ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2002zum Aktienmarkt; Alle verrückt geworden?

VARIA: Schlusspunkt

zum Aktienmarkt; Alle verrückt geworden?

Dtsch Arztebl 2002; 99(41): [64]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Dem deutschen Aktienindex ist anscheinend völlig egal, wie viele Anleger er in tiefste Depression schickt. In der vorletzten Septemberwoche beging der DAX 30 sogar die Unverfrorenheit, unter die als letztes Bollwerk geltende Marke von 3 000 Indexpunkten zu fallen.
Als Ursache der wirklich bemerkenswerten Baisse, eigentlich ist es gar ein veritabler Crash, werden vor allem panikartige Verkäufe ausgemacht. Und neuerdings werden auch noch Expertisen rumgereicht, 2 500 Indexpunkte und schlimmer wäre ohne weiteres noch drin. Sind denn jetzt alle verrückt geworden?
Zunächst ist es in der Tat so, dass es den Aktienkursen wirklich gleichgültig ist, zu welchem Kurs die Börsianer eingekauft haben. Diese banale Tatsache ist durchaus nicht gängige Meinung. Viele Anleger glauben ernsthaft, dass eine Aktie bloß deswegen nicht weiter fallen kann, weil sie selbst doch auf deutlich höherem Niveau gekauft haben. Das hat sicher auch damit zu tun, eigenes Versagen auf einen eigentlich unschuldigen Kurs zu projizieren.
Anderseits ist in der Panik ein genau gegenläufiges Herdenverhalten zu beobachten. Titel, die bei einem Indexstand von 4 000 oder 5 000 Punkten als supergünstig empfunden wurden, sind bei einem DAX-Stand um 3 000 plötzlich nicht mehr kaufenswert. Welch ein Unsinn, vielleicht gar schon verrückt, realistisch ist ein solches Verhalten jedenfalls nicht.
Die Allianz-Aktie, mit Fug und Recht ein erstklassiger Titel nicht nur auf dem deutschen Markt, sondern „erste Sahne“ weltweit, notiert mit unter 100 Euro atemberaubend niedrig. Innerhalb von nur fünf Monaten hat sich der Wert gedrittelt. Warum bloß?
Siemens, ein Weltkonzern mit einer hochsoliden Unternehmensführung, notiert mittlerweile auf einem Zehnjahrestief, obwohl der Münchner Konzern beispielhaft für deutsche Wertarbeit und technologische Spitzenleistung steht. Bayer etwa hat sich in nur ein paar Monaten glatt halbiert, obwohl der Chemiekonzern auf den Weltmärkten erstklassig positioniert ist, allen Problemen (Lipobay) zum Trotz.
Die Märkte, genauer die Finanz-Jongleure, verhalten sich so, als würde die Marktwirtschaft morgen oder spätestens übermorgen zu Grabe getragen. Eine solche Situation besteht weiß Gott nicht. Die derzeitige Konjunkturschwäche soll damit nicht weggeredet werden, aber ein Zusammenbruch der Weltwirtschaft, so wie er in den derzeitigen Kursen kolportiert wird, steht gewiss nicht an. Die Tatsache, dass viele Bankberater im Einklang mit ihren Kunden die Hosen voll haben, sagt nicht mehr und nicht weniger, dass es an der Zeit ist einzusteigen.
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