ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2002Patientenrechte in Deutschland Ärzte sollen vom hohen Sockel steigen

POLITIK

Patientenrechte in Deutschland Ärzte sollen vom hohen Sockel steigen

Dtsch Arztebl 2002; 99(43): A-2824 / B-2405 / C-2251

Merten, Martina

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Definierte Rechte der Patienten bestehen seit längerem. Wie diese in der Praxis besser umgesetzt werden können, war Thema der Europawoche gegen den Krebs Mitte Oktober.

Obwohl es bereits seit 1999 eine Dokumentation über „Patientenrechte in Deutschland heute“ gibt, ist diese weitgehend unbekannt. In der von der Ge­sund­heits­mi­nis­ter-Konferenz der Länder formulierten Charta steht das Recht des Kranken auf sorgfältige Information an erster Stelle. Vertrauensvoll sollte das Gespräch mit dem Arzt sein, sachkundig dessen Aufklärung. Der Patient sollte Fragen stellen können und habe das Recht auf frühzeitige Information über seine Krankheit. Trotz dieser und weiterer wohlklingender Theorie* scheitert die Umsetzung von Patientenrechten häufig am Alltag. Zu knapp ist die kostbare Zeit des Arztes, zu unsicher sind viele Patienten, wenn es um die Einforderung von Rechten geht, von denen sie bisweilen noch nicht einmal etwas wissen.
Wie dieser Zustand geändert werden kann, war Thema der Europawoche gegen den Krebs. „Wir wollen die Rechte nicht neu erfinden, sondern die Patienten über ihre bestehenden Rechte aufklären“, betonte Klaus Dörrie von der Deutschen Krebshilfe (DKH). Mit weiteren Vertretern der Krebshilfe, der Deutschen Krebsgesellschaft und des Bundesverbandes Frauenselbsthilfe nach Krebs diskutierte Dörrie vor allem über das Recht auf sorgfältige Information des Kranken. „Patienten erfahren die Diagnose bisweilen noch unter entwürdigenden Umständen: im Vorbeigehen auf dem Flur oder nackt in einer Umkleidekabine sitzend“, so die Vorsitzende des Bundesverbandes Frauenselbsthilfe nach Krebs, Hilde Schulte. Solche Fälle zeigten, wie weit der Medizinalltag von der Theorie entfernt sein kann. Schauspieler Michael Lesch, der selbst Ende 1999 an Lymphknotenkrebs erkrankte und mittlerweile genesen ist, schilderte ähnliche Erfahrungen. „Zu oft kommen Patienten mit ihrem Bedürfnis nach Aufklärung zu kurz, weil die Ärzte zu wenig Zeit haben“, kritisierte auch er. Der Schauspieler hält es aber auch unter Zeitdruck immer für eine Frage der Energie des Patienten, sein Recht auf Information einzufordern. Und für eine Frage des Selbstbewusstseins.
Ein Umdenken der Ärzte forderte Prof. Dr. med. Walter M. Gallmeier, Mitglied des Medizinischen Beirates der DKH. Nicht nur auf das Verhalten der Patienten komme es in Zukunft bei der Einforderung von Beratung und Aufklärung an, sondern auch auf eine verständnisvolle Reaktion der Ärzte. „Sie müssen von ihrem hohen Sockel steigen“, so der Onkologe. Selbstkritisch zeigte sich auch sein Heidelberger Kollege Prof. Dr. med. Peter Drings, Generalsekretär der Krebshilfe. „Wir Ärzte müssen uns daran gewöhnen, dass Patienten ihre Rechte einfordern“, so Drings.
Beide Ärzte machten den Personalmangel in den Krankenhäusern für den großen Zeitdruck verantwortlich. Würde mehr Geld für das Personal ausgegeben, hätten wir ein Problem weniger, so Gallmeier. Woher das Geld für solche Investitionen kommen soll, ließen sie allerdings offen. Lesch schlug zum Thema Finanzierung vor, die Kassen sollten sich endlich auf die wirklich wichtigen Dinge zurückbesinnen. „Wozu benötigen wir die Bezahlung von Schwangerschaftsgymnastik, wenn das Geld für chronisch Kranke ausgegeben werden könnte“, kritisierte der Autor des Buches „Ein Jahr Hölle. So besiegte ich den Krebs“. Einig waren sich die Teilnehmer darüber, dass es ohne angemessene Information keine Basis für ein vertrauensvolles Miteinander von Arzt und Patient geben kann. „Patienten müssen wissen, was eigentlich mit ihnen gemacht wird, sonst können sie ja nicht mitwirken“, so Prof. Drings. Zu einer guten Aufklärung gehöre außerdem das Recht des Kranken auf eine Zweitmeinung. „Auch hier verhalten sich Ärzte vielfach so, dass Patienten sich nicht dazu ermutigt fühlen und lieber darauf verzichten“, wandte Schulte ein. Nicht zuletzt sei es wichtig, dass der Patient dem Arzt die Wahrheit über seinen Krankheitszustand sage. Dazu Drings: „Pflichten für den Patienten gibt es nämlich auch.“ Martina Merten

* Weitere Rechte gemäß der Patientencharta von 1999: das Recht auf sichere, sorgfältige und qualifizierte Behandlung, das Recht auf selbstbestimmtes Sterben sowie das Recht auf Schadensersatz und Schmerzensgeld bei verschuldeter fehlerhafter Aufklärung und Behandlung


Dokumentation und Informationen
• Die Dokumentation „Patientenrechte in Deutschland heute“ kann entweder beim nordrhein-westfälischen Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit angefordert oder per Internet unter www.mfjfg.nrw.de abgerufen werden. Auch die Bundes­ärzte­kammer informiert unter www.bundesaerztekammer.de über Patientenrechte.
• Eine neue Charta der „Patientenrechte in Deutschland“ wurde Mitte Oktober von der „Arbeitsgruppe Patientencharta“ der Bundesregierung an das Bundesgesundheits- und das Bundesjustizministerium übergeben. Die Charta, an der alle Beteiligten des Gesundheitswesens mitgearbeitet haben, erweitert und aktualisiert die Dokumentation von 1999. Sie ist abzurufen unter www.bmj.bund.de/ger/themen/medizin_und_recht
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema