ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2002Trauma-Opfer: „Nie wieder wie vorher“

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Trauma-Opfer: „Nie wieder wie vorher“

PP 1, Ausgabe Oktober 2002, Seite 443

Rabbata, Samir

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Auch 16 Jahre nach dem Bombenanschlag auf die Berliner Diskothek La Belle leiden viele Opfer unter psychischen LangzeitfolgenFoto: dpa
Auch 16 Jahre nach dem Bombenanschlag auf die Berliner Diskothek La Belle leiden viele Opfer unter psychischen Langzeitfolgen
Foto: dpa
Katastrophenopfer leiden oft jahrelang an psychischen Langzeitfolgen. Eine therapeutische Akut- und Langzeitbehandlung könnte ihre Leiden lindern. Häufig vergeht wertvolle Zeit, weil die Vergütung der Therapeuten geklärt werden muss.

Elke Krüger* steht gerade auf der Tanzfläche, als die Bombe explodiert. Den Knall hört sie nicht. Ehe sie realisiert, was geschehen ist, findet sie sich mit zerrissenen Kleidern in einem anderen Raum wieder. Hautfetzen hängen von ihren Armen und Beinen. Gesicht, Rücken und Bauch der jungen Frau sind verbrannt. Elke Krüger ist als Unschuldige zwischen die Fronten eines internationalen Konflikts geraten. Ihr einziger Fehler war es, am 5. April 1986 die Berliner Diskothek La Belle zu besuchen. Eine türkische Verkäuferin und zwei US-Soldaten werden von dem Sprengsatz zerfetzt. Elke Krüger überlebt. Sie wird aber noch Jahre später unter den physischen und psychischen Folgen des Terroranschlags leiden.
Viele der über 190 Verletzten des Attentats brauchen noch heute therapeutische Hilfe. Eine solche Katastrophe kann die Opfer in eine existenzielle psychische Krise stürzen. „Ohne professionelle Hilfe kann das schreckliche Erlebnis für viele Opfer und ihre Angehörigen zu einem lebenslangen Albtraum werden“, sagte Dipl.-Psych. Ulrike Michels-Vermeulen vom Deutschen Psychotherapeutenverband (DPTV) in Berlin. Der DPTV lud rund 16 Jahre nach dem blutigen Anschlag in die Räume der ehemaligen Diskothek La Belle. Heute beherbergt das Haus in der Berliner Hauptstraße ein Küchenstudio. Zwischen Gefrierkombis und Spülmaschinen erinnert nichts mehr an das Chaos, das Blut und die Schreie der grauenhaften Diskonacht. Trotzdem war keiner der angefragten Betroffenen bereit, noch einmal an den Ort des Geschehens zurückzukehren. Die psychischen Wunden sind bei vielen auch heute nicht verheilt.
Mitunter komme es vor, dass Betroffene ihr Leben lang unter den psychischen Folgen einer solchen Katastrophe leiden, warnte der Bielefelder Notfallpsychologe Werner Wilk. In solchen Fällen müsse man lernen, mit der „psychischen Behinderung“ zu leben. Wilk: „Die psychische Reaktion auf Katastrophen ist eine normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis.“ Es sei deshalb wichtig, dass psychische Wunden nach einer schlimmen Katastrophe ebenso ernst genommen würden wie organische Schäden. Lange Wartezeiten vor dem Beginn einer Therapie wegen bürokratischer Prüfverfahren der Krankenkassen seien kontraproduktiv, sagte der Notfallpsychologe. Auch Michels-Vermeulen appellierte an die Kassen, das Genehmigungsverfahren zur Kostenübernahme für Opfer von Katastrophen zu erleichtern. Ein rascher Start der Therapie müsse ermöglicht werden.
Noch schlimmer ist die Vergütungslage bei der Akutversorgung. Wilk: „Zur Zeit ist eine schnelle Krisenintervention durch Psychotherapeuten nicht möglich.“ In Zeiten knapper finanzieller Ressourcen sei es schwierig, diese wichtige psychologische Hilfe bei den Krankenkassen durchzusetzen. Man habe hier eine „Versorgungslücke“, die durch private Verträge zwischen Notfallpsychologen und Unternehmen wie Banken oder Einzelhandelsketten überbrückt werden müsse. Ziel solcher Verträge sei es, Mitarbeiter und Kunden eines Unternehmens im Falle eines Überfalls optimal zu betreuen. Dabei erfährt das Opfer unmittelbar nach dem Ereignis eine professionelle therapeutische Akuthilfe. Neben der schnellen Versorgung werde dem Betroffenen verdeutlicht, dass er mit seinen psychischen Problemen ernst genommen werde. Die Scheu vor einer psychotherapeutischen Langzeitbehandlung könne so abgebaut werden, sagte Wilk. Der DPTV forderte von den Krankenkassen, Zeitkontingente für die Akutversorgung von Katastrophenopfern zu kalkulieren und bei der Berechnung ihrer Budgets zu berücksichtigen. Wilk räumte ein, dass die Definition von „Katastrophen“ nicht immer einfach sei. Auch Unfälle oder familiäre Tragödien könnten dazu zählen.
Das Leben von Elke Krüger hat sich allmählich normalisiert. Ganz so wie vor dem Anschlag werde es aber nicht mehr sein, sagt sie. Auch für ihre Angehörigen hat sich einiges verändert. Die Eltern haben die Angst um ihre Tochter bis heute nicht überwunden. Fachleute wissen, dass dies keine Seltenheit ist. „Wenn Eltern Todesängste um ihre Kinder aushalten müssen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie schwerere Störungen davontragen als ihre Kinder selbst, sogar recht hoch“, erklärte Wilk.
Für Familie Krüger ist der 5. April zu einem besonderen Datum geworden. Zwar kommen an diesem Tag die schrecklichen Erinnerungen an das Erlebte wieder hoch. Der Jahrestag des Terroranschlags ist aber auch der zweite Geburtstag für Elke geworden – und der wird regelmäßig gefeiert. Samir Rabbata

*Name von der Redaktion geändert
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