ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2002Psychologische Notfallhilfe: Positive Effekte des Debriefings

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Psychologische Notfallhilfe: Positive Effekte des Debriefings

PP 1, Ausgabe Oktober 2002, Seite 464

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LNSLNS Richtig angewandt, kann das umstrittene Critical Incident Stress Debriefing hilfreich sein, konstatiert die Deutsche Gesellschaft für Post-Traumatische Stress-Bewältigung.

Nach traumatischen Ereignissen, wie Flutkatastrophen, Amokläufen oder Terroranschlägen, müssen neben der medizinischen Versorgung meist viele Menschen psychotraumatologisch betreut werden. Eine der am häufigsten eingesetzten psychologischen Gruppenkriseninterventionen nach belastenden Ereignissen ist das Critical Incident Stress Debriefing (CISD) nach Mitchell. Dieses Verfahren wird oft kritisiert (siehe beispielsweise „Debriefing kann schaden“ in PP 7). Debriefing schadet jedoch nur, wenn definierte Kriterien und Standards nicht eingehalten werden. CISD kann nur bei entsprechender Indikation, durchgeführt zum richtigen Zeitpunkt, qualifiziertem Personal und richtiger Zusammensetzung der Zielgruppe den erwarteten Erfolg erzielen.
Die häufig am CISD geübte Kritik ist aus mehreren Gründen fraglich:
c CISD ist nur eine von acht Maßnahmen im Konzept des Critical Incident Stress Management (CISM) nach Everly und Mitchell (1) und wird zu oft eingesetzt. Bei fachgerechter Anwendung des CISM-Konzepts beträgt der Anteil von CISD nur rund 30 Prozent aller zur akuten Krisenintervention durchgeführten Maßnahmen.
c Bei den meisten von Kritikern angeführten Studien wird von Debriefings gesprochen, ohne diese näher zu definieren Der Zeitpunkt der Durchführung und die Indikation werden nicht nach den Standards gewählt oder nicht beschrieben Die Qualifikation des Personals wird nicht dargestellt. Selbst bekannte Kritiker wie Bisson und McFarlane (2) kommen 1999 in einem Positionspapier zu der Erkenntnis, dass aus diesen Gründen beziehungsweise wegen methodischer Fehler keine abschließende Aussage darüber getroffen werden kann, ob Debriefings schaden oder nützen. Außerdem wird oft nicht darauf hingewiesen, dass es Studien gibt, die mit objektiven Daten positive Effekte nachgewiesen haben.
c Die meisten Studien und die ICD-10 gehen nur von den typischen Symptomen nach einem längeren Zeitraum aus, ohne deren subjektive Bedeutsamkeit für die Betroffenen zu berücksichtigen. Es ist jedoch nicht das Ziel der CISM-Maßnahmen, die Symptome zu beseitigen, sondern sie zu normalisieren oder zu relativieren, damit die Betroffenen sie als weniger oder gar nicht mehr belastend empfinden (cognitive reframing). Teilnehmer von CISM-Maßnahmen neigen weniger zur Dissimulation; sie gehen offener mit den Symptomen um und können diese leichter zugeben als Betroffene, die nicht an solchen Maßnahmen teilgenommen haben. Somit können Symptome nicht per se als negativer Effekt interpretiert werden.
Grundgedanke, Konzept und Struktur des CISD setzen voraus, dass alle Teilnehmer bereits auf der Ebene der kognitiven Bewältigungsversuche angelangt sind. Bei Zielgruppen, die vorab keine präventive Schulung erhalten haben, wird dies fast nie früher als 72 Stunden nach einem kritischen Ereignis erreicht sein. Es erscheint daher sinnvoll, ein CISD erst sechs bis zehn Tage nach einer möglichen Traumatisierung durchzuführen.
Bei einer sehr großen Zahl Traumatisierter, wie beispielsweise nach Terroranschlägen oder Großschadensereignissen, ist es sehr schwierig, die von Fischer und anderen (4) beschriebenen Hochrisiko-Personen zu identifizieren. Da in vielen Studien keine anderen signifikanten Prädiktoren für das Auftreten langfristig wirksamer posttraumatischer Störungen gefunden wurden und erfahrungsgemäß bei 15 bis 30 Prozent der Betroffenen und zum Teil erst nach Wochen oder Monaten solche Störungen auftreten, ist für eine frühe (akute) Krisenintervention (innerhalb der ersten vier Wochen) und somit für ein CISD als sekundärpräventive Maßnahme eine psychologische Triage unabdingbar. Diese dient zum einen zur Überprüfung der bekannten Kriterien für eine potenzielle Traumatisierung, zum anderen zur Zusammenstellung homogener Gruppen. Kriterien für eine potenzielle Traumatisierung sind die subjektive Wahrnehmung oder Empfindung von: Hilflosigkeit, Machtlosigkeit, Ausgeliefertsein, Schuldgefühlen (auch irrationalen), massiver persönlicher Betroffenheit, Identifikation mit den Opfern, großer Intensität eines Ereignisses, Bedrohung von Leib und Leben (zum Beispiel Todesangst).
Gegenseitiges Hochschaukeln kann vermieden werden
Die Homogenität der Gruppe definiert sich nicht – wie häufig angenommen wird – primär an der Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe, sondern vor allem an einem gemeinsamen Erlebnishintergrund und einem annähernd gleichen Ausmaß der Belastung. Dadurch und durch eine konzentrierte und behutsame Führung können die kritisierten Effekte (getriggert werden durch die Erzählungen anderer Teilnehmer oder gegenseitiges Hochschaukeln) vermieden werden. Individuelle und hochgradig traumatisierende Erlebnisse Einzelner werden von einem geschickten Teamleiter aus dem CISD heraus verlagert und im Anschluss an das Gruppengespräch in einer Einzelintervention aufgearbeitet. Die Bedeutung der Persönlichkeit, Qualifikation und Erfahrung des Teamleiters wurde unter anderem von Dyregrov (5) untersucht und ausführlich beschrieben. Die Leitung eines CISD sollte deshalb so genannten Mental Health Professionals (MHP) vorbehalten sein, das heißt Angehörigen akademischer Heilberufe mit Zusatzqualifikation.
Für einige Traumatisierte ist unbestritten die Einzelintervention das Mittel der Wahl. Für andere, vor allem nach gemeinsamem Erleben eines kritischen Ereignisses, kann das Gruppengespräch viele positive Effekte hervorrufen. Einerseits können durch die gemeinsame Faktensammlung Informations-, Wahrnehmungs- und Erinnerungslücken geschlossen und somit oft die Häufigkeit und Intensität von Albträumen und Flashbacks reduziert werden. Andererseits werden durch die Schilderung von Reaktionen anderer die eigenen Reaktionen normalisiert. Das häufige Gefühl, einzig betroffen zu sein, kann so genommen werden. Auch trägt eine durch das Team geschickt genutzte und gelenkte Eigendynamik der Gruppe zur Lösung von Konflikten und zur Neubewertung falsch attribuierter Gefühle oder Empfindungen, wie irrationaler Schuldgefühle, bei. Durch eine psychoedukative Informationsphase und das gemeinsame Erarbeiten von Zielen und Perspektiven zum Ende des Gruppengesprächs werden die eigenständige, weitere Bewältigung und eine ereignis- und bewältigungsorientierte Kommunikation in der Gruppe initiiert.
Clemens und Lüdke (3) muss entgegengehalten werden, dass sich eine optimale psychologische Soforthilfe oder akute Krisenintervention an der Verfassung und den Bedürfnissen der Betroffenen orientieren sollte. Sowohl individuelle als auch gruppenorientierte und -zentrierte Maßnahmen sollten daher in Betracht gezogen und fachgerecht gemäß den Standards durchgeführt werden.

Literatur
1. Everly GS, Mitchell JT: CISM – Stressmanagement nach kritischen Ereignissen. Wien: Facultas Verlag 2002.
2. Bisson JI et al.: Psychological Debriefing. Position Paper. International Society for Traumatic Stress Studies – PTSD Treatment Guidelines Committee, 1999.
3. Clemens K, Lüdke C: Debriefing kann schaden. Dtsch Arztebl (PP) 2002; 1: 316 [Heft 7].
4. Fischer G, Riedesser P: Lehrbuch der Psychotraumatologie. München, Basel: Reinhardt (UTB für Wissenschaft), 1998.
5. Dyregrov A: Helpful and Hurtful Aspects of Psychological Debriefing Groups. International Journal of Emergency Mental Health 1999; 7: 175–182.

Anschrift der Verfasser:
Dr. med. Stephanie Ferner
Dipl.-Psych. Bernd Willkomm
Deutsche Gesellschaft für Post-Traumatische
Stress-Bewältigung e.V.
Postfach 1231, 82242 Fürstenfeldbruck
E-Mail: dgptsb@aol.com.
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