ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2002Arztberuf in der Krise: Veränderung beginnt im Kopf

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Arztberuf in der Krise: Veränderung beginnt im Kopf

Dtsch Arztebl 2002; 99(43): A-2840 / B-2415 / C-2261

Ruebsam-Simon, Ekkehard

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Fotoarchiv des St. Hedwig-Krankenhauses
Fotoarchiv des St. Hedwig-Krankenhauses
Einige Bemerkungen zur Sozialisation des deutschen Arztes oder: Warum taugen Ärzte so wenig zum Widerstand?

Die deutsche Medizin wurde im 19. Jahrhundert durch die Preußische Militärakademie, die „Pépinière“, geprägt. Die Niederlage von Austerlitz durch die Franzosen 1806 erzwang zahlreiche Reformen, um aus Preußen ein modernes Staatswesen zu machen. Dazu gehörte vor allem die Ausbildung guter Militärärzte. Diese wurden an dieser Eliteschule ausgebildet – die meisten deutschen Nobelpreisträger zu Anfang des 20. Jahrhunderts stammten von dort. An der „Pépinière“ wurde die Medizin nach militärischem Vorbild organisiert: Spätestens ab 1852 gibt es den Ober- und den Unterarzt. Da die Professoren der „Pépinière“ gleichzeitig Professoren der Charité waren, wurde so das Chefarztsystem an die berlinische Universität gebracht – und hat sich von dort in den deutschsprachigen Raum verbreitet (2).
Ärzte wurden (und werden) nach militärischen Grundsätzen ausgebildet; das heißt, Gehorsam und widerspruchsfreies Verhalten werden belobigt und positiv sanktioniert, wohingegen Widerspruch und „abweichendes Verhalten“ negativ sanktioniert werden. Flintrops Beschreibung der Lebenswirklichkeit an deutschen Krankenhäusern (3) lässt etwas ahnen von dem Druck, der im hierarchisch-militärisch gegliederten Krankenhaus alter Prägung auf den Ärzten lastet und oft nach unten, horizontal und nur selten nach oben weitergegeben wird. In einem solchen Umfeld wollen sich Kreativität, soziales Engagement und einfühlsames patientenzentriertes Verhalten nur schwer einstellen. Emotionale Aufmerksamkeit und Sensibilität – das wesentliche Handwerkszeug eines guten Arztes – verkümmern hier.
Über lange Zeit wurde die Ärzteschaft sowohl materiell als auch immateriell für ihren extrem belastenden Alltag entschädigt – materiell durch ein gutes Auskommen, immateriell durch ein sehr hohes Ansehen in der Gesellschaft. Dienst „rund um die Uhr“, Überstunden, emotional belastende Tätigkeiten wie Betreuung Todkranker waren durch ein solches soziales Polster abgefedert. Zurzeit beobachten wir eine gravierende Veränderung in der Medizin. Durch die „Industrialisierung“ der medizinischen „Produktion“ auf allen Ebenen – Beschleunigung der Zeittakte, Ausgliederung delegierbarer Funktionen, Einzug von Ökonomen und Verwaltungspersonen in die Führungsebenen der Krankenhäuser (cum grano salis gilt dies auch für die niedergelassenen Ärzte in ihrer Praxis) – verändert sich das ärztliche Handeln, aber auch das ärztliche Selbstverständnis. Standardisierung, Leitlinien, Algorithmen sollen die Arbeit der Ärzte (und anderer Beschäftigter) überschaubar und ökonomisierbar machen. Die jetzt einzuführenden diagnosebezogenen Fallpauschalen in den Krankenhäusern sind Ausdruck dieses Prozesses. Hier wird der statistische Mittelwert aus Aufwand und Ertrag einer medizinischen Dienstleistung im Sinne der Verwaltungsbürokratie zulasten der Menschen (Ärzte und Patienten) exekutiert.
