POLITIK

Bescheinigungen

Dtsch Arztebl 2002; 99(42): A-2752 / B-2346 / C-2201

Böhmeke, Thomas

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Als ich meine Praxis eröffnete, dachte ich mir, dass es vorteilhaft sei, meine soziale Ader auch nach außen hin zu zeigen – und das auf eine einfache und fiskalisch wenig schmerzhafte Art: Ich nehme kein Geld für Bescheinigungen. Frohgemut und voller Idealismus versehe ich meinen Job. Heute versuche ich, Herrn Scheu die Segnungen unseres Gesundheitswesens zukommen zu lassen. Dieser ist erfolgreicher Sozialfall in der dritten Generation, sämtlichen irdischen Lastern nicht abgeneigt. Als pflichtbewusster Hausarzt will ich ihn vom lebensverlängernden Effekt der Nikotinkarenz überzeugen. Nach langem Lamento erklärt er sich bereit, mit dem Zigarettenrauchen aufzuhören, ich solle ihm aber dafür eine Bescheinigung schreiben: Seine Wohnung soll neu tapeziert und eingerichtet werden, sonst würde er bei dem allgegenwärtigen Tabakgeruch wieder rückfällig werden. Die Kosten müsse das Sozialamt übernehmen, eine derartige Tätigkeit sei ihm nicht zuzumuten. Jetzt bin ich Gefangener meiner Idee und brüte verzweifelt über eine schlüssige Begründung für dieses Ansinnen. Aber kraft meiner Fantasie führt die Bescheinigung zum Erfolg: Die Sozialwohnung des Herrn Scheu erhält ein völlig neues Ambiente.
Zwei Wochen später sitzt er wieder vor mir und beklagt sich bitter darüber, dass er rückfällig geworden sei. Die Nachbarn seien daran schuld, die hätten ihn verführt, das seien sowieso Krakeeler, jetzt sei es höchste Zeit, in die vornehme Siedlung am Rande der Stadt umzuziehen. Mit dem Sozialamt habe er schon gesprochen; man erwarte dort eine entsprechende Bescheinigung von mir. Schon wieder sehe ich meine dichterischen Fähigkeiten arg strapaziert. Aber ich scheine mein Talent zu unterschätzen.
Zwei Wochen später ist Herr Scheu stolzer Bewohner einer Doppelhaushälfte im Nobelgürtel unserer schönen Stadt. Das wird es endlich gewesen sein, denke ich mir.
Wie so häufig liege ich völlig falsch. In den kommenden Tagen rücken mir die Ex-Nachbarn des Herrn Scheu auf die Pelle und wollen gleichfalls Bescheinigungen für neue Tapeten, neue Autos und Doppelhaushälften. Als ich bei dem braun gebrannten, muskelbepackten Herrn Arbeit zaghaften Widerstand probe, bekomme ich eine Abfuhr: „Ich kann unmöglich tapezieren! Ich kann das gar nicht! Und dem Scheu haben Sie das auch besorgt!“
Auch das Sozialamt hat die Faxen dicke. Herrn Arbeit wird mitgeteilt, dass meine Bescheinigungen nicht glaubhaft seien, und er solle gefälligst selbst tapezieren. Wütend kommt er wieder in meine Sprechstunde: „Das hätte ich mir doch gleich denken können, dass Ihre Bescheinigungen nichts wert sind, Sie Dämlack!“ macht er mich nieder. „Man muss ja noch nicht einmal was dafür bezahlen!“
Grrrr. Ab jetzt nehme ich 20 Euro für jede Bescheinigung. Basta.
Herr Scheu sitzt wieder vor mir und berichtet von der guten Nachbarschaft, die er jetzt genießen würde. Nein, mit dem Rauchen habe er nicht aufgehört. Wie wär’s, da gebe es doch die Raucherentwöhnung auf Lanzarote, so über sechs Wochen, er brauche nur eine Bescheinigung. Aber jetzt habe ich die Nase voll von Arbeit & Scheu: „Macht 20 Euro!“ verkünde ich siegessicher. „Kein Problem“, meint Herr Scheu, „machen Sie einfach noch eine Bescheinigung zur Kostenübernahme fürs Sozialamt fertig!“ Dr. med. Thomas Böhmeke
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