ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2002Stammzellforschung: Pharmaunternehmen - Eigene Richtlinien

POLITIK

Stammzellforschung: Pharmaunternehmen - Eigene Richtlinien

PP 1, Ausgabe Oktober 2002, Seite 448

Klinkhammer, Gisela

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Auf der Schweizer Landesausstellung Expo.02, die noch bis 20. Oktober zu sehen ist, präsentiert Novartis in Neuchâtel das Projekt Biopolis, das zeigen soll, wie die Biound Gentechnik unser Leben verändert. Foto: Novartis
Auf der Schweizer Landesausstellung Expo.02, die noch bis 20. Oktober zu sehen ist, präsentiert Novartis in Neuchâtel das Projekt Biopolis, das zeigen soll, wie die Biound Gentechnik unser Leben verändert. Foto: Novartis
Theologen, Politiker und Journalisten diskutierten unter anderem mit Vertretern des Pharmaunternehmens Novartis darüber, ob Forschung mit Embryonen eine Verletzung der Menschenwürde darstellt.

Novartis ist ein Konzern mit weltweit rund 3 000 angestellten Wissenschaftlern, die in Ländern mit unterschiedlichsten – oder fehlen-
den – Gesetzgebungen zur embryonalen Stammzellforschung tätig sind. Das Unternehmen sah deshalb die Notwendigkeit, Richtlinien zu erarbeiten, die nicht vorhandene staatliche Regelungen ersetzen können und gegen bestehende Gesetze nicht verstoßen.
Um die Entscheidungsfindung transparent zu machen, lud der Konzern Ende August Theologen, Politiker und Journalisten zu einer Diskussionsveranstaltung nach Neuchâtel (Schweiz) ein. In der Schweiz wird derzeit vom Bundesrat ein Gesetzentwurf zur Forschung an überzähligen Embryonen und embryonalen Stammzellen vorbereitet. Danach soll therapeutisches Klonen verboten werden. Die Forschung an überzähligen Embryonen ist jedoch erlaubt, und anders als in Deutschland gibt es keine Stichtagsregelung. Prof. Paul L. Herrling, Forschungsleiter der Novartis Pharma AG, begrüßte diesen Entwurf. Seiner Ansicht nach ist die Stammzellforschung ein „viel versprechendes Gebiet mit Therapiemöglichkeiten für viele zurzeit unlösbare medizinische Fragestellungen“. Doch weil Forschung der Gesetzgebung in den meisten Fällen vorauseile, „mussten wir uns selber Schranken auferlegen“.
Den Richtlinien zufolge sollen humane embryonale Stammzellen nur
aus überzähligen In-vitro-Fertilisations-Embryonen oder von primordialen Keimzellen aus abortierten Föten verwendet werden. Das therapeutische Klonen ist nach diesen Richtlinien unzulässig. „Die Verwendung überzähliger Embryonen setzt das Einverständnis der Eltern oder der Mutter voraus“, sagte Herrling. Die Forschung an Zellen aus abortierten Föten sei nur dann zulässig, wenn der Schwangerschaftsabbruch aus Gründen vorgenommen wurde, die in keinerlei Zusammenhang mit dem Forschungsvorhaben stehen. Jeder Handel mit Embryonen sei unzulässig. Alle Forschungsprojekte mit humanen Stammzellen müssten von der Forschungsleitung unter Einbeziehung des Votums vom Novartis-Ethikrat bewilligt werden.
Dass diese Richtlinien ebenso wie der Schweizer Gesetzentwurf nicht unwidersprochen bleiben, wurde auf der Diskussionsveranstaltung deutlich. Schließlich scheiden sich nach wie vor die Geister an der Frage, ob Forschung an embryonalen Stammzellen nicht grundsätzlich eine Verletzung der Menschenwürde darstellt. Mit dieser Frage beschäftigte sich auch der Vorsitzende des Ethikrates von Novartis, der Züricher Theologe und Philosoph Prof. Dr. Hans-Peter Schreiber. Seiner Auffassung nach ist zwar die Menschenwürde unantastbar, nicht aber der Lebensschutz. Der Schweizer Gesetzentwurf basiere auf dem „in unserer Gesellschaft moralisch verankerten differenzierten Schutzmodell, demzufolge frühe Entwicklungsformen menschlichen Lebens weder einen rechtspersonalen Status noch einen absoluten Rechtsanspruch auf Leben haben“.
Einen völlig anderen Standpunkt vertritt dagegen der katholische Baseler Bischof Dr. Kurt Koch. Christliche Ethik gehe davon aus, dass vom Zeitpunkt der Befruchtung an menschliches Leben gegeben sei, das sich fortan kontinuierlich weiterentwickele. Dieser Ausgangspunkt der ethischen Reflexion entspreche auch dem derzeitigen Wissensstand der modernen Entwicklungsbiologie. Koch: „Auf diese Erkenntnisse kann sich die heute weit verbreitete These einer nicht von Anfang an gegebenen, sondern erst graduell einsetzenden Schutzwürdigkeit des embryonalen Lebens nicht abstützen.“ Diese Ansicht wird auch von Schweizer Politikern geteilt. „Bei der embryonalen Stammzellforschung geht es um reine Zweckentfremdung“, sagte Nationalrätin Ursula Wyss. Selbst eine Forschung an überzähligen Embryonen bedeutet für Koch einen Verstoß gegen die Menschenwürde: „Ethisch ist es, sie sterben zu lassen und nicht für Forschungszwecke zu instrumentalisieren.“ Und schließlich fragte er: „Darf man angesichts des großen Elends
und der erschreckenden Ungerechtigkeit in der Welt so viel Geld in die Stammzellen- und Embryonenforschung stecken, die nur sehr unsichere Erfolgsaussichten hat und von der, wenn sie Erfolg hat, nur Menschen in den reichsten Industrienationen profitieren werden?“
Gisela Klinkhammer
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