Menschliche Zuwendung
bleibt auf der Strecke
Die auch in der ambulanten Medizin entstehenden „ökonomisierbaren“ Potenziale (zum Beispiel Disease-Management-Programme [DMP]) und materielle Verluste der niedergelassenen Ärzte führen zu einem ähnlichen Prozess wie im Krankenhaus: Verlust an Substanz und Qualität der menschlichen Zuwendung – diese sind nicht ökonomisierbar. Ob der Wille, sich selbst Höchstleistungen abzuverlangen und Verantwortung für das Leben fremder Menschen zu übernehmen, auch weiterhin bei einer Berufsgruppe zu finden sein wird, die dafür weder materiell noch immateriell belohnt wird, ist längst nicht ausgemacht (8).
Entscheidend für die Sozialisation junger Ärzte ist deren Ausbildung an der Universität. Durch eine jahrzehntelange Numerus-clausus-Ideologie wurden Studierende ausgewählt, die im Sinne der Selektion und Selbst-Selektion den Typ des „Hochleistungsmediziners“ verkörpern. Zeichneten sich früher Ärzte durch eine besondere lebenspraktische Begabung aus (man lese die Literatur von Molière bis Joyce), so wird heute der Typ des theoretischen, vor allem rein naturwissenschaftlich geprägten Intellektuellen bevorzugt. Nur wer schon in der Schule als „Einser-Kandidat“ auffällt, kann normalerweise Medizin studieren. Viele studieren Medizin, gerade weil sie ein Einser-Abitur abgeliefert haben. Damit wird die Frage nach der Berufung zum Arztberuf obsolet.
Das Medizinstudium stellt einen Parforceritt quer durch die Naturwissenschaften und anschließend ein Dauertraining in Stressbelastbarkeit mit unendlich vielen Prüfungen dar. Irgendwann wird der Inhalt der Prüfungen unwichtig, und die Tatsache der Prüfung an sich bleibt übrig. Das Schein-Studium wird so zum „Scheinstudium“.
Trotz langsamen Rückzugs bleibt die Multiple-Choice-Prüfung ein typischer Weg des medizinischen Denkens. Sie ist objektiv, genau, ins subspezielle Detail gehend und vor allem überprüfbar – und damit gerecht. Aber für diese Art des Denkens wird ein hoher Preis bezahlt. Der Überblick über das Ganze geht verloren, er wird nicht mitgedacht. Wird in der hohen Schule eine Unzahl von Symptomen mehr oder weniger auswendig gelernt, so ist die Problematik in der ärztlichen Praxis genau umgekehrt: Aus einer Vielzahl gleicher Symptome sind die wesentlichen herauszufiltern, die zielführend sind und die wie ein Flickenteppich übereinander gelagert sind. Die Zusammenschau vieler Dinge gleichzeitig und der Einsatz von Erfahrung und Intuition haben einen hohen, ja unbezahlbaren Stellenwert in der ärztlichen Alltagsarbeit.
Es ist ein Wunder, dass das Gesundheitswesen in Deutschland immer noch so gut funktioniert, bedenkt man den Verbrauch an personalen Ressourcen, den die Gesellschaft billigend in Kauf nimmt. Wenn man sich fragt, warum Ärzte dies alles aushalten und mit sich machen lassen, kommt man zu dem vorläufigen Ergebnis, dass sie dies einer missverstandenen Ethik den Patienten, der Gesellschaft und sich selbst gegenüber zu verdanken haben.
Ideologie des Freiberuflertums
Viele niedergelassene Ärzte kompensieren dies alles mit der wohltönenden Ideologie des Arztes in freier Praxis und stellen sich in eine Reihe mit Architekten, Rechtsanwälten und so weiter. Nach Schnetzer (7) ist der Vertragsarzt kein Unternehmer und kein Freiberufler. Diese Freiberuflichkeit gilt nur in Beziehung zu seinen Privatpatienten – als Kassenarzt ist er Angestellter innerhalb vorgegebener Strukturen, auch wenn ihm das nicht passen sollte. Die Rechtsprechung der Sozialgerichte hat zunehmend klar gemacht, dass der Vertragsarzt keinen Anspruch auf angemessene Vergütung besitzt, ja Dienstleistungen erbringen muss, die nachgewiesenermaßen unwirtschaftlich und nicht kostendeckend sind.
Zwar verlangt das Führen einer Praxis unternehmerische Fähigkeiten, aber ein Unternehmer ist man deshalb noch nicht. Der größte Teil unternehmerischer Tätigkeiten sind dem Vertragsarzt qua Berufs- oder Sozialrecht untersagt. Demgegenüber unterliegt der Vertragsarzt einer Reihe gravierender Einschränkungen. Es ist für die meisten Ärzte wahrscheinlich unerträglich, der Wahrheit ihrer faktischen Abhängigkeit direkt ins Gesicht zu sehen, und insofern haben sie kein Interesse an der Aufdeckung dieses Missverständnisses. Hier liegt eine grandiose Selbsttäuschung vor und ein wichtiger psychologischer Faktor der ärztlichen Selbsteinschätzung, der angemessen reflektiert gehört.
Versuch eines sozialpsychologischen Profils
Wichtig erscheint es in diesem Zusammenhang, auf die bedeutsame Rolle der Familie als Sozialisationsinstanz hinzuweisen. Genaue Zahlen über den Anteil von „Arztfamilien“, das heißt Familien, in denen schon Eltern oder Großeltern Ärzte waren, liegen nicht vor. Der Anteil ist aber beträchtlich und dürfte bei 20 bis 25 Prozent liegen. Da die Ärzteschaft schon seit seit langem in Kammern organisiert ist, ähnlich den Handwerkskammern, dürfte die Annahme, dass hier „zünftige“ Spielregeln gelten, nicht falsch sein. Dort sind die Berufe vom Vater auf den Sohn vererbt worden, und so war es auch bei Ärzten. Die Kraft des Vorbilds und der prägenden Persönlichkeit sollte nicht unterschätzt werden. Bei der Beobachtung der Spielregeln von Arztfamilien fällt auf: Pflichterfüllung und Entsagung sowie die Verleugnung/Verdrängung eigener Bedürfnisse haben einen extrem hohen Stellenwert. Daneben spielen Eigenschaften wie Leistungsbereitschaft bis zur Erschöpfung, Engagement für andere, soziales Verantwortungsgefühl eine erhebliche Rolle.
Keine bis untergeordnete Bedeutung haben Eigenschaften wie Sorgen für sich selbst, Genussfreudigkeit, Hören auf die eigenen Bedürfnisse und die eigene Körperlichkeit. Ripke hat in seiner Analyse der eignen Krebserkrankung eine breite Diskussion angestoßen über die Problematik des „kranken Arztes“, der als Patient ein ebenso armer Teufel ist wie jedermann (6). Da er auch von den Kollegen nur en passant aufgeklärt wird, er aber ebensolche – wenn auch spezifisch anders gewichtete – Ängste hat wie jeder andere, befindet sich der kranke Arzt oft in einem emotionalen Vakuum, das ihn zu ersticken droht und nur durch permanente Tätigkeit überspielt werden kann. Die eigene Bedürftigkeit wird bis zur Selbstverleugnung negiert. Trotzdem kommt es bei vielen nach Jahren des Dauerstresses zu einer Crash-Situation, die als Rettungsversuch zu interpretieren ist.
Wenn das ganze Panorama ärztlicher Sozialisation überblickt wird: von der ständisch-autoritativ geprägten Familienstruktur mit ihrer leistungsorientierten Grundhaltung über die Studien- und Krankenhausausbildung, die ebenfalls autoritär geprägt ist, so wundert es nicht, dass viele Ärzte wenig zur Opposition taugen – sie haben nichts anderes als Fügsamkeit und Ein- und Unterordnung unter ein „höheres Prinzip“ erfahren. Durch Verschmelzung mit der Autorität wird eigene „Unbedeutendheit“ veredelt. Wer die vorgegebene Autorität ohne Wenn und Aber akzeptiert, hat einen kleinen „Energiegewinn“, da er im breiten Strom der ärztlichen Gruppenidentität schwimmen kann.
Politische Neutralität?
Viele Ärzte vertreten die Philosophie des unpolitischen neutralen Wissenschaftlers, der nicht in die Niederungen der Politik hinabsteigt. Dabei ist Medizin per se eine politische Wissenschaft, das heißt, die Behandlung von Menschen geschieht immer im sozialpolitischen Raum und ist interessengebunden. Man kann als Arzt nicht politikfrei agieren, schon gar nicht als Vertragsarzt. Dies dämmert allmählich auch manchen Ärzten, die im Netz des Sozialrechts zappeln.
Wenn man die Schlussfolgerungen aus den Beobachtungen zur Sozialisation deutscher Ärzte zieht, so ergeben sich einige wesentliche Eckpunkte:
- Die Individuation und Sozialisation der deutschen Ärzte führt zu einem isolierten und autistischen Verhaltensmuster, das von anderen politischen Interessenträgern leicht in ihrem Sinne ausgenutzt werden kann durch Verstärkung der Gegensätze innerhalb der ärztlichen Gruppierungen.
- Angstgesteuertes Verhalten und Mangel an Zivilcourage sind ein bestimmender Verhaltensfaktor des Vertragsarztes – aber auch angestellter Krankenhausärzte.
- Es existiert ein spezifischer medikalisierter „Tunnelblick“ auf die Wirklichkeit; soziale und politische Wirkfaktoren werden gerne ausgeblendet.
- Ärzte haben keine Erfahrung in solidarischen Verhaltensweisen, eine gemeinsame ärztliche Grunderfahrung in Zusammengehörigkeit fehlt. Stattdessen wird oft eine hohle ständische Gemeinsamkeit gepflegt, der jedoch die wirklich soziale Durchdringung fehlt.
- Niedergelassene Ärzte agieren oft als Individuen und als Konkurrenten, selbst da, wo es für sie schädlich ist. Die Probleme des floatenden Punktwerts wären durch eine gemeinsame Aktion aller Ärzte leicht lösbar – das setzt jedoch einen Verzicht auf den unmittelbaren individuellen Vorteil voraus und die Annahme einer gemeinsamen Interessenlage. Insofern ist die Realisierung einer Leistungs- beziehungsweise Mengensteuerung durch die Vertragsärzte (EBM 2000 plus) als psychologische Illusion aufzufassen.
- Ärzte sind als Wirtschaftssubjekte oft unerfahren bis unwissend; nur so ist die ständige Verletzung primitivster betriebswirtschaftlicher Grundtatsachen durch ärztliche Berufspolitiker zu verstehen. Diese verteilen Monopoly-Spielgeld wie echtes Geld und verfolgen dabei häufig nur verteilungs- und machtpolitische Gesichtspunkte, die von anderen (Staat und Krankenkassen) vorgegeben werden. Von einer angemessenen Vergütung einer hoch qualifizierten und verantwortungsvollen Tätigkeit kann keine Rede mehr sein.
Ärztliche Politik, die wirksam sein und die Freiheit des ärztlichen Berufes erhalten möchte, muss von diesen Grundtatsachen ausgehen. So wie der niedergelassene Arzt 90 Prozent seines Honorars von den gesetzlichen Krankenkassen und zehn Prozent von privaten Kran­ken­ver­siche­rungen erhält, ist auch die Verteilung seiner Autonomie zu sehen: überwiegend Abhängigkeit, wenig Freiheitlichkeit. Es hat sich eine Angestelltenmentalität breit gemacht, die den Stand des freien Arztes in niedergelassener Praxis verrät. Wer jede noch so unsinnige und dümmliche Anfrage der Kassen unreflektiert beantwortet, kämpft nicht für seinen freien Beruf und noch nicht einmal für sich selbst – er bezahlt seinen bürokratischen Aufwand auch noch selbst.
Der Kampf um die ärztliche Qualität ist ein Rückzugsgefecht der ärztlichen Selbstverwaltung: Das Heilen wird auf eine erbärmliche, auch noch reduzierte Vorstellung einer Evidence based medicine zurechtgestutzt; die DMP sind der geronnene Ausdruck dieses Missverständnisses. Durch Verknüpfung mit ökonomischen Interessen vorwiegend der Krankenkassen wird das ärztliche Tun zunehmend reguliert und bürokratisch deformiert – und auch noch von Ärzten, die selbst zu solchen Bürokratismen neigen, vorangetrieben.
Die Ideologie des Arztes als Unternehmer und seine Mitgliedschaft im Chor der Freien Berufe verdeckt oft genug die faktische Abhängigkeit von seinen wirklichen Geldgebern, KVen und Krankenkassen. Da auch in Verträgen und öffentlichen Verlautbarungen nicht zwischen Arzt und Vertragsarzt differenziert wird (Schnetzer), bleibt die Idee der eigenen Großartigkeit erhalten – aber eher als Selbsttäuschung.
Gegenmaßnahmen
Das ärztliche Tun wird reguliert und bürokratisch deformiert. Die Idee der Freiberuflichkeit entpuppt sich als Selbsttäuschung. Karikatur: Reinhold Löffler
Das ärztliche Tun wird reguliert und bürokratisch deformiert. Die Idee der Freiberuflichkeit entpuppt sich als Selbsttäuschung. Karikatur: Reinhold Löffler
Der ungeschönte und mitleidlose Blick auf die ärztliche Wirklichkeit erscheint nicht besonders erheiternd. Eine Patentlösung für eine Veränderung gibt es nicht. Eins ist jedoch klar: die Veränderung muss im Kopf der Ärzte beginnen und erst dann in den Strukturen. Die besten Reformen nützen nichts, wenn die Menschen, die sie umsetzen sollen, „Furcht vor der Freiheit“ (Erich Fromm) haben. Wer seine individuelle Ethik von sozialpolitischen Zwängen verbiegen lässt, hat die Schere im Kopf und ist nichts als ein subalterner Vollstrecker von Vorgaben anderer.
Die ärztliche Selbstverwaltung, nota bene die Kassenärztlichen Vereinigungen, sind zum Tummelplatz von Individuen geworden, die sich als Staatsangestellte missverstehen und alles daran-setzen, die noch so unsinnigen Vorgaben der Politik getreu umzusetzen. Mit der selbst beruhigenden Formulierung, größeren Schaden abzuwenden, wird permanent neuer Flurschaden angerichtet.
Eines Tages wird nur noch ein klares Nein gegen die Vorgaben der hohen Politik und ihren Zumutungen für die Ärzteschaft übrig bleiben – sonst nichts. Als mögliche konkrete Ansätze für eine Verbesserung der Situation der Ärzte können genannt werden:
- Ausgangspunkt sollte das Eingeständnis der eigenen Bedürftigkeit sein. Ärzte sind auch nur Menschen – durch Erkenntnis dieser strukturellen Bedürftigkeit wird wenigstens der Automatismus der Selbstausbeutung vermindert.
- Der Zugang zum Medizinstudium ist neu zu regeln, eine überwertige Betonung der intellektuellen Leistung qua Schulabschluss ist zu vermeiden. Die persönliche emotionale und soziale Kompetenz des Bewerbers sollte gleichwertig berücksichtigt werden – das schließt eine zentralisierte Auswahl durch die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) aus. Das persönliche Gespräch mit dem Bewerber muss deshalb stärker gewichtet werden.
- Das Studium sollte weiter im Sinne einer größeren Praxisnähe umstrukturiert werden (siehe Modellstudiengänge Humboldt-Universität/Charité Berlin, Heidelberg/Harvard, Herdecke), die Bedeutung von isolierten Wissensfakten durch Multiple-Choice-Abfragen sollte infrage gestellt werden. Konzepte, die die Vernetzung von Teilbereichen der Medizin und übergeordnete Gesichtspunkte (wie zum Beispiel Gesundheitsökonomie, Betriebswirtschaft et cetera) beinhalten, sollten stärker Beachtung finden.
- Fächer wie „allgemeine Medizin“ (im Sinne Victor von Weizsäckers), Psychosomatik, therapeutische sowie soziale und sozialpolitische Aspekte in der Medizin – insbesondere auch der erfahrbare Umgang mit dem Kranken – müssen wieder einen höheren Stellenwert bekommen.
- Dysfunktionale Hierarchien in Krankenhäusern und Universitätskliniken müssen verschwinden – sie sind Hauptbrutstätte des autoritären Charakters deutscher Ärzte, der zur Fühllosigkeit mit Schwachen und Abhängigen verleitet.
- Zusammenschlüsse von Ärzten im Sinne therapeutischer Gemeinschaften (zum Beispiel Balint-Gruppen), aber auch politische und sozialpolitische Gruppierungen sowie Ärzte-Netze wirken der Vereinzelung entgegen und schaffen Gemeinschaftsgefühl und soziale Kompetenz. Ärzte, die in solchen Verbünden arbeiten, tun das Beste gegen Burnout und innere Ängste. !
- Strukturelle Veränderungen der so genannten Selbstverwaltungsorgane im Sinne größerer innerer Demokratie und hin zu mehr Serviceleistung werden unumgänglich sein. Die Akzeptanz paternalistischer Strukturen schwindet allmählich, stattdessen ist kollektiver und freiheitlicher Führungsstil überfällig.
- Der Umbau des Gesundheitswesens im Sinne größerer Freiheitsgrade und Selbstbeteiligung der Akteure wird zu mehr Selbstverantwortung und weniger Staatsbevormundung führen.
- Die Ärzteschaft muss sich stärker mit den ökonomischen Randbedingungen ihres Tuns vertraut machen – bei Strafe des Untergangs. Wer die Ökonomie kontrolliert, kontrolliert das System – es ist nicht einzusehen, dass Ärzte auf diese Kontrollfunktion freiwillig verzichten sollten.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: A 2840–2844 [Heft 43]

Literatur
1. Brennecke R, Brendler Cl, Gerhardus T: Arbeit in der Endlosschleife. Ergebnisse einer Befragung junger Ärztinnen und Ärzte in Berlin, Berliner Ärzte, Heft 5, 2002, S. 18 ff.
2. Brökelmann J: Wir deutschen Ärzte müssen uns vom Staat emanzipieren. BAO-Mitteilungen, ambulant operieren 3/2000, S. 137 ff.
3. Flintrop J: Mobbing im Krankenhaus – Mit Bauchschmerzen zum Dienst. Dt Arztebl 98; 2001: A 742 ff. [Heft 12].
4. Gebuhr K, Brendan-Schmittmann-Stiftung: Die vertragsärztliche Gegenwart im Lichte des Burnout-Syndroms; Die wirtschaftliche Entwicklung und die ärztliche Selbstverwaltung in der vertragsärztlichen Meinung, Berlin, Mai 2002.
5. Kaiser RH, Kortmann A: Ausgewählte Ergebnisse einer Umfrage der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen zu Arbeitszeiten und -bedingungen hessischer Krankenhausärztinnen und -ärzte im Sommer 2001.
6. Ripke T: Der kranke Arzt. Dt Arztebl 97, 2000: A 237 ff. [Heft 5].
7. Schnetzer K: Der Vertragsarzt ist kein Unternehmer und kein Freiberufler. Ärzte Zeitung 10. März 1999 und zahlreiche persönliche Mitteilungen.
8. Unschuld PU: Der Arzt als Fremdling in der Medizin? Von der Triebfeder zum Getriebenen, 25. Interdisziplinäres Forum „Fortschritt und Fortbildung in der Medizin“ der Bundes­ärzte­kammer, Köln, Januar 2001.

Anschrift des Verfassers:
Dipl.-Pol. Ekkehard Ruebsam-Simon
Facharzt für Allgemeinmedizin
Vorstandssprecher der Nordbadischen Ärzteinitiative
Schönauer Straße 48
69118 Heidelberg
E-Mail: ekkehard.ruebsam-simon@dgn.de



Überlastung und Burnout

Gebuhr hat im Auftrag des NAV-Virchow-Bundes 5 750 niedergelassene Ärzte verschiedener Fachgruppen in Deutschland befragt (4). Durchschnittlich arbeiten die Ärzte 55 Stunden in der Woche und versorgen 255 Patienten. Es sei daran erinnert, dass die 40-Stunden-Woche einen unbestrittenen sozialen Besitzstand in Deutschland darstellt
und die Gewerkschaften bestrebt sind, die 35-Stunden-Woche flächendeckend zu installieren. Die Arbeitsorganisation und die Unterstützung durch die Arzthelferinnen werden von drei Vierteln der Ärzte als gut gewertet. Das heißt, die extensive Ausdehnung des Arbeitstages ist nicht Folge einer schlechten Arbeitsorganisation. Die
körperliche Leistungsfähigkeit ist stark beeinträchtigt:
59 Prozent der Ärzte geben an, ausgelaugt zu sein, 49 Prozent haben Schlafdefizite, und 57 Prozent essen nicht regelmäßig. Subjektive
Einschätzung: 20 Prozent sind oft sehr verzweifelt, und 26 Prozent würden am liebsten alles hinwerfen. Das Privatleben wird bei 69 Prozent
der niedergelassenen Ärzte als unbefriedigend beschrieben, und nur 21 Prozent haben genügend Zeit zur Wahrnehmung persönlicher Interessen.
Viele Niedergelassene fühlen sich durch fordernde Patienten bedrückt (83 Prozent), das Verhältnis zu den Kollegen wird durch fehlende Geschlossenheit, Konkurrenz und Mangel an Kollegialität charakterisiert.
Entscheidend ist für die niedergelassenen Ärzte die Unsicherheit der wirtschaftlichen Entwicklung insgesamt und für sich selbst – bis hin zu Sorgen und Zweifeln, was den Verkauf der eigenen Praxis im Alter anbelangt. Für 63 Prozent sind die finanziellen Verpflichtungen bedrückend, und es ist kein Wunder, dass die Ärzte die wirtschaftliche Zukunft pessimistisch einschätzen. Bezüglich der politischen Verhältnisse erleben mehr als 90 Prozent der niedergelassenen Ärzte das Ausmaß der Gesetzgebung im Gesundheitswesen und die Einflussnahme der Politik beziehungsweise der Kassen auf die Grundversorgung als belastend. Burnout gilt als symptomatisch für alle helfenden Berufe und ist üblicherweise durch folgende Merkmale
charakterisiert: 1) Kombination aus körperlichem Stress beziehungsweise Zeitdruck und negativen Belastungen durch Enttäuschungen; 2) Depersonalisation: Der Betroffene zieht sich mehr und
mehr in die innere Emigration zurück; und 3) Leistungseinbuße, die nicht selten durch Alkohol oder Pharmaka kompensiert wird, bis der totale Zusammenbruch erfolgt.
Im stationären Bereich sind Arbeitszeiten bis zu 60 Stunden/Woche keine Seltenheit. In Hessen arbeiten 39 Prozent der AiPler 55 Stunden oder mehr, bei den Assistenten immerhin noch mehr als 22 Prozent. Eine Untersuchung in Berlin hat noch den besonderen Aspekt der Information der Chefärzte herausgearbeitet: Diese wissen zumeist nicht (oder wollen nicht wissen), wie die tatsächliche Belastung ihrer „Unterärzte“ aussieht. Fazit: Mindestens 86,1 Prozent aller in Berliner Krankenhäusern beschäftigten jungen Ärzte werden unter gravierender Verletzung des Arbeits- und Tarifrechts beschäftigt. Circa ein Drittel der betroffenen jungen Ärzte würde den Beruf nicht noch einmal wählen (1, 5).
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