ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2002Göttingen: Stadt der Nobelpreisträger

VARIA: Feuilleton

Göttingen: Stadt der Nobelpreisträger

Dtsch Arztebl 2002; 99(42): A-2797 / B-2381 / C-2234

Schneider, Heide B.

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Otto Hahns Versuchsaufbau zur Atomkernspaltung Fotos: Heide B. Schneider
Otto Hahns Versuchsaufbau zur Atomkernspaltung Fotos: Heide B. Schneider
44 Nobelpreisträger haben in der Universitätsstadt gelebt und geforscht.

Seit 1901 zeichnet die Stiftung des schwedischen Erfinders Alfred Nobel herausragende Leistungen auf den Gebieten der Chemie, Physik, Physiologie oder Medizin, Literatur sowie seit 1968 der Wirtschaftswissenschaften aus. Außerdem würdigt sie ein besonders Frieden stiftendes Engagement. Kaum ei-ne andere Universitätsstadt kann weltweit so viele Nobelpreisträger aufweisen wie Göttingen. 44 von ihnen haben in der Universitätsstadt gelebt und geforscht. Eröffnet wurde der Preisreigen 1905 durch den Arzt Robert
Koch für die Entdeckung des Erregers der Tuberkulose. 1908 folgte Paul Ehrlich. Dieser gilt als Begründer der modernen Chemotherapie. In einer Ausstellung in der Göttinger Paulinerkirche ist auch zu erfahren, dass sein Arbeitsplatz stets mit vielen Farbröhrchen überfüllt war. „Jeden Nachmittag lärmte Ehrlich allein in seinem Laboratorium herum. In der Mitte befand sich ein gewaltiger Tisch, beladen mit Reihen von Fläschchen mit und ohne Etiketten, Fläschchen mit unleserlich bekritzelten Etiketten oder mit solchen, die von Farbe ganz durchtränkt waren. Aber Ehrlichs wunderbares Gedächtnis wusste Bescheid über den Inhalt eines jeden.“ Unermüdlich befasste er sich auch nach der Nobelpreisehrung weiter mit der Entwicklung von Heilsera zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten. So gelang ihm zum Beispiel nach unzähligen Versuchen und Erprobung von nicht weniger als 605 Substanzen tatsächlich mit der 606. Substanz, Salvarsan, die Herstellung eines Chemotherapeutikums, das in der Therapie der Syphilis eingesetzt wurde. Ebenfalls 1908 wurde der Philosoph Rudolf Christoph Eucken (Literatur) geehrt, gefolgt von dem Chemiker Otto Wallach 1910.
Die Ausstellung widmet sich drei Themenschwerpunkten: „Der Nobelpreis und der Erste Weltkrieg“, „Der Nobelpreis zur Zeit des Dritten Reiches“ und „Der Nobelpreis in der Nachkriegszeit“. In dieser Ausstellung ist eine Vielzahl bisher unbekannter Exponate aus dem Leben und Wirken der Preisträger zu sehen. Sie stammen aus Museen, von Nachlassverwaltern und Privatpersonen. Gezeigt wird zum Beispiel die UV-Bestrahlungslampe zur Darstellung von D-Vitaminen aus Ergosterin des Arztes und Chemikers Adolf Windaus, der für seine Untersuchungen hierzu ausgezeichnet wurde (1928, Chemie). Mit der Erschaffung von Vigantol leitete Windaus unter anderem die Bekämpfung der Rachitis ein. Beeindruckend ist auch der Versuchsaufbau zur Spaltung schwerer Atomkerne Otto Hahns, mit dem der Chemiker gemeinsam mit Lise Meitner und Fritz Straßmann 1938 die Kernspaltung entdeckte. Hierfür wurde er 1944 mit dem Nobelpreis geehrt.
Robert Koch: zerriebene Tuberkel-Bazillen; links: Mikroskop zur Untersuchung von Bakterienkulturen, rechts: Plattenkamera aus Holz aus dem Besitz Robert Kochs. Oben rechts: Paul Ehrlichs Salvarsan
Robert Koch: zerriebene Tuberkel-Bazillen; links: Mikroskop zur Untersuchung von Bakterienkulturen, rechts: Plattenkamera aus Holz aus dem Besitz Robert Kochs. Oben rechts: Paul Ehrlichs Salvarsan
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Charmant ist auch die Idee, Persönliches der Preisträger zu zeigen, so zum Beispiel einen Brief Robert Kochs aus seiner Göttinger Studentenzeit an seine Mutter mit der Bitte um frische Wäsche. „Ich schicke einige Hemden und Strümpfe . . . dass Du sie mir mit der versprochenen Wurst schicken kannst, oder auch die Wurst mit der Wäsche, was besser klingt.“
Heute leben und arbeiten in Göttingen noch zwei Preisträger: Manfred Eigen und Erwin Neher. Eigen erhielt 1967 für die Untersuchungen äußerst schneller chemischer Reaktionen den Nobelpreis für Chemie. Seine Evolutionsmaschine „Serial Transfer“ legte den Grundstein für industrielle Anwendungen, die „evolutive Biotechnologie“, mit der pharmazeutische Wirkstoffe oder technische Enzyme beispielsweise für Waschmittel entwickelt werden. Neher, Biophysiker und Zellphysiologe, wurde 1991 mit dem Medizinnobelpreis ausgezeichnet für seine Entdeckungen zur Funktion von einzelnen Ionenkanälen in Zellen. Insgesamt eine spannende Ausstellung, die nicht nur für Göttingen eine Bereicherung ist. Die Ausstellung ist noch bis 27. Oktober in der Paulinerkirche (Historisches Gebäude der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek) zu sehen. Weitere Informationen: www.paulinerkirche.de
Dr. med. Heide B. Schneider

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