VARIA: Post scriptum

Ausgepiept

Dtsch Arztebl 2002; 99(41): [64]

Bosch, Stefan

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Zeichnung: Cartoon-Archiv
Zeichnung: Cartoon-Archiv
Wieder droht einer Art die Ausrottung, diesmal dem gewöhnlichen Taschenpieper. Zunehmend wird er verdrängt von dem ihm nahe verwandten Mobiltelefon, das mit deutlichen Selektionsvorteilen ausgestattet ist.
Taschenpieper haben in den letzten Dekaden weite Verbreitung in Kliniken und Rettungswachen gefunden. Dort leben die kleinen, meist unscheinbar braun oder schwarz gefärbten Pieper in enger Symbiose mit medizinischem Personal, das ihnen an Gürteln, in Jacken-, Kittel- oder Hosentaschen Unterschlupf gewährt und gelegentlich an speziellen Futterplätzen Nahrung für die Akkus anbietet.
Die Pieper revanchieren sich mit unregelmäßigen, aber eindringlichen Gesängen. Der laute Balzruf steht in krassem Gegensatz zum unscheinbaren Äußeren und wird in wenig variationsreichen Strophen vorgetragen. Langjährige Studien bestätigen die Hypothese, dass die Rufaktivitäten nicht endogen, sondern von einer entfernten Stelle gesteuert werden.
Auffällig sind Verhaltensänderungen, die Pieper-Rufe bei den Co-Symbionten hervorrufen: Weiß bekittelte Vertreter des Homo sapiens eilen zunächst zum Telefon und dann auf Intensivstationen, Ambulanzen oder Notaufnahmen, während die Rotberockten bunt gefärbte Fahrzeuge besetzen und sich mit viel Getöse zu so genannten Notfallstellen begeben.
Die possierlichen Pieper sind tag- und nachtaktiv. Am Tage sind ihre mahnenden Rufe willkommen, um sich elegant aus Gesprächen und Visiten zu verabschieden. Nächtens und an Wochenenden dagegen werden die Rufe vermehrt mit Flüchen und Beschimpfungen quittiert. Gelegentlich kommt es zur Gruppenbalz, vor allem bei Besprechungen, Fortbildungen und Chefarztvisiten.
Ähnliche Verhaltensweisen sind auch bei den vermehrt auftretenden mobile phones feststellbar. Kommunikationsornithologen gehen von einem klassischen Fall von Koevolution mit Ausbildung mehrerer Selektionsvorteile aus: Aufgrund genetischer Variation vereinigen sie mobilen Pieper und Telefonapparat und ermöglichen ihren immer anspruchsvolleren Symbiosepartnern ein Maximum an Kommunikation und Mobilität. Das voluminösere Gehirn vermag Telefonverzeichnisse problemlos zu speichern. Zusätzlich bieten sie Weck-, Mail- und weitere mehr oder weniger nützliche Funktionen. Und die Evolution akustischer Ausdrucksmöglichkeiten findet höchste Vollendung: Statt banalen Klingelns und Piepens verfügen sie über ein vielfältiges Repertoire melodiöser Strophen, die sich gelegentlich in der Kantine zur Kakophonie vereinigen.
Mit diesen Eigenschaften verdrängen mobiles zunehmend die Pieper aus ihrer angestammten Nische. Immer seltener erklingt das monotone „piep-piep-piep“ in Dienstzimmern oder auf Krankenhausfluren, und in wenigen Jahren wird der Ruf der Pieper ganz aus der Kliniklandschaft verschwunden sein. Der Taschenpieper hat ausgepiept – ein Fall für die Rote Liste bedrohter Arten. Dr. med. Stefan Bosch
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