ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2002Väter in der Psychotherapie: „Über ,normale’ Väter wissen wir erstaunlich wenig“

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Väter in der Psychotherapie: „Über ,normale’ Väter wissen wir erstaunlich wenig“

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Prof. Dr. Inge Seiffge-Krenke: „Väter können Kindern besser zeigen, konstruktiv mit Stressbelastung umzugehen.“ Foto: Uwe Stotz
Prof. Dr. Inge Seiffge-Krenke: „Väter können Kindern besser zeigen, konstruktiv mit Stressbelastung umzugehen.“
Foto: Uwe Stotz
Die Bedeutung des Vaters für die psychische Gesundheit des Kindes wird bislang vernachlässigt. Auch in der Psychotherapie Erwachsener wird eher die Bedeutung der Mutter bearbeitet. Die „Vaterforscherin“ Inge Seiffge-Krenke will Väter stärker einbeziehen.

Die Bedeutung des Vaters für die psychische Gesundheit des Kindes wird nach wie vor zu wenig beachtet“, betont der englische Psychotherapeut Paul Barrows. Er weist damit auf einen „blinden Fleck“ in Theoriebildung, Forschung und Psychotherapie hin, der eine lange Tradition hat. Obwohl sich die „Vaterforschung“ seit knapp dreißig Jahren dem Thema annimmt, haben ihre Kenntnisse noch nicht wesentlich dazu beigetragen, dass Väter von Patienten durch Psychotherapeuten aller Schulen stärker berücksichtigt und in die Therapie einbezogen werden. Möglicherweise sind jedoch gerade die Väter eine Ressource, die genutzt werden sollte. Denn es zeichnet sich immer mehr ab, dass Väter weder schlechter noch besser als Mütter, sondern vielmehr qualitativ anders mit ihren Kindern umgehen. Väter sind sehr wichtig für die körperliche und psychische Entwicklung und für die Geschlechterrollenfindung ihrer Kinder. Außerdem können Kinder von ihnen positive Fähigkeiten und Verhaltensweisen lernen, die „typisch“ für Väter und nicht für Mütter sind. Väter ergänzen, kontrastieren und komplettieren das mütterliche Modell und verhelfen so ihren Kindern zu einem facettenreicheren Menschen- und Weltbild. Väter könnten also eine Bereicherung für die Psychotherapie sein – falls dies erkannt würde und man sie ließe. Prof. Dr. phil. Inge Seiffge-Krenke, Leiterin der Abteilung für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, forscht seit langem zum Thema Väter.

PP: Was weiß man über die Rolle und die Bedeutung von Vätern in der Psychotherapie?
Seiffge-Krenke: Eigentlich nur sehr wenig. Das liegt daran, dass es kaum konzeptuelle Beiträge über Väter gibt – das heißt in neueren Theorien – und übrigens auch kaum Forschung dazu. Väter werden höchstens mal in Fallberichten erwähnt, das ist ihre „Standardrolle“ in psychotherapeutischen Arbeiten.

PP: In der Psychoanalyse wird vor allem die Mutter-Kind-Dyade betont. Ist das heute immer noch so?
Seiffge-Krenke: Ja, die Beziehung zwischen Mutter und Kind steht immer noch im Vordergrund. Darüber wurde und wird nach wie vor am meisten theoretisiert und geforscht. Die Väter werden hingegen kaum beachtet. Auch die Freudsche Auffassung vom übermächtigen, abwesenden Vater und von der nährenden, schützenden Mutter hat nichts an Aktualität verloren. Die Theorie wurde seit Freud kaum weiterentwickelt. Während man also vielfältige Konzepte und Theorien über die Mutter entwickelte – schon recht früh, etwa in den Arbeiten von Melanie Klein und Karen Horney –, und dieses Interesse hält unvermindert an, hat sich in Bezug auf Väter wenig bewegt. Obwohl es beispielsweise in den 90er-Jahren von einem berühmten Therapeuten, Peter Blos, eine umfangreiche konzeptionelle Arbeit über Väter und Söhne gab, in der er verschiedene Vatertypen in Abhängigkeit vom Entwicklungsstadium des Kindes unterschied, wurden solche Ansätze bis heute kaum zur Kenntnis genommen und in die Therapien integriert. Zurzeit gibt es einige eher belletristische Bücher über Väter, aber auch die blieben für die Therapieansätze offenkundig folgenlos.

PP: Woran liegt das?
Seiffge-Krenke: Zum einen sind Väter immer noch wenig präsent. Die meisten Kinder verbringen wesentlich mehr Zeit mit der Mutter als mit dem Vater. Doch die Zeit ist gar nicht so relevant. Viel wichtiger ist die Intensität und die Qualität der gemeinsamen Erlebnisse. Zum anderen hat das möglicherweise etwas mit dem Selbstverständnis der Psychotherapeuten zu tun. Sie scheinen regelrecht „fixiert“ auf die Mutter zu sein, sowohl theoretisch als auch was die Fälle betrifft. Offenkundig verstehen viele Psychotherapeuten ihre Arbeit vor allem so, dass sie mütterliche Anteile in die Therapie einbringen wollen. Der Therapeut ist die „gute Mutter“ im Vergleich zur „bösen Mutter“, die der Patient einmal hatte.

PP: Wie wirkt sich das aus?
Seiffge-Krenke: Diese Psychotherapeuten versuchen, die negativen Muttererfahrungen der Patienten auszugleichen, indem sie für ihre Patienten die „besseren“ Mütter sind. Eine gute Mutter zu sein, ist eine angenehme und schöne Rolle. Doch ein Kind braucht mehr als nur Wärme von der Mutter, sondern auch Struktur. Es muss sich mit Rivalität, Sexualität und Aggressivität auseinandersetzen. Diesen Part übernimmt meistens der Vater. Aber diese Rolle scheint weniger attraktiv für Therapeuten zu sein. In einer Psychoanalyse wird sehr viel Zeit für die Mutter-übertragungen aufgewandt, aber kaum Zeit für Vaterübertragungen.

PP: Was weiß man aus der Vaterforschung über Väter?
Seiffge-Krenke: Die Vaterforschung hat sich lange sowohl mit der Abwesenheit und mit Defiziten der Väter als auch mit Missbrauch und Gewalt durch Väter beschäftigt. Erst seit wenigen Jahren wird untersucht, welche Funktionen und Aufgaben „ganz normale“ Väter für die Entwicklung ihrer Kinder haben. Dennoch ist das Bild vom Vater heute immer noch negativ überschattet und wird mit schwerer Pathologie in Verbindung gebracht. Dazu haben unter anderem die Missbrauchsforscher beigetragen, die an Vätern – verständlicherweise – keine positiven Seiten entdecken können und wollen. Die meisten Kinder und Jugendlichen und auch ein erheblicher Teil der Patienten haben jedoch keine missbrauchenden Väter. Über diese „normalen bis neurotischen“ Väter wissen wir erstaunlich wenig. Zu wenig beachtet wird zum Beispiel die kompensatorische Funktion von Vätern in Familien, in denen die Mütter schwer psychisch auffällig, depressiv, psychotisch oder alkoholkrank sind. Da haben Väter eine Schutzfunktion.

PP: Gibt es denn Versuche, die Väter zu rehabilitieren?
Seiffge-Krenke: Ja, aber nur wenige. So hat zum Beispiel das Buch von Peter Blos, der versuchte, den Vätern auch positive Seiten abzugewinnen, kaum Resonanz gefunden. Es hat sich nichts bewegt.

PP: Was hätten Mütter davon, wenn Väter sich an der Psychotherapie beteiligen?
Seiffge-Krenke: Für die Mütter würde das eine Bereicherung und eine starke Entlastung bedeuten. Denn durch eine Konzentration auf die Mutter-Kind-Beziehung werden die Verantwortung und die Schuld, wenn etwas in der Entwicklung des Kindes schief geht, allein auf die Mütter geschoben. Man nennt das „mother blaming“. Viele Mütter leiden unter diesen Schuldzuweisungen; sie werden nicht selten sogar krank. Außerdem erschweren ihre Schuldgefühle den therapeutischen Prozess. Die Väter können hier kompensatorisch und glättend wirken. Für die Kinder ist es auch ein gutes Modell, an dem sie sehen können, wie man als Elternpaar Konflikte gemeinsam und produktiv löst.

PP: Wie profitieren die Kinder von einer Beteiligung der Väter an der Psychotherapie?
Seiffge-Krenke: Kinder können von ihren Vätern zum Beispiel lernen, wie man Konflikte bewältigt. Es ist typisch für viele Mütter, dass sie einen Streit, auch wenn er beigelegt wurde, nicht so schnell vergessen können. Sie grübeln darüber nach, beschäftigen sich innerlich damit und können nicht loslassen. Das absorbiert jedoch nur Kraft und macht unter Umständen krank. Väter sind anders. Sie sehen vielleicht vieles nicht so klar wie Mütter und sind meist auch weniger sensitiv und empathisch. Dafür können sie aber einen gelösten Konflikt viel schneller vergessen. Sie betrachten die Sache als erledigt und wenden sich anderen Dingen zu. Bei meiner Arbeit mit kranken Kindern habe ich die Erfahrung gemacht, dass Väter besser als Mütter ihren Kindern zeigen können, wie man konstruktiv mit einer Stressbelastung umgeht, die nicht vorhersehbar ist oder nicht geändert werden kann.

PP: Wie könnten Psychotherapeuten die Väter ihrer Patienten dazu bringen, sich an der Therapie zu beteiligen?
Seiffge-Krenke: Zunächst einmal wäre es schön, wenn die Väter auch in der Psychotherapie erwachsener Patienten mehr zu Wort kommen würden. Familientherapeuten oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sollten zunächst die Väter selbstverständlich und gleichrangig mit der Mutter ansprechen. Dabei muss den Vätern vermittelt werden, dass es auf keinen Fall um Schuldzuweisung geht. Stattdessen können Väter die Therapie durch neue Facetten bereichern. Sie setzen andere Akzente als Mütter. Während die Mütter eher die Empathie repräsentieren, können Väter ein Modell für aktives, kompetentes Problemlösen sein. Durch die Beteiligung von Mutter und Vater erfährt das Kind mehr Perspektiven als durch die Mutter allein. Das sieht man besonders deutlich bei vaterlos aufwachsenden Kindern. Diese Kinder haben es einfach schwerer. Viele haben Probleme bei der Rollenfindung, sie weisen Defizite und psychische Störungen auf. Vor allem Jungen brauchen ein väterliches Modell. Aber auch die weibliche Rollenfindung der Tochter ist sehr viel schwieriger und unvollständiger, wenn die väterliche Unterstützung der Weiblichkeit entfällt.

PP: Welche Erfahrungen haben Sie mit Vätern in der Psychotherapie gemacht?
Seiffge-Krenke: Ein Teil der Väter ist abweisend und kommt nicht zu den vereinbarten Terminen. Andere Väter haben einen „starken Draht“ zu ihren Kindern. Wenn ihnen gesagt wird, wie wichtig sie für ihre Kinder sind und dass ihre Perspektive erwünscht ist, blühen sie auf und machen begeistert mit. Väter sind also nicht generell desinteressiert, und es wäre sicher den Versuch wert, sie stärker in die Psychotherapie einzubeziehen. Wir sollten allerdings nicht vergessen, dass Väter stärker in Handlungen und Aktivitäten sind als im Gespräch und dass man neben der sprachlichen Kommunikation auch andere Angebote machen sollte, die diese besondere väterliche Fähigkeit unterstützt und integriert. Ich denke an einen Kollegen, der seit Jahren Vater-Kind-Erlebniswochenenden anbietet, die einen enormen Zulauf haben.
Die Fragen für PP stellte Marion Sonnenmoser.

Literatur
Barrows P: Der Vater in der Eltern-Kleinkind-Psychotherapie. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 2000; 49: 596–610.
Blos P: Sohn und Vater – Diesseits und jenseits des Ödipuskomplexes. Stuttgart: Klett-Cotta 1990.
Kreische R: Vaterbilder in Paarbeziehungen. Vortrag auf der 3. Arbeitstagung des Bundesverbandes Psychoanalytische Paar- und Familientherapie e.V. (BVPPF) am 9. 6. 2002 in Göttingen
Seiffge-Krenke I: Neuere Ergebnisse der Vaterforschung. Psychotherapeut 2001; 48: 391–397.
Seiffge-Krenke I: Väter und Söhne, Väter und Töchter 2001; 17: 51–63.
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