ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2002Deutscher Apothekertag 2002: Schlechtes benennen, Gutes bewahren

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Deutscher Apothekertag 2002: Schlechtes benennen, Gutes bewahren

Korzilius, Heike

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Der Schein trügt. Mit ihren Plänen zum Arzneiversand erregte Staatssekretärin Schaich-Walch heftige Proteste. Foto: Hinkelbein
Der Schein trügt. Mit ihren Plänen zum Arzneiversand erregte Staatssekretärin Schaich-Walch heftige Proteste.
Foto: Hinkelbein
In einer Resolution fordern die Apotheker die Regierung auf, die mittelständische, freiberuflich geführte Apotheke zu erhalten und die Diskussion um den Arzneiversand zu beenden.

Wir bieten der Bundesregierung uneingeschränkt unsere konstruktive Zusammenarbeit in allen Fragen der Arzneimittelversorgung an“, betonte der Präsident der ABDA – Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände, Hans-Günter Friese, zum Auftakt des Deutschen Apothekertages am 10. Oktober in Berlin. Gehör muss sich der Verband verschaffen, will er sein zentrales Anliegen – den Erhalt des Versandhandelsverbots für Arzneimittel – gegen allen Widerstand doch noch durchsetzen. In diesem Punkt hat die Wiederwahl der rot-grünen Koalition den Apothekern das Leben nicht erleichtert. Um die steigenden Arzneimittelausgaben in den Griff zu bekommen, stehe der Arznei-Versandhandel nach wie vor auf der Tagesordnung, wie die parlamentarische Staatssekretärin im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Gudrun Schaich-Walch, bekräftigte. Der Bezug von Medikamenten aus dem EU-Ausland könne in der Praxis nicht unterbunden werden. „Deshalb beabsichtigen wir, zum Internet-Handel mit Arzneimitteln in Zusammenarbeit mit der EU-Kommission Regelungen zu schaffen, die ein hohes Maß an Verbraucherschutz, Arzneimittelsicherheit und faire Wettbewerbsbedingungen enthalten“, so Schaich-Walch.
Für die Apotheker hingegen ist die Versandhandelsdiskussion eine Existenzfrage. „Fakt ist, dass der Versandhandel das Ende der zuverlässigen und wohnortnahen Arzneimittelversorgung einläutet, weil er sich auf das eine Prozent der Versicherten konzentrieren würde, auf die 20 Prozent der Arzneimittelausgaben entfallen“, sagte ABDA-Präsident Friese. Fakt sei weiterhin, dass man die fachlichen und sozialen Leistungen einer Apotheke nicht versenden könne. Bestätigt sieht sich Friese in dieser Auffassung durch den überwältigenden Erfolg der „Initiative Pro Apotheke“, bei der sich 7,7 Millionen Apothekenkunden mit ihrer Unterschrift gegen den Versandhandel ausgesprochen hatten.
Vermutlich im nächsten Jahr wird der Europäische Gerichtshof darüber entscheiden, ob das deutsche Versandhandelsverbot mit europäischem Wettbewerbsrecht vereinbar ist. In diesem Zusammenhang appellierte ABDA-Hauptgeschäftsführer Prof. Dr. Rainer Braun an die Bundesregierung, nicht in vorauseilendem Gehorsam bewährte Strukturen zu verändern, sondern zunächst einmal das Urteil abzuwarten. Braun betonte, dass es den Apothekern bei der strikten Ablehnung des Versandhandels nicht in erster Linie um die eigenen Umsätze gehe. Mit einer EU-weiten Aufhebung des Versandhandelsverbots fänden vielmehr die unterschiedlichsten Apothekenrechtsstrukturen Eingang in den deutschen Markt. Das bedeute, dass Apotheken in Fremd- und Mehrbesitz, Ketten und Kapitalgesellschaften in Deutschland tätig werden könnten. In einer Resolution hat der Apothekertag deshalb die Bundesregierung aufgefordert, die Versandhandelsdebatte zu beenden und sich für den Erhalt der mittelständischen, freiberuflich geführten Apotheke einzusetzen. Es gehe um die Existenz von 21 500 Apotheken mit etwa 140 000 wohnortnahen Arbeitsplätzen.
Verbandspräsident Friese wehrte sich gegen Vorwürfe, die ABDA betreibe Blockadepolitik. Der Verband habe ein Konzept vorgelegt, das die Ziele des Versandhandels integriere, ohne die bewährte Versorgung zu gefährden. Die Vorschläge sähen unter anderem ein Homeservice-Konzept vor, in dessen Rahmen die pharmazeutische Betreuung bis ans häusliche Krankenbett gesichert sei. Als pharmazeutische Betreuer wollen die Apotheker zudem in die Programme für chronisch Kranke eingebunden werden.
Nach Ansicht von ABDA-Hauptgeschäftsführer Braun greift die derzeitige gesundheitspolitische Diskussion ohnehin zu kurz, in der die steigenden Arzneimittelausgaben für die Finanzmisere der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) verantwortlich gemacht werden. Die Ausgaben für Arzneimittel lägen im jahrzehntelangen Durchschnitt bei 14 bis 16 Prozent der GKV-Gesamtausgaben. Die Kassen hätten in erster Linie ein Einnahmeproblem. Dennoch wollen die Apotheker zur Reduzierung der Ausgaben beitragen. Ihr Vorschlag zielt auf eine Änderung der Arzneimittelpreisverordnung. Durch eine Anhebung der Preise für rezeptfreie Medikamente und eine Senkung der Preise für Innovationen lassen sich nach Berechnungen der ABDA innerhalb von vier Jahren mehr als drei Milliarden Euro sparen. Frieses Fazit am Ende der Eröffnungsfeier: „Es lohnt sich, sich für diesen schönen Beruf einzubringen, Schlechtes zu benennen und Gutes zu bewahren.“ Heike Korzilius
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