ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2002Medizintechnologie: Plädoyer für den Fortschritt

POLITIK

Medizintechnologie: Plädoyer für den Fortschritt

Rabbata, Samir

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LNSLNS Unternehmen warnen vor rein ökonomischen Erwägungen
bei der Einführung wichtiger medizintechnischer Innovationen.

Die Hersteller aus der Medizintechnologiebranche warnen vor Einsparungen bei der Versorgung mit wichtigen Innovationen im Krankenhaus. Bei der Etablierung von medizintechnischen Neuerungen dürften nicht allein finanzielle Erwägungen ausschlaggebend sein. Nach den derzeitigen Planungen für das neue Krankenhausvergütungssystem nach Fallpauschalen (DRG) sei aber genau dies zu befürchten. Problematisch nannte der Geschäftsführer des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed), Joachim M. Schmitt, die mangelnde Transparenz und Validität der Kalkulationsdaten für die Fallpauschalen.
Unterfinanzierung von Innovationen droht Schmitt wies vor zahlreichen Industrievertretern beim dritten BVMed-Innovationskongress in Berlin darauf hin, dass sachkostenintensive medizintechnologische Verfahren derzeit unzureichend abgebildet seien. Als Beispiel für die Unterfinanzierung durch die Vergütung nach DRG nannte Schmitt die Tiefenhirnstimulation bei Parkinson-Patienten. Die Kosten für ein Implantat lägen bei 15 000 Euro. Die Bewertungsrelation der vorhandenen Fallpauschale (B02B) ergebe aber nur 6 800 Euro – eine „Baserate“ von 2 500 vorausgesetzt. In einem „lernenden System“ müsste hier schnell nachgebessert werden, forderte Schmitt.
Rückendeckung bekam der BVMed-Geschäftsführer von Dr. med. Bernhard Rochell, DRG-Experte der Bundes­ärzte­kammer. Es gebe „Systemlücken“ bei aufwendigen medizinischen Innovationen. Die Krankenkassen müssten die Gesamtfallkosten stärker beachten und nicht nur die Auswirkungen einer Innovation auf die Krankenhauskosten. Wichtig sei, dass nicht allein ökonomische Interessen entscheidend seien. Rochell: „Die gemeinsame Richtung für Krankenhäuser und Kostenträger muss heißen: Qualität und Menschlichkeit.“
Unklar blieb auf der Tagung des Wirtschaftsverbandes, wodurch sich eine sinnvolle Innovation auszeichnet. Rochell verwies auf die neue Rolle des „Ausschusses Krankenhaus“ innerhalb des Koordinierungsausschusses. Dieser werde von einem „Verhin-
derungs- zu einem Zulassungsausschuss“, weil es häufiger zu Anfragen von Leistungserbringern kommen werde, ob bestimmte Innovationen auch bezahlt würden.
Für Dr. Magdalena Benemann, Geschäftsführerin des Marburger Bundes, ist insbesondere das „schwerfällige und bürokratische“ Zulassungssystem problematisch. Benemann zeigte sich angesichts der Vielfalt medizinischer Neuerungen skeptisch, ob Innovationen überhaupt nach „Erfolgskriterien“ bewertet werden können. In jedem Fall müsse aber der medizinische Fortschritt für alle Menschen bereitstehen – egal aus welcher sozialen Schicht. „Wir müssen auch künftig an die Zusage gebunden sein, den Patienten alles zugute kommen zu lassen, was Leben rettet, Krankheit heilt, Gesundheit erhält und Leiden lindert“, forderte Benemann.
Günther Nierhoff, Geschäftsführer des Katholischen Sankt Johannes Krankenhauses, Dortmund, verwies aufgrund praktischer Erfahrungen auf die wirtschaftliche Bedeutung von Innovationen. Ein im Wettbewerb stehendes Krankenhaus könne es sich nicht leisten, auf wichtige Neuerungen zu verzichten, die die Versorgung der Patienten deutlich verbessern würden. Nierhoff rechnet dennoch nicht mit zusätzlichen Mitteln für Innovationen. Es bestehe vielmehr die Gefahr, dass das neue Vergütungssystem zu einem „Verteilungsmodell knapper Mittel“ degeneriere. Eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Kaufleuten und Trägern sei deshalb nötig. Grenz- und Zweifelsfälle sollten in einer Ethikkommission erörtert werden. Samir Rabbata
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