LNSLNS Zu den wichtigsten Zielen internationaler Gesundheitspolitik gehört die Klärung des effektiven Bedarfs an Gesundheitsleistungen. Medizinische Krisenintervention allein reicht nicht.

Suhaila Seddiqi hat alle Hände voll zu tun. Nach über zwei Jahrzehnten Bürgerkrieg liegt das afghanische Gesundheitswesen brach. Für die
61-jährige Chirurgin ist das trotzdem kein Grund zur Resignation. Als Ge­sund­heits­mi­nis­terin des verarmten Landes kämpft Seddiqi um Entwicklungshilfegelder für den Bau neuer Krankenhäuser und die Modernisierung der katastrophal ausgestatteten Kliniken. Die schlimmste Not soll mithilfe von Spenden aus dem Westen gelindert werden. Insbesondere Deutschland tut sich auf diesem Gebiet hervor.
Während westliche Industriestaaten Gelder für die medizinische Krisenintervention in armen Regionen bereitstellen, fehlt es jedoch in vielen Entwicklungsländern, wie derzeit in Afghanistan, an gesundheitspolitischer Kontinuität. Unbeantwortet bleibt oftmals die Frage: Wer entwirft eine Gesundheitspolitik, die in angemessener Art und Weise den betroffenen Menschen jene Versorgung sichert, derer sie bedürfen?
Zuständigkeiten definieren
Neue Konzepte sind notwendig, damit die zum Teil ausgezeichnete medizinische Krisenintervention mehr ist als nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ohne das systematische Einbeziehen der Menschen vor Ort bleibt humanitäre Hilfe langfristig ineffizient. Dabei ist gerade für vom Krieg heimgesuchte Gesellschaften die Wiederherstellung und Bewahrung von Gesundheit vordringlich. Deshalb gilt es, klar formulierte Ziele und Zuständigkeiten zu definieren und eindeutige epidemiologische Befunde zu sichern. Die heute üblichen Gesundheitsbefragungen sind zwar relativ preiswert, ihre Ergebnisse aber unzureichend. Nötig ist deshalb die Anwendung von vorhandenen qualitativen Erhebungsweisen, die aber kostspieliger und zeitaufwendiger sind.
Systematische Bedarfsklärung
Insbesondere im Zuge der Globalisierung ist nicht nur die Bedeutung der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) gestiegen, sondern auch deren Verantwortung für die medizinische Versorgung in Entwicklungsländern. Als besondere Schwierigkeit und dringende Zukunftsaufgabe erweist sich für die WHO die Klärung des effektiven Bedarfs an Gesundheitsleistungen in Anschluss an Krieg und Krisen. Dafür sind neuartige Mittel und Instrumente erforderlich. Mit den gängigen epidemiologischen Fragebögen ist es nicht mehr getan. Vielmehr müssen die Betroffenen mit qualitativen Methoden systematisch nicht nur in die Bedarfsklärung, sondern auch in die sich daraus ergebenden Maßnahmen einbezogen werden. Dabei muss auch auf kulturelle Besonderheiten der betroffenen Länder geachtet werden. Nur so kann die Compliance der Menschen, insbesondere bei der Krankheitsprävention, erhöht werden.
Generell ist eine Neubewertung internationaler Gesundheitspolitik dringend notwendig. Während die WHO groß angelegte Untersuchungen, mit dem Ziel einer Verlängerung der ohnehin hohen Lebenserwartung in westlichen Industrienationen, durchführt, verhungern Zehntausende Kinder in Entwicklungsländern und sind Millionen Menschen auf der Flucht vor Kriegen in ihren Heimatregionen. Hier ist eine „Kosten-Nutzen-Analyse“ nach ethischen Gesichtspunkten unverzichtbar.
Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Peter Atteslander
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