ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2002Informationsinitiative: KBV klärt über Arzneimittel auf

POLITIK

Informationsinitiative: KBV klärt über Arzneimittel auf

Dtsch Arztebl 2002; 99(42): A-2747 / B-2341 / C-2197

Korzilius, Heike;

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LNSLNS Angesichts steigender Arzneimittelausgaben will die Kassenärztliche Bundesvereinigung über eine wirtschaftliche Verordnungspraxis informieren und zugleich den Versorgungsbedarf der Patienten offen legen.

Der Druck auf die Kassenärzte hält an: Die aktuelle Ausgabenentwicklung weist zwar darauf hin, dass die Regelungen des Arzneimittelbudget-Ablösungsgesetzes (ABAG) und des Arzneimittelausgaben-Begrenzungsgesetzes (AABG) vom Beginn dieses Jahres zu einer Verringerung des Ausgabenanstiegs geführt haben. Die zwischen Krankenkassen und Ärzten vereinbarten Ausgabenvolumen konnten bei einer bedarfsorientierten, qualitativen Versorgung aber nicht erreicht werden. Entscheidend für die missliche Lage der Vertragsärzte ist nach Auffassung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), dass die im ABAG und im AABG vorgesehenen erweiterten Informationsrechte der ärztlichen Körperschaften und der Kassen nicht ausreichend greifen. Immer noch hindere die Pharmaindustrie mit wettbewerbsrechtlichen Klagen die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) daran, den Vertragsärzten konkrete Hinweise zur wirtschaftlichen Verordnung von Arzneimitteln zu geben. „Enttäuscht sind wir von den Krankenkassen. Sie machen keine Anstalten, ihrer Aufklärungspflicht nachzukommen“, kritisierte der Zweite Vorsitzende der KBV, Dr. med. Leonhard Hansen. Es sei eine gemeinsame Aufgabe von Kassen und Kassenärzten, Einsparungen bei Arzneimitteln zu erzielen. „Bisher scheint bei den Kassen aber die Sorge vorzuherrschen, dass solche notwendigen Informationen mit Mitgliederverlusten verbunden sein könnten.“
KBV und KVen haben sich von daher entschlossen, ihrer Informationspflicht alleine nachzukommen. Wie es § 73 Abs. 8 des SGB V vorsieht, wollen sie die Kassenärzte vergleichend über verordnungsfähige Leistungen, einschließlich der jeweiligen Preise und Entgelte, informieren sowie Hinweise zu Indikationen und therapeutischem Nutzen nach dem allgemeinen Stand der medizinischen Erkenntnisse geben.
„Wir liefern Informationen über die Austauschbarkeit von Generika, die Verordnung von Nachahmerprodukten im unteren Preisdrittel, über Analogpräparate und den notwendigen Versorgungsbedarf der Bevölkerung“, erklärte Hansen zum Auftakt der Arzneimittel-Informationsinitiative von KBV und KVen Anfang Oktober in Berlin. Ansprechen wolle man mit der Aktion vor allem die Kassenärzte. Aber auch den Patienten müsse man vermitteln, dass die Arzneimitteltherapie wirtschaftlichen Zwängen unterliege.
Defizite in der Versorgung
Trotz aller Einsparbemühungen und nachweisbarer Einsparerfolge dürfte es nach Ansicht der KBV jedoch kaum gelingen, die Gesamtausgaben für Arzneimittel nachhaltig zu senken. So hat der Sachverständigenrat der Konzertierten Aktion im Gesundheitswesen 2001 in einem Gutachten Defizite in der Versorgung benannt. Er listete unter anderem die Sekundärprävention bei ischämischen Herzkrankheiten, die medikamentöse Behandlung depressiver Erkrankungen oder Schutzimpfungen bei Kindern auf. Diese Versorgungslücken kostenneutral zu schließen ist aus Sicht der KBV unmöglich. Will man Unterversorgung beseitigen und die Versorgung qualitativ verbessern, führt dies zu steigenden Arzneimittelausgaben, die die Ärzte nicht durch Einsparungen kompensieren können. Denn auch eine leitliniengerechte Versorgung hat – wie die Behandlung von Diabetes mellitus im Rahmen verschiedener Diabetes-Verträge belegt – in vielen Bereichen wachsende Arzneimittelausgaben zur Folge. Die Zahlen sprechen für sich. Derzeit betragen die Arzneimittelausgaben für die Indikation Demenz 174 Millionen Euro. Würden alle Alzheimer-Kranken, bei denen eine Therapie indiziert und wirksam ist, mit den beiden Präparaten behandelt, die die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft empfiehlt, beliefen sich die Kosten auf gut das Doppelte.
Zahlreiche Beispiele belegen, dass man mit Einsparungen allein den Versorgungsbedarf nicht finanzieren kann. Aus Sicht der KBV müssen vier zentrale Faktoren bei der Bewertung der Ausgabenentwicklung berücksichtigt werden:
- der medizinische Fortschritt, der hochpreisige Innovationen gegen Aids oder Krebs hervorgebracht hat;
- die Vertiefung vorhandener Therapien aufgrund epidemiologischer Erkenntnisse über chronische Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Herzinsuffizienz;
- die Verlagerung von Therapien aus dem Krankenhaus in die Praxen niedergelassener Ärzte;
- Veränderungen in der Morbidität.
Hauptverantwortlich für den Ausgabenanstieg im vergangenen Jahr waren innovative Medikamente – ein Trend, der sich mit zweistelligen Zuwachsraten europaweit abzeichnete. Stark gestiegen sind beispielsweise die Ausgaben bei den Indikationen rheumatoide Arthritis, Migräne, Morbus Parkinson, Epilepsie, Schizophrenie, Morbus Alzheimer und Asthma bronchiale.
In der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) machten Innovationen bereits im Jahr 2000 ein Viertel des Gesamtumsatzes aus. Die Medikamente ersetzen vielfach alte Präparate, sind effizienter, haben aber auch oft einen höheren Preis. Dabei können hochpreisige Innovationen die GKV durchaus entlasten. Studien belegen, dass der Einsatz solcher Präparate die Kosten im nicht medikamentösen Bereich senken kann, indem beispielsweise Kranken­haus­auf­enthalte vermieden werden oder die Verweildauer verkürzt wird. Mehr als 300 neue Arzneimittel befinden sich gegenwärtig in der letzten Phase der klinischen Prüfung oder kurz vor der Zulassung. Selbst wenn nur ein Drittel davon als innovativ zu bewerten ist und nur ein Teil sich am Markt durchsetzt, wird in absehbarer Zeit eine Vielzahl hochpreisiger Präparate den Markt überschwemmen und zu weiteren Ausgabensteigerungen führen.
Einen wichtigen Teilbereich der Innovationen stellen die Spezialpräparate dar, zu denen es meist keine Alternativen gibt. Obwohl sie jeweils nur bei einer kleinen Zahl von Patienten eingesetzt werden, machen sie aufgrund ihrer hohen Preise bis zu einem Fünftel der GKV-Arzneimittelausgaben aus. Beispiel multiple Sklerose: In Deutschland leiden rund 120 000 Menschen an dieser Erkrankung. Mit Interferonen können hier deutliche Therapiefortschritte erzielt werden. Die Kosten liegen jedoch pro Patient bei 7 500 Euro jährlich.
Die Verordnung hochpreisiger Präparate wird darüber hinaus zunehmend aus dem Krankenhaus in den ambulanten Sektor verlagert. Dieser Effekt ist politisch gewünscht, da die GKV durch eine Reduktion der Kranken­haus­auf­enthalte Geld spart. Dies darf aber nicht dazu führen, dass die niedergelassenen Ärzte angesichts leerer Kassen ihre Patienten nicht mehr ausreichend versorgen können.
Auch die Entwicklung der Morbidität fordert ihren Tribut. Obwohl in Deutschland die Einwohnerzahl infolge der Wiedervereinigung gestiegen ist und sich die Altersstruktur weiter verschiebt, liegt die Zahl der Arzneimittelverordnungen unter dem Niveau von 1981. Diesem Trend sind jedoch durch die zunehmend ungünstigere Morbiditätsstruktur der Bevölkerung natürliche Grenzen gesetzt.
Es ist deshalb aus Sicht der KBV dringend geboten, die Diskussion um Einsparungen im Arzneimittelbereich um den Aspekt des Versorgungsbedarfs der Patienten zu erweitern. Ihre Informationen für die Kassenärzte wird sie in loser Folge im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichen. Heike Korzilius/DÄ
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