ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2002Bedrohliche Konsequenzen in den chirurgischen Fächern: Schlusswort

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Bedrohliche Konsequenzen in den chirurgischen Fächern: Schlusswort

Schrem, Harald; Mahlke, Lutz; Machtens, Stefan; Hagl, Christian

zu dem Beitrag von Dr. med. Harald Schrem, Dr. med. Lutz Mahlke, Dr. med. Stefan Machtens, Dr. med. Christian Hagl in Heft 19/2002 und den Leserbriefen dazu in Heft 33/2002
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LNSLNS Mit großem Interesse haben wir die vielfältigen und widersprüchlichen Reaktionen auf unseren Artikel im DÄ registriert. Die Freizeitregelung nach Bereitschaftsdiensten ist eine Errungenschaft, die nicht infrage gestellt wