ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2002Videokapsel-Endoskopie: Quantensprung in der Dünndarmdiagnostik oder teures Spielzeug?

MEDIZIN: Editorial

Videokapsel-Endoskopie: Quantensprung in der Dünndarmdiagnostik oder teures Spielzeug?

Dtsch Arztebl 2002; 99(41): A-2700 / B-2301 / C-2165

Ell, Christian

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LNSLNS Fast keine der medizintechnischen Innovationen der letzten Jahrzehnte
löste mehr Interesse und zum Teil Begeisterung aus, als die Einführung der Videokapsel-Endoskopie. Mit dieser Methode erfüllte sich der Traum eines jeden Endoskopikers, nicht nur Magen und Dickdarm, sondern den gesamten Gastrointestinaltrakt endoskopisch inspizieren zu können. Alle zuvor unternommenen Versuche, mit konventionellen Endoskopen eine totale Enteroskopie zu erreichen, waren mehr oder weniger gescheitert. Auch die Medien stürzten sich auf die Kapsel-Endoskopie: Bei modischen Schlagworten wie High-Tech, Kommunikationstechnologie, UMTS (Ultraschnelle Datenübertragung) oder Science Fiction passte die „Kapsel“ genau in das Konzept, um Überschriften wie „Mit dem Endo-U-Boot ferngesteuert durch den Körper“ oder „Funkbilder aus Körper direkt auf den PC“ zu generieren.
Neue technologische Dimension
Die Patienten waren ebenfalls begeistert: Kein „Schlauch-Schlucken-Müssen“, keine „Abführorgie zur Darmreinigung“, kein „schmerzhaftes Winden auf der Endoskopieliege“. Demgegenüber bekamen die bildgebenden Röntgen-/MRT-Diagnoseverfahren Konkurrenz: Aussagen der MR-Tomographen, wie „all in one“ oder „one stop shopping“, wurden nun von den Kapsel-Endoskopikern aufgegriffen. Die große Hoffnung auf die virtuelle Endoskopie mittels CT oder MRT-Technik schien einigen bereits kurz nach dem Start schon enttäuscht. Zweifelsohne ist die Kapsel-Endoskopie eine faszinierende neue technologische Dimension, die mithilfe ultraschneller, aus der Mobiltelefontechnik bekannter GPRS-ähnlicher Datenübertragung zwei Farbbilder pro Sekunde aus dem Körperinneren an einen am Körper angebrachten Empfänger senden kann. Das Ganze zusammen mit Chipkamera, Leuchtdioden, Linsen und einer Batterieleistung, die für mehr als 50 000 Einzelbilder ausreicht, in eine nur 2 ´ 1 cm große Kapsel zu packen, ist eine Meisterleistung.
Optimistisch betrachtet steht die Videokapsel-Endoskopie gerade am Beginn ihrer Entwicklung: Die Kapsel ist noch nicht steuerbar, ihr Transport durch den Gastrointestinaltrakt wird durch die Anatomie und körpereigene Motilität bestimmt. Das heißt unter anderem auch, dass die Kapsel nur das sieht und aufnimmt, was zufällig „vor die Linse“ kommt. Mithilfe der ultraschnellen Datenübertragung und hochentwickelter Mechanik sollte es allerdings bald möglich werden, mit der Kapsel zu kommunizieren und die Kapsel online zu steuern. Dies aber würde bedeuten, dass der Endoskopiker am PC-Bildschirm sitzt und die Kapsel durch den Gastrointestinaltrakt navigiert, unklare Befunde von verschiedenen Positionen aus ansteuert und inspiziert. Der Steuerbarkeit der Kapsel muss auch die Möglichkeit der Biopsieentnahme bei pathologischen Schleimhautbefunden folgen. Wenn dies realisiert ist, ist der Schritt zur interventionellen Therapie mit der Kapsel nicht mehr weit: Angiodysplasien werden koaguliert, polypoide Läsionen ektomiert und Stenosen dilatiert. Zurück in die Gegenwart: Bisher gibt es keine publizierte Studie, die unter kontrollierten Bedingungen den klinischen Stellenwert der Kapsel untersucht hat. Zweifelsohne ist für die jetzt zur Verfügung stehende erste Generation der Kapsel-Endoskopie allein der Dünndarm ein potenzielles Untersuchungsorgan. Die konventionelle Gastroskopie und Koloskopie bleiben auch in Zukunft die einzigen beziehungsweise besten Spiegelungs- und Untersuchungsmethoden des oberen und unteren Gastrointestinaltraktes. Der in dieser Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts publizierte Erfahrungsbericht aus Hamburg von Keuchel et al. ist vor allem deshalb sehr interessant, weil zum ersten Mal an einem größeren Kollektiv über die diagnostischen Möglichkeiten der Kapsel-Endoskopie berichtet wird und eindrucksvolle Fallbeispiele bildlich dokumentiert werden.
Viele Fragen noch ungeklärt
Was allerdings zur Bewertung der wirklichen Bedeutung der Kapsel-Endoskopie bei Dünndarmerkrankungen notwendig ist, sind prospektive Studien, die die Kapsel im Vergleich zur Push-Enteroskopie und den anderen bildgebenden Verfahren bei definierten Fragestellungen untersuchen: Ist die Kapsel für die Blutungsquellensuche wirklich besser als die so genannte Push-Enteroskopie mit bis zu 250 cm langen Endoskopen? Lassen sich die Kapsel-Endoskopiebefunde intraoperativ bestätigen? Macht die Kapsel beim Polyposis-Syndrom Sinn? Ist sie effektiver als der konventionelle Röntgendoppelkontrast oder die Push-Enteroskopie? Ist die Kapsel bei entzündlichen Darm­er­krank­ungen der Ultraschall- oder Röntgenuntersuchung überlegen? Beeinflusst die Kapsel den Verlauf und den Ausgang der jeweiligen
Erkrankung? Zu diesen und weiteren Fragen, gibt es bisher noch keine klaren Antworten. Zurzeit existieren aber mehr als 50 „Kapselstationen“ in Deutschland. Allein in Bochum „wetteifern“ drei Universitätshospitäler um die wenigen Patienten, bei denen derzeit über einen
Einsatz der Kapsel – allerdings nur im Rahmen von wissenschaftlichen Studien – nachgedacht werden kann. Aber nicht nur Universitätskliniken, sondern auch kleinere Kliniken und niedergelassene Allgemein- und Spezialmediziner nutzen die Kapsel-Endoskopie. Sind die Gründe hierfür wissenschaftliches Interesse, Methodenbegeisterung, Marketing-Überlegungen oder einfach „Goldgräbermentalität“?
Richtiger- oder auch glücklicherweise werden die Kosten für die Kapsel-Endoskopie, wie auch bei anderen neuen Methoden, deren Wertigkeit erst noch wissenschaftlich untersucht werden muss, in der Regel von den Krankenkassen noch nicht übernommen. Es ist aber zu erwarten, dass zumindest für die derzeit wichtigste potenzielle Indikation, die unklare chronische Blutung, binnen Jahresfrist die publizierten Ergebnisse der ersten kontrollierten Studien vorliegen dürften. Bestätigt sich der in der Arbeit von Keuchel et al. dokumentierte Optimismus, kann die Kapsel unnötige Untersuchungen und Mehrfachuntersuchungen vermeiden und damit Kosten einsparen.
Wenngleich die klinische Realität wegen der Begrenzung auf Dünndarmerkrankungen, der technischen Limitationen (fehlende Steuerbarkeit und anderes), wegen dem Untersuchungsaufwand und der Kosten sowie der begrenzten Zahl von potenziellen Patienten, eher ernüchtert, erzeugt die „Kapsel“ als faszinierende technische Innovation berechtigte Phantasie für die Zukunft dieser neuen Dimensionen der gastrointestinalen Endoskopie.

Manuskript eingereicht: 17. 6. 2002, angenommen:
20. 6. 2002

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: A 2700–2702 [Heft 41]

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Christian Ell
Klinik Innere Medizin II
HSK Wiesbaden
Ludwig-Erhard-Straße 100
65199 Wiesbaden

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