ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2002Onkologie: Highlights einer Großveranstaltung

POLITIK: Medizinreport

Onkologie: Highlights einer Großveranstaltung

Dtsch Arztebl 2002; 99(42): A-2755 / B-2348 / C-2203

Junker, Annette

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Modell des Wirkstoffs Oxaliplatin, der in Kombination zur Therapie des kolorektalen Karzinoms untersucht wird Foto: Sanofi
Modell des Wirkstoffs Oxaliplatin, der in Kombination zur Therapie des kolorektalen Karzinoms untersucht wird Foto: Sanofi
Als Ergänzung zu Fortschritten in der Krebsbehandlung wurden bei
dem Jahrestreffen der American Society of Clinical Oncology Studien
zu Screening und Vorsorge maligner Erkrankungen herausgestellt.

Zu den interessantesten Forschungsergebnissen bei dem Treffen 2002 der American Society of Clinical Oncology (ASCO) in Orlando gehörten zwei Studien zu dem Tyrosinkinaseinhibitor STI-571 (Glivec®). Der Wirkstoff mit einem – im Vergleich zu den bisherigen Zytostatika – völlig neuen Wirkprinzip hat bereits viel versprechende Resultate bei der Chronisch
Myeloischen Leukämie (CML) in fortgeschrittenem Stadium gezeigt. Der
Tyrosinkinaseinhibitor wurde bisher erst nach Versagen der Erstlinientherapie mit Interferon eingesetzt. Er wurde erst appliziert, wenn der Patient entweder schon in die akzelerierte Phase übergegangen war oder einen Blastenschub hatte.
Eine neue Studie zeigt, dass STI-571 auch in der Erstlinientherapie effektiver als die bisherige Standardtherapie ist und besser vertragen wird.
1 106 Patienten aus 16 Ländern wurden in dieser Phase-III-Studie (1) nach der CML-Diagnose entweder mit der bisherigen Standardtherapie Interferon plus Cytarabin oder STI-571 behandelt.
Bei diesem direkten Vergleich der frisch diagnostizierten CML zwischen der Standardtherapie und STI-571 zeigte sich, dass sechs Monate nach Beginn der Therapie sich die Leukämie bei acht Patienten unter STI-571 und 57 Patienten unter Interferon verschlimmerte. Außerdem konnte bei der STI-571-Gruppe bei 75 Prozent der Patienten eine deutliche Verringerung der Leukämiezellen im Knochenmark festgestellt werden, bei 54 Prozent verschwanden sie vollständig. In dem Interferon-Arm hatten 15 Prozent der Patienten eine deutliche Verringerung der Krebszellen, und nur bei drei Prozent verschwanden sie ganz. Lediglich sechs Prozent der STI-571-Patienten waren nach einem halben Jahr in einer Blastenkrise, im Vergleich zu 26 Patienten aus der anderen Gruppe.
Ernste Nebenwirkungen traten in der STI-571-Gruppe bei einem Prozent der Patienten auf, dagegen vertrugen in der Interferon-Gruppe 19 Prozent der Patienten die Therapie so schlecht, dass sie in die STI-571-Gruppe überführt wurden. „Wenn es auch noch keine Langzeiterfahrungen mit STI-571 gibt, sollte erwogen werden, diese Therapie als Standard bei neu diagnostizierter CML anzusehen“, sagte der Autor Brian Druker (Oregon).
Therapie gastrointestinaler Stroma-Tumoren
Ein Jahr nach Beginn der Behandlung von Patienten mit gastrointestinalen Stroma-Tumoren (GISTs) hatten in einer Phase-II-Studie mit 147 Patienten mehr als 60 Prozent noch keine Progression ihrer Erkrankung erfahren und konnten mit STI-571 weiterbehandelt werden. Bei 60 Prozent dieser Patienten hatte die Tumormasse sogar um die Hälfte abgenommen, bei weiteren 20 Prozent kam es zu einer geringeren Abnahme der Tumormasse oder einer Stabilisierung der Erkrankung. Diese Ansprechraten unterscheiden sich wesentlich von bisherigen Therapien (Ansprechraten von circa fünf Prozent). Die Patienten in dieser Studie wurden entweder mit 400 oder 600 mg täglich oral behandelt, wobei es keine Unterschiede bei diesen beiden Dosierungen und den Ansprechraten gab. An leichteren Nebenwirkungen kam es zu Nausea, Diarrhö und Muskelkrämpfen. Schwerere Nebenwirkungen wie Neutropenie und Tumorblutungen traten bei 20 Prozent der Patienten auf.
Kolorektale Karzinome: Seit wenigen Jahren werden die beiden neueren Zytostatika Irinotecan und Oxaliplatin mit 5-Fluorouracil und Leucovorin kombiniert zur Behandlung von kolorektalen Karzinomen (CRC), sowohl in der Erstlinien- als auch in der Zweitlinien-Therapie, eingesetzt. Zur Frage, welches der beiden neuen Medikamente unter welchen Bedingungen zuerst eingesetzt werden sollte, sind in den vergangenen Jahren verschiedene Studien angeregt worden. In den USA bestand bisher das Standardregime bei CRC aus Irinotecan, 5-Fluorouracil und Leucororin. Oxaliplatin ist zurzeit noch nicht zugelassen.
Unter diesen Voraussetzungen rief eine Untersuchung (3), in der die Oxaliplatinkombination zu einer statistisch signifikanten Verlängerung der Überlebenszeit führte, beim ASCO ganz besondere Aufmerksamkeit hervor. Die vom National Cancer Institute durchgeführte Studie untersuchte 795 CRC-Patienten, die entweder behandelt wurden mit
c Irinotecan/5-FU/Leukovorin (IFL, Saltz-Regime: LV/5-FU als bolus) oder
c Oxaliplatin/5-FU/Leukovorin (Folfox: LV/5-FU, gesplittet in bolus plus anschließende Dauerinfusion).
Dabei ergaben sich für das Saltz-Regime, das seit April 2000 in den USA den Therapie-Standard beim metastasierten CRC darstellt, überraschende Ergebnisse: Das Folfox-Regime war dem Saltz-Regime bezüglich aller wichtigen Studien-Parameter weit überlegen. Patienten des Folfox-Arms zeigten eine höhere Ansprechrate und eine deutlich längere Zeit bis zum Auftreten einer Progression.
Die Gesamtüberlebenszeit war bei Oxaliplatin-Patienten mit 18,6 Monaten versus 14,1 Monate auch signifikant länger. Hierzu ist anzumerken, dass es nicht für alle Patienten nach Progression unter der Erstlinientherapie automatisch zu einem Wechsel in den anderen Studienarm kam. Auch wegen der noch fehlenden Zulassung von Oxaliplatin in den USA kam es in beiden Armen zu sehr unterschiedlichen Zweitlinientherapien, deren Einfluss auf die genannten Gesamtüberlebenszeiten nur schwer abzuschätzen ist. Außerdem fehlen in dieser wichtigen Studie Vergleichsarme
5-FU/LV als Infusion mit und ohne Irinotecan. Damit wäre die Vergleichbarkeit mit dem Folox-Regime noch besser gegeben, zumal beim Vergleich Bolustherapie – Infusionregime der alleinigen 5-FU/LV-Therapie einiges für das Infusionsregime spricht.
Bei den Folfox-Patienten kam es zu weniger schweren Nebenwirkungen, wie zum Beispiel Infektionen durch Leukopenien, Diarrhö, Haarausfall und Erbrechen. Im Saltz-Regime kam es bei 13 Patienten zu toxischen Frühtodesfällen (versus drei Patienten im Folfox-Regime). Aufgrund der signifikanten Überlegenheit des Folfox-Regimes wurde der Therapiearm mit dem Saltz-Regime geschlossen. Daraufhin hat die FDA nach einem beschleunigten Zulassungsverfahren am 14. August 2002 Oxaliplatin zugelassen.
Ist ein jährlicher PSA-Test notwendig?
In den USA wird empfohlen, dass Männer über 50 Jahre sich einem jährlichen Screening des PSA (prostataspezifischen Antigens) unterziehen sollten. Erhöhte Werte könnten ein möglicher Indikator für ein Prostatakarzinom sein. Eine Studie (4) von E. D. Crawford sollte dieser Behauptung und dem Nutzen auf ein regelmäßiges Screening auf den Grund gehen: Die Veränderungen des PSA-Musters bei Männern über 50 Jahre mit initial normalem PSA wurden fünf Jahre lang untersucht. Es zeigte sich, dass die jährliche Testung für viele Männer gar nicht nötig ist. Es reicht offensichtlich mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit aus, dass Männer, die initial sehr niedrige PSA-Werte aufweisen, sich nur in größeren Intervallen untersuchen lassen.
Diese Analyse bezog 27 863 Männer zwischen 55 und 74 Jahren ein, von denen 90 Prozent initiale PSA-Werte aufwiesen, die als normal einzustufen sind (< 4ng/ml). Ein statistisches Modell wurde angewandt, um Voraussagen darüber machen zu können, wie sich die Werte in den folgenden fünf Jahren ändern würden. 98,6 Prozent der Männer mit sehr niedrigem PSA unter 1 ng/ml hatten in vier Folgejahren weiterhin normale PSA-Werte. Basierend auf ihren Ergebnissen, schlagen die Wissenschaftler vor, dass Männer mit einem Anfangswert unter 1 ng/ml nur alle fünf Jahre und Männer mit Anfangswerten zwischen 1 und 2 ng/ml alle zwei Jahre untersucht werden müssten.
Eine gesteigerte Aufmerksamkeit sollte dagegen den Männern gelten,
deren Anfangswerte zwischen 2 und 4 ng/ml, und ganz besonders denen, deren Werte bereits zu Beginn über 3 ng/ml liegen, weil die Werte dann bei 24 Prozent innerhalb des kommenden Jahres und bei 83 Prozent während der nächsten vier Jahre steigen würden. Die Studie wird fortgeführt, wobei noch keine Aussage darüber getroffen werden kann, ob mithilfe des PSA-Screenings die Überlebenszeit verlängert wird.
Adjuvante Therapie Mammakarzinom: Nachdem Ende 2001 während der San Antonio Breast Cancer Conference die ersten Resultate der bisher größten Studie (5) zur Brustkrebsbehandlung (ATAC) vorgestellt worden waren, hat die ASCO eine Kommission gebildet, die anhand der zur Verfügung stehenden Daten zu Aromatasehemmern eine Bewertung bezüglich der adjuvanten endokrinen Therapie des Mammakarzinoms aussprechen sollte, um Patienten und Ärzten eine fundierte Beratung anzubieten. Prof. Eric Winer (Boston) kommentierte sie im Namen der Kommission: Mehr als 9 000 postmenopausale Mammakarzinom-Patientinnen waren nach Operation und eventueller Chemotherapie Kandidatinnen für eine adjuvante Hormontherapie. Sie wurden randomisiert und fünf Jahre entweder mit Anastrozol oder Tamoxifen oder mit Anastrozol plus Tamoxifen behandelt.
In Bezug auf das krankheitsfreie Überleben traten kleine, aber statistisch deutliche Unterschiede zugunsten von Anastrozol auf. Da diese klein sind, es noch keine Daten zu einer möglichen Toxizität bei Langzeiteinnahme von Anastrozol gibt und auch noch kein Überlebensvorteil festgestellt werden konnte, empfiehlt die Kommission, den Fünf-Jahres-Kurs mit Tamoxifen als Standard in der adjuvanten Hormontherapie beizubehalten.

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über das Internet (www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.

Annette Junker
Apothekerin für klinische und onkologische Pharmazie, Sana Klinikum Remscheid GmbH, 42859 Remscheid


Dem wachsenden Bedürfnis der Krebspatienten nach Mitentscheidung über die Therapie wurde Rechnung getragen: Auf Initiative der ASCO wurde eine Web-Seite ins Leben gerufen: www.PeopleLivingWithCancer.org. Von der ASCO verwaltet, soll diese Internet-Seite Patienten und ihren Familien helfen, präzise, verwertbare und von Onkologen überprüfte Informationen zu finden, um wissenschaftlich fundierte Entscheidungen mit treffen zu können.
1.
STI571 (Gleevec/Glivec, imatinib) versus interferon (IFN) + cytarabin as initial therapy for patients with CML: results of a randomized study. BJ Druker, for the IRIS (International Randomized IFN vs. STI571) Study Group; Oregon Health & Science University, Portland, OR. ASCO 2002, abstr. 1.
2.
High incidence of durable responses induced by Imatinib Mesylate (GleevecTM) in patients with unresectable and metastatic gastrointestinal stroma tumors (GISTs). Margaret von Mehren, Fox Chase Cancer Ctr., Philadelphia, PA; Charles Blanke, OHSU, Portland, OR; Heikki Joensuu, University Hospital, Helsinki Finland; Mike Heinrich, OHSU, Portland, OR; Peter Roberts, University Hospital, Helsinki Finland; Burton Eisenberg, Fox Chase Cancer Ctr, Philadelphia, PA; Sandra Silberman, Novartis Oncology, East Hanover, NJ; Sasa Dimitrijevic, Beate Kiese, Novartis Oncology, Basel Switzerland; Jonathan Fletcher, Christopher Fletcher, George Demetri, Dana-Farber Cancer Institute, Boston, MA. ASCO 2002, abstr. 1608.
3.
N9741: oxaliplatin (oxal) or CPT-11+5-fluorouracil (5FU)/leucovorin (LV) or oxal+CPT-11 in advanced colorectal cancer (CRC). Initial toxicity and response data from a GI Intergroup study. RM Goldberg, RF Morton, DJ Sargent, CS Fuchs, RK Ramanathan, SK Williamson, BP Findlay; Mayo Clinic, Rochester, MN; NCCTG, Des Moines, IA; CALGB, Boston, MA; ECOG, Pittsburgh, PA; SWOG, Kansas City, KS; NCIC, St. Catharines, Canada. ASCO 2002, abstr 511.
4.
PSA Testing Interval Reduction in Screening Intervals: Data from the Prostata, Lung, Colorectal and Ovarian Cancer (PLCO) Screening Trial. E.D. Crawford, Univ of Colorado Health Sciences Ctr., Denver, CO; David Chia PhD, University of California at Los Angeles, Los Angeles, CA; Gerld L Andriole MD, Washington University School of Medicine, St. Louis, MO; Douglas Redding, Marshfield Clinic and Medical Center, Marshfield, WI; Edward P Gelmann, Georgetown University Medical Center, Washington, DC; John K Gohagan, Paul Pinsky, Richard B Hayes, David L Levin, Richard M Fagerstrom, NCI, Dividion of Cancer Prevention, Bethesda, MD; Barnett S Kramer, NIH/NCI, Office of Medical Applications of Research, Bethesda, MD. ASCO 2002, abstr. 4.
5.
Baum M et al.: The ATAC (Arimidex, Tamoxifen Alone or in Combination) adjuvant breast cancer trial in postmenopausal women. Br Cancer Res Treat 2001; 69 (3): abstract 8.
1. STI571 (Gleevec/Glivec, imatinib) versus interferon (IFN) + cytarabin as initial therapy for patients with CML: results of a randomized study. BJ Druker, for the IRIS (International Randomized IFN vs. STI571) Study Group; Oregon Health & Science University, Portland, OR. ASCO 2002, abstr. 1.
2. High incidence of durable responses induced by Imatinib Mesylate (GleevecTM) in patients with unresectable and metastatic gastrointestinal stroma tumors (GISTs). Margaret von Mehren, Fox Chase Cancer Ctr., Philadelphia, PA; Charles Blanke, OHSU, Portland, OR; Heikki Joensuu, University Hospital, Helsinki Finland; Mike Heinrich, OHSU, Portland, OR; Peter Roberts, University Hospital, Helsinki Finland; Burton Eisenberg, Fox Chase Cancer Ctr, Philadelphia, PA; Sandra Silberman, Novartis Oncology, East Hanover, NJ; Sasa Dimitrijevic, Beate Kiese, Novartis Oncology, Basel Switzerland; Jonathan Fletcher, Christopher Fletcher, George Demetri, Dana-Farber Cancer Institute, Boston, MA. ASCO 2002, abstr. 1608.
3. N9741: oxaliplatin (oxal) or CPT-11+5-fluorouracil (5FU)/leucovorin (LV) or oxal+CPT-11 in advanced colorectal cancer (CRC). Initial toxicity and response data from a GI Intergroup study. RM Goldberg, RF Morton, DJ Sargent, CS Fuchs, RK Ramanathan, SK Williamson, BP Findlay; Mayo Clinic, Rochester, MN; NCCTG, Des Moines, IA; CALGB, Boston, MA; ECOG, Pittsburgh, PA; SWOG, Kansas City, KS; NCIC, St. Catharines, Canada. ASCO 2002, abstr 511.
4. PSA Testing Interval Reduction in Screening Intervals: Data from the Prostata, Lung, Colorectal and Ovarian Cancer (PLCO) Screening Trial. E.D. Crawford, Univ of Colorado Health Sciences Ctr., Denver, CO; David Chia PhD, University of California at Los Angeles, Los Angeles, CA; Gerld L Andriole MD, Washington University School of Medicine, St. Louis, MO; Douglas Redding, Marshfield Clinic and Medical Center, Marshfield, WI; Edward P Gelmann, Georgetown University Medical Center, Washington, DC; John K Gohagan, Paul Pinsky, Richard B Hayes, David L Levin, Richard M Fagerstrom, NCI, Dividion of Cancer Prevention, Bethesda, MD; Barnett S Kramer, NIH/NCI, Office of Medical Applications of Research, Bethesda, MD. ASCO 2002, abstr. 4.
5. Baum M et al.: The ATAC (Arimidex, Tamoxifen Alone or in Combination) adjuvant breast cancer trial in postmenopausal women. Br Cancer Res Treat 2001; 69 (3): abstract 8.

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