ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2002„. . . unser eigenes Wesen, das wir erforschen!“

THEMEN DER ZEIT: Glosse

„. . . unser eigenes Wesen, das wir erforschen!“

Dtsch Arztebl 2002; 99(41): A-2688 / B-2290 / C-2154

Benoit, Walter F.

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An Herrn Rudolf Virchow
Direktor des pathologischen Instituts und dirigierender Arzt an der Charité, Großgörschenstraße, Berlin-Schöneberg

Lieber Rudolf Virchow!

Ich wende mich in dieser Form an Dich, in der festen Überzeugung, dass ein Mensch mit Deinen Ideen über den Tod hinaus noch sehr lebendig wirken kann. Was zu Deinem 100. Todestag am 5. September zu hören und zu lesen, und noch mehr, was nicht zu hören und zu lesen war, übertraf meine schlimmsten Befürchtungen.
Da wird die Erinnerung reduziert auf Deine Rolle als Pathologe und von Dir gesprochen als einem der großen Ärzte des 19. Jahrhunderts. Wie viele große Ärzte von Deiner Bedeutung hatte es denn noch gegeben? Weltweit las sich das damals in den Nachrufen, beispielsweise in englischsprachigen Zeitschriften, ganz anders. Vom Verlust des größten Wissenschaftlers der Nation war die Rede, und die wissenschaftliche Leistung wurde zu Recht mit der Sir Isaac Newtons gleichgesetzt. Aber jetzt weltweit peinliches Schweigen.
Wie wäre es, wenn wenigstens die deutschsprachigen Ärzte, auch die, die Dich in ihren Verbandsnamen aufgenommen haben, einen Satz von 1848 reflektierten. Zitat: „Wer kann sich darüber wundern, daß die Demokratie und der Socialismus nirgend mehr Anhänger fanden als unter den Ärzten? Daß überall auf der äußersten Linken, zum Theil an der Spitze der Bewegung, Ärzte stehen? Die Medizin ist eine sociale Wissenschaft, und die Politik ist weiter nichts als Medizin im Großen.“
Aber es geht weniger um Dich als politischen Menschen als um Deine wissenschaftliche Leistung. Und diese hätten weltweit alle Mediziner Grund zu reflektieren. Allen voran unsere Pathologen, die vor dem Erklärungszwang stehen, warum der dritte Forschungsauftrag des von Dir gegründeten Archivs, nämlich die Bedeutung der Pathologie für die klinische Medizin, seit Deinem Tod nicht mehr weiter in Deiner Zeitschrift verfolgt wurde. Es war doch gerade die Frage nach dem Wesen der Krankheit das wesentliche Forschungsmotiv Deines Lebens, wie ein Zitat von 1873 belegt: „Es ist nicht mehr die Krankheit, welche wir suchen, sondern das veränderte Gewebe; es ist nicht mehr ein fremdartiges, in den Menschen eingedrungenes Wesen, sondern unser eigenes Wesen, das wir erforschen!“
Damit hast Du einen der wichtigsten Inhalte Deiner Zellularpathologie umschrieben – eines ganzheitlichen, am Patienten orientierten Wissenschaftskonzepts, das mit den noch aus der griechischen Antike stammenden Vorstellungen der Humoral- und Solidarpathologie aufräumte und die Basis für die weltweit so erfolgreiche Medizin bildete. Bis zur Veröffentlichung der Zellularpathologie vor bald 150 Jahren hätten sich Hufeland, Paracelsus, Maimonides, Galen und Hippokrates untereinander eher verständigen können als mit jedem beliebigen zeitgenössischen Mediziner. Das ist Deine Leistung, die uns berechtigt, Dich an die Seite von Sir Isaac Newton zu stellen.
Wie erklärt sich dann aber das allgemeine Schweigen und der in einem in Ostberlin veröffentlichen Medizinlexikon erhobene Vorwurf, Du seiest mit Deinem wissenschaftlichen Konzept ein Hemmnis für die Forschung gewesen? Wie ist die ablehnende Haltung gegenüber der Schulmedizin unter Intellektuellen und in weiten Teilen der Öffentlichkeit zu verstehen?
Ursache ist der etwa vor hundert Jahren vollzogene Paradigmenwechsel, der sich aus dem Streit um den Stellenwert der Bakteriologie in der Pathogenese von Krankheiten entwickelte, und der dazu führte, Krankheitsursachen zu externalisieren und abstrakte Krankheitsentitäten zu formulieren.
Erst jetzt liegen die Befunde vor, die Dir das Recht gaben, etwa dem Mykobacterium tuberculosis einen nebengeordneten Platz bei der Entstehung dieser Krankheit einzuräumen. In der Zwischenzeit hat sich aber die Denkgewohnheit eingeschliffen, in abstrakten Krankheitsentitäten zu denken. Dabei wurde Dein hermeneutischer Standpunkt an der Seite des Patienten aufgegeben – mit allen daraus resultierenden fatalen Folgen für das Kausalitätsverständnis von Krankheiten. Dieses Kausalitätsverständnis hast Du noch als 80-Jähriger so formuliert: „Bei der Erörterung der Ursachen dieser Epidemien [des Hungertyphus 1848 in Oberschlesien] kam ich zu der Überzeugung, daß die schlimmsten derselben in sozialen Mißständen beruhten.“ Es zeigt sich also, dass es durchaus gerechtfertigt und im Interesse der Patienten ist, zum ursprünglichen Konzept Deiner Zellularpathologie als Basis der Medizin zurückzukehren.
In diesem Sinne freue ich mich, hier bald wieder etwas von Dir, nein über Dich zu hören. Dr. med. Walter F. Benoit
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