ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2002Krankenhäuser: Griff nach der „Versorgungskette“

POLITIK

Krankenhäuser: Griff nach der „Versorgungskette“

Dtsch Arztebl 2002; 99(42): A-2746 / B-2340 / C-2196

Clade, Harald

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Deutsche Krankenhausgesellschaft präsentiert in Berlin ein „Sofortprogramm“.

Für die Deutsche Krankenhausgesellschaft e.V. (DKG), Düsseldorf/Berlin, ist eine „weitergehende“ Öffnung der Krankenhäuser für ambulante Funktionen sowie die Ingangsetzung der Integrationsversorgung der Dreh- und Angelpunkt der Gesundheitsreform. Noch vor Abschluss der Koalitionsverhandlungen hat die DKG in einem am 9. Oktober in Berlin vorgestellten „Sofortprogramm“ „dringende Rechtsanpassungen im Krankenhaussektor“ verlangt. Die Krankenhausträger erheben den Anspruch, eine zentrale Rolle als „Health Care-Zentrum“ zu übernehmen, das die gesamte Versorgungskette organisiert.
Im Zuge der Gesundheitsreform müssten sowohl zentrale Vorschriften im Sozialgesetzbuch V (SGB V) revidiert als auch das Fallpauschalengesetz zumindest im Hinblick auf die Konvergenzphase und den Terminplan überarbeitet werden. Durch eine Ergänzung von § 140 a ff. SGB V müssten die Krankenhäuser einen gesetzlichen Anspruch zur Beteiligung an Disease Management-Programmen (DMP) erhalten. Dies sei ein idealer Ansatzpunkt zu einer sektorenübergreifenden Versorgung. Die (politischen) Forderungen nach mehr Effizienz, Zielgenauigkeit und einem sparsamen Mitteleinsatz sowie einer qualitativ besseren Patientenversorgung erforderten geradezu, „die starren Grenzen der Leistungsbereiche aufzubrechen“, betont DKG-Präsident Dr. jur. Burghard Rocke. Ein integrativer Reformansatz setze voraus, dass die Krankenhäuser ins Zentrum der Versorgung gerückt würden. Das Potenzial der sektorenübergreifenden Versorgung müsse besser als bisher genutzt werden. Die Krankenhäuser sollten als Institution für ambulatorische Leistungserbringung weiter geöffnet werden („Institutsambulanzen“).
Die Verknüpfung der DMP mit dem Risiko­struk­tur­aus­gleich wird von der DKG abgelehnt, weil dies die Krankenkassen danach trachten ließe, die Programme in erster Linie aus wettbewerblichen und finanziellen Gründen aufzulegen und möglicherweise im Rahmen von Einkaufsmodellen selektiv zu Dumpingpreisen zu vereinbaren.
„Dringenden Handlungsbedarf“ sieht die DKG bei der Personalkostenfinanzierung und bei der Umstellung des bisher dreigeteilten Abrechnungssystems auf diagnosebezogene Fallpauschalen (DRG). Um einen „Personalkollaps“ im Krankenhaus zu verhindern, müssten die Personalkosten durch die Kostenträger vollkostendeckend finanziert und die Arbeitszeitbedingungen verbessert werden. Falls das EuGH-Urteil vom 3. Oktober 2000 auch in der deutschen Krankenhauspraxis im Maßstab 1 : 1 angewendet werden sollte, gehe dies nur bei einer vollen Refinanzierung dieser Zusatzkosten (geschätzte Höhe: 2 Milliarden Euro pro Jahr). Weil die Tariferhöhungen im Rahmen des Bundesangestelltentarifvertrages (BAT) um bis zu über 60 Prozent über der Krankenhausbudgetanpassung liegen, blieben mehr als 30 Prozent in den Budgets unberücksichtigt; eine ständige Unterfinanzierung und das Auseinanderklaffen von Budget und Kosten („BAT-Schere“) führe zu einer Auszehrung und zu einem Abbau kaum noch vorhandener Reserven, zu einer Tarifflucht, zu Personalengpässen und einem inhumanen Arbeitsstress. Deshalb plädiert die DKG für eine hundertprozentige Finanzierung aller linearen BAT-Erhöhungen und zusätzlicher Kosten, die aus krankenhausspezifischen Tarifverträgen und aus der Altersversorgung resultieren. Fast jedes zweite Krankenhaus könne eine freie Stelle im klinikärztlichen Dienst nicht mehr oder nur unter großen finanziellen Anstrengungen früher besetzen. Noch prekärer sei die Situation in den neuen Bundesländern. Hier seien sogar drei Viertel aller Krankenhäuser betroffen.
Die im Fallpauschalengesetz vorgesehenen Mittel in Höhe von 100 Millionen Euro für zusätzlich erforderliche Arztstellen im Jahr 2003 seien nur „ein Tropfen auf einen heißen Stein“. Dieser „Notgroschen“ könne das Personalproblem kaum lösen.
Die DKG befürwor-
tet eine stufenweise Einführung des DRG-Systems. Die zweijährige Konvergenzphase sei aufgrund der Erfahrungen anderer Länder viel zu kurz. Die Umstellung des Finanzierungssystems sollte erst nach vier Anpassungsschritten frühestens zu Beginn des Jahres 2008 wirksam werden. Es sei illusionär, sämtliche stationären Leistungen in das Fallpauschalensystem zwängen zu wollen. Strukturelle Fehlentwicklungen seien so programmiert. Die vorläufige Übernahme des australischen Systems berge die Gefahr, dass Ungenauigkeiten zementiert werden. Es sei bereits jetzt absehbar, dass beispielsweise die Geriatrie, die neurologische Frührehabilitation und die Strahlentherapie nur ungenügend im Fallpauschalensystem berücksichtigt werden könnten. Die Selbstverwaltung solle auf Orts- und Regionalebene Regelungen für Problembereiche treffen, insbesondere für seltene Erkrankungen und Spezialfälle. Diese könnten nicht oder nicht ausreichend durch das bundeseinheitliche Preissystem abgebildet werden. Für gesetzliche Ausnahmetatbestände müsse eine Schiedsamtsregelung vorgesehen werden, fordert die DKG. Dr. rer. pol. Harald Clade
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema