ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 2/2002Sächsische Weinstraße: Karl May und der Riesling

SUPPLEMENT: Reisemagazin

Sächsische Weinstraße: Karl May und der Riesling

Mischke, Roland

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Fotos: enapress.com
Fotos: enapress.com
Von wem sind mehr Bücher im Umlauf als von Goethe, Schiller und den Nobelpreisträgern Gerhart Hauptmann, Thomas Mann und Günter Grass zusammen? Richtig, von Karl May! 83 dickleibige Werke hat der Großschriftsteller verfasst, sie wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, die Gesamtauflage beträgt mehr als 100 Millionen Exemplare und steigt mit jedem Tag. „Howgh“, wie Karl May seinen tollpatschigen Ranger Sam Hawkins ächzen ließ, wenn der wieder einmal verblüfft war. Das Kuriose: Den größten Teil seines Werks schrieb der Amerika-Fan im deutschen Osten. Er war bereits ein Bestseller-Star und hatte mit ersten Erzählungen über Indianer und Cowboys Furore gemacht, als er das erste Mal nach Amerika eingeladen wurde. Jenseits des Großen Teichs war man entzückt darüber, dass der Deutsche das Land und seine Bewohner so gut kannte – nicht ahnend, dass er niemals da war. Er hatte sich alle seine Kenntnisse, die bis in abgelegene Details reichten, bienenfleißig angelesen, vor allem aus wissenschaftlicher Literatur.
Auch jetzt hatte er es nicht eilig, der Einladung zu folgen. Die Lößnitz, ein Landstrich gleich nordwestlich hinter den Toren Dresdens, war sein Amerika. 1896, der Meister war schon über fünfzig, bezog er in Radebeul mit seiner Frau Klara die von ihm später so genannte „Villa Shatterhand“. Die Gartenstadt war seinerzeit eine Topadresse, das sächsische Elbland wurde zur Traumkulisse stilisiert. Reiche Industrielle bauten dort ihre Villen, von Parks umgeben, an die warmen Elbhänge mit ihrem besonderen Mikroklima. Der Fluss legt sich anmutig in Kurven, das Weingebiet ist das nördlichste Europas. Die hier erzeugten Weißweine gelten als Raritäten. Durch die Region zwischen Dresden und Meißen zieht sich die 56 Kilometer lange Sächsische Weinstraße, die nach der Wende als touristische Straße mit hübschen Gasthöfen und Straußwirtschaften eingerichtet wurde. In diesem Jahr feiert sie ihr zehnjähriges Jubiläum.
Weinfreunde kommen auf ihre Kosten
Auch Karl May hat gern die lokalen Sorten Riesling und Grauburgunder verkostet. Den Freuden des Lebens war er, der als Sohn eines Webers eine schlimme Kindheit am Rande des Erzgebirges hinter sich hatte, sehr zugetan. In Radebeul hatte er den Wilden Westen vor der Haustür. Wer seinen Spaziergängen durch den Lößnitzgrund folgt, erkennt, dass das verwinkelte Tal für den smarten Dandy mit dem zurückgekämmten Haar und dem Monokel im Auge ein Ort beständiger Inspiration war. Der Lößnitzgrund ist ein scharfer Einschnitt in die parallel zur Elbe verlaufenden Weinberghänge, erst von der Eiszeit und dann über Jahrhunderte vom Lößnitzbach gegraben – eine Gegend in der milden Weinbergregion mit ihren Hängen voller Rebstöcke, prachtvoller Villen und Schlösser, wie ein schönes Gemälde mit einem derben Kratzer.
Das Karl-May-Museum in Radebeul: Ein Besuch lohnt sich.
Das Karl-May-Museum in Radebeul: Ein Besuch lohnt sich.
„Uns gingen die Augen über, denn da war ja alles, was in den Büchern zu finden ist“, erinnert sich Dieter Schubert, Leiter des Kulturamts, an eine Begehung. „Die Schluchten, der Bach, die Eisenbahn – eine Landschaft wie im Wilden Westen.“ Zu dem, was Karl May auf seinen Streifzügen sah, fantasierte er abgerissene Gestalten hinzu, die im Bach Gold wuschen, und grimmige Rothäute, die sich in den Schluchten verschanzten, bevor sie sich mit lautem Geheul auf den Dampfzug stürzten und mit etlichen Skalps von Bleichhäuten zu ihren Tipis zurückritten. Hier ließ der Schriftsteller Winnetou und Old Shatterhand die Friedenspfeife rauchen, erhabene Sprüche unter funkelnden Sternen aufsagen und allerlei wilde Gesellen düstere Gedanken ausbreiten. Die Dampfeisenbahn, der älteste Historienzug der Deutschen Bahn, „Lößnitzdackel“ genannt, schnauft immer noch unter mächtigen Qualmwolken durch den Lößnitzgrund. Zum jährlichen Karl-May-Festival jeweils im Mai werden Zugüberfälle nachgestellt. Dann kracht und raucht es aus Silberbüchse, Henrystutzen und Bärentöter.
Viele Reliquien
Die Gewehre der Romanhelden werden als Originale im Karl-May-Museum ausgestellt. Fans können in der „Villa Shatterhand“ im Empfangssalon, der Bibliothek und im Arbeitszimmer – alle noch mit Originalmöblierung – des gelehrten Fantasten Andacht halten. Die „Villa Bärenfett“, ein Blockhaus aus rustikalen Holzstämmen im Garten, entstand erst nach Mays Tod 1912 und dokumentiert die Eroberung des amerikanischen Westens, Kriege mit den Indianern, Deportation und Genozid an den Urvölkern. Der Wilde Westen liegt in Wild Saxony bei Dresden. Roland Mischke


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Reise-Tipps
Anreise: Von Dresden mit der Straßenbahn oder S-Bahn nach Radebeul.
Unterkunft: „Weingut Sorgenfrei“, Augustusweg 18, 01445 Radebeul, Telefon: 03 51/8 93 33 30; Hotel „Goldener Anker“, Altkötzschenbroda 61, 01445 Radebeul, Telefon: 03 51/8 39 90 10
Karl-May-Museum: Karl-May-Straße 5, Radebeul, Internet: www.karl-may-museum.de, Di–So 9–18 Uhr.
Auskunft: Tourismusverband Sächsisches Elbland, Niederauer Straße 26–28, 01662 Meißen, Telefon:
0 35 21/7 63 50, Fax: 0 35 21/76 35 40, www.elbland.de

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