ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2002Sponsoring: Brüchiges Zweckbündnis

POLITIK: Kommentar

Sponsoring: Brüchiges Zweckbündnis

Clade, Harald

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LNSLNS Das Sponsoring und die so genannte Drittmittelfinanzierung der medizinischen Forschung und Entwicklung, insbesondere an Universitätskliniken und Hochschulen, durch die Pharmaindustrie und die Hersteller und Vertreiber von Medicalprodukten und medizinisch-technischen Geräten ist in Deutschland Tradition und unverzichtbar. Zum Teil werden die Forschungs- und Entwicklungsetats von Universitätsinstituten und -kliniken von 20 bis mehr als 50 Prozent außerhalb der regelmäßigen Hoch­schul­finan­zierung durch die Länder über Drittmittel, Spenden und Sponsoring finanziert. Die Drittmittelfinanzierung von Forschungseinrichtungen und Personalstellen in den Universitätskliniken und Zuschüsse zum laufenden Betrieb sind umso mehr erforderlich, als die Länder bei der Förderung der Hochschulmedizin und vor allem der Forschung und Lehre ihren Einstandspflichten immer weniger nachkommen. Dies hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass in fast allen Bundesländern die Direktoren von Universitätsinstituten per Dienstanweisung der Universität und mit Rahmenvorgaben des Landes dienstlich verpflichtet wurden, Drittmittel einzuwerben, um so einigermaßen über die Runden zu kommen und den Forschungsbetrieb nicht noch mehr hinter das Niveau ausländischer Konkurrenten zurückfallen zu lassen. Die Forschungsergebnisse und Entwicklungsfortschritte hängen mithin wesentlich vom Umfang und von der Ergiebigkeit des Sponsorings und der Drittmittelfinanzierung durch die Industrie ab.
Von den Forschungsergebnissen, dem Ruf der Wissenschaftler und der Erfinder und Entwickler neuer Technologien und Verfahren hängt auch das Renommee ganzer Hochschul- und Universitätsinstitute, von Hochschullehrern, Institutsdirektoren und medizinischen Fakultäten und Universitäten ab. Allerdings hat die Ergiebigkeit des Sponsorings und der Drittmittelfinanzierung der Industrie in den letzten 15 Jahren wegen der anhaltenden wirtschaftlichen Rezession und gerichtlicher Auseinandersetzungen im verminten Konfliktfeld bei der Drittmittelfinanzierung stark nachgelassen. Zu unsicher ist das rechtliche Terrain geworden. Dies kann zu unangenehmen, spektakulären gerichtlichen wie publizistischen Nachgefechten führen. Das oftmals intransparente Geflecht von Kooperationen und die vertraglichen Beziehungen weisen Lücken auf, weil sie nicht nach objek-tivierbaren und nachvollziehbaren Grundsätzen gehandhabt werden. Zunehmend wird deshalb das Verhältnis von forschenden Universitätsinstituten und der Industrie durch diese misslichen Begleitumstände belastet. Das Ganze wäre freilich aus der Welt, wenn die Mittel für die Forschung und Hochschulmedizin aufgestockt und damit die Milliarden Euro Drittmittel und das Sponsoring der Industrie entbehrlich wären. Dem ist nicht so!
Es wäre realitätsfremd zu unterstellen, die unterstützende Industrie und die Stifter von Drittmitteln würden l’art pour l’art und ausschließlich oder überwiegend aus altruistischen Motiven beträchtliche Forschungsmittel in die Hochschulmedizin und medizinische Forschung pumpen. Eher ist das Gegenteil der Fall. In Do-ut-des-Geschäfte investieren die „spendenfreudige“ Industrie und die Hersteller von Medizinprodukten vor allem deshalb, weil sie sich direkt oder indirekt einen wirtschaftlichen Vorteil versprechen, falls die Forschungsergebnisse sich in den neuen Produkten in Euro und Cent rechnen und sich die Investitionen rentieren. Darüber dürfen sich die in der Forschung und in der Hochschulmedizin Engagierten keinen Illu-
sionen hingeben. Allenfalls in der Grundlagenforschung dürften hehre, generöse Motive und Ziele eine aber eher geringe Rolle spielen. Dass die sponsorende Pharmaindustrie offenbar nur so lange bereit ist, Forschungsvorhaben zu finanzieren und Sponsoring zu betreiben, solange das Ganze letztlich dem eigenen Unternehmen beziehungsweise der eigenen Branche nutzt, erhellt ein aktuelles Beispiel aus einem medizinischen Forschungsinstitut der Universität Heidelberg. Dort zog eine Pharmafirma in dem Moment die Drittmittel und die Forschungsgelder ab, als ein Forschungsprogramm in Gang gesetzt wurde, das nach alternativen Behandlungsmethoden fahnden sollte, bei denen (relativ teure) Medikamente weitgehend durch nicht medikamentöse Verfahren ersetzt werden sollten. Ist das nun nüchterne Kalkulation oder kleinkariert? Dr. rer. pol. Harald Clade
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