ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2002Einkommen: Schädlicher Vergleich
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LNSLNS Es ist schon bitter, wenn man als AiP für einen unverhältnismäßig niedrigen Lohn unbezahlte Überstunden machen muss, um dann von Dr. Wagener darüber belehrt zu werden, dass früher eine Krankenschwester mehr als ein Arzt verdiente. Dies ist nicht nur in der angeführten Historie aus der Berliner Charité so gewesen, sondern in weiten Teilen noch heute so. Dies betrifft nicht nur die Zeit des AiP (vom PJ ganz zu schweigen), sondern auch noch die Assistenzarztzeit.
Berechnet man einmal die verlängerte Schulzeit zum Abitur (als Voraussetzung für das Medizinstudium), dann mindestens fünf Jahre Studium, ein Jahr PJ, in dem man nichts verdient, und 18 Monate AiP, in denen ein Lohn gezahlt wird, der am absoluten Existenzminimum liegt (mit Familie auf jeden Fall darunter), und vergleicht das mit dem Gesamteinkommen des Pflegepersonals im gleichen Zeitraum, das oft schon nach mittlerer Reife eine bezahlte und nur dreijährige Ausbildung durchläuft, muss man sich doch fragen, wie Dr. Wagener auf diese angeblich unerklärlich gravierende Diskrepanz betreffend den Verdienst zwischen den beiden Berufsgruppen kommt.
In dem angeführten Vergleich ist noch nicht einmal die extreme Mehrarbeit, die der Arztberuf leider immer noch mit sich bringt (und die selbstverständlich nicht bezahlt wird), oder die ungleich größere Verantwortung, die auf dem Arzt lastet (und sich nicht zuletzt in zahlreichen Schadensersatzanspruchsprozessen gegen Ärzte widerspiegelt) einkalkuliert.
Für jemanden, der sich sein Studium durch Nacht und Wochenenddienste finanziert hat, klingt der zweite Absatz des Artikels wie der reinste Hohn. Für die gerade erst aufkeimende Diskussion um eine Verbesserung der unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Krankenhausärzte ist der Artikel nicht nur ärgerlich, sondern schädlich (da hierdurch das in der Öffentlichkeit weit verbreitete und stark verzerrte Bild der Ärzte als Großverdiener weiter gefestigt wird) und in einem ärztlichen Standesorgan sicherlich fehl platziert.
Es gibt sicherlich viele Gründe und Möglichkeiten, die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Pflege zu verbessern, aber ein Vergleich der Einkommen gehört mit Sicherheit nicht dazu.
Tillo Koch, Krofdorfer Straße 24, 35398 Gießen
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