ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2002Arzneiverordnungs-Report: Lob und Tadel für die Ärzte

POLITIK

Arzneiverordnungs-Report: Lob und Tadel für die Ärzte

Dtsch Arztebl 2002; 99(42): A-2748 / B-2342 / C-2198

Rieser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der Ausgabenanstieg im Jahr 2001 (+ 10,4 Prozent gegenüber 2000) hatte medizinische Gründe – aber nicht ausschließlich.

Wenn jährlich der Arzneiverordnungs-Report* vorgestellt wird, bekommen die Ärzte mehr oder weniger schlechte Beurteilungen von Prof. Dr. med. Ulrich Schwabe sowie Empfehlungen für bessere, rationalere Verordnungen. So war es auch am Montag bei der Vorlage des jüngsten Reports. Doch gleichzeitig gab es Verständnis und sogar Lob: Schwabe verwies darauf, dass die Ausgaben für umstrittene Arzneimittel von 4,8 Milliarden Euro in 1992 auf 1,9 Milliarden Euro im Jahr 2001 zurückgegangen seien. „Diese gewaltigen Einsparungen sind gegen den erbitterten Widerstand der pharmazeutischen Industrie von der Ärzteschaft ohne gezielte gesetzliche Regelungen durchgesetzt worden“, erinnerte er. Dies und die Einsparungen bei den Generika hätten gezeigt, dass die Ärzteschaft aktuelle pharmakologisch-therapeutische Empfehlungen umsetzen könne.
Dann wurde der Pharmakologe wieder strenger. Zwar könne man für 2001 zusätzliche Arzneimittelausgaben von 1,3 Milliarden Euro darauf zurückführen, dass therapeutisch bedeutsame Arzneimittel verordnet worden seien, erläuterte er. Davon entfielen aber nur 724 Millionen Euro auf echte innovative Arzneimittel mit gesichertem therapeutischen Zusatznutzen. Der Ausgabenzuwachs insgesamt (+ 2 Milliarden Euro gegenüber 2000) habe jedoch nicht nur medizinische Gründe gehabt, sondern sei vielmehr „Resultat von geschicktem Marketing der pharmazeutischen Industrie und planlosem Agieren der Gesundheitspolitik“.
Schwabe verwies auf Dänemark, wo die Krankenkassen lediglich die drei preisgünstigsten Generika eines Wirkstoffs erstatten. Er bemängelte, dass für Krankenhäuser keine ArzneimittelRichtgrößen oder Zielvereinbarungen gelten würden. Als Drittes mahnte er eine Positivliste an. Theoretisch hätten sich im vergangenen Jahr 4,2 Milliarden Euro ohne Qualitätsverlust einsparen lassen, und zwar durch die Wahl preiswerterer Generika und den Verzicht auf hochpreisige Analogpräparate und umstrittene Arzneimittel. Damit habe man genug „Manövriermasse“, um sinnvolle innovative Medikamente zu bezahlen, so Schwabe.
Mit einem gänzlich ungewöhnlichen Vorschlag überraschte er am Schluss. Ärzte und Krankenkassenvertreter sollten sich in Ruhe bei einem guten Wein zusammensetzen und Verbesserungen in ihren Bezirken angehen: „Die Standpunkte sind gar nicht so weit auseinander.“ Dass die Ärzte „beratungsresistent“ seien, finde er nicht.
Diesen Vorwurf hatte zuvor Klaus Kirschner (SPD) erhoben, Bundestagsabgeordneter und bisher Vorsitzender des Gesundheitsausschusses. Dr. med. Leonhard Hansen, Zweiter Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, hatte daraufhin erbost gekontert: Es sei unerträglich, dass schon in der Mitte eines Jahres Politiker über die Ärzte herfielen und ihnen vorwerfen würden, falsch zu verordnen. Sabine Rieser

* Ulrich Schwabe, Dieter Paffrath (Hrsg.): Arzneiverordnungs-Report 2002, Springer-Verlag Berlin, ISBN 3-540-43624-3, 29,95 Euro
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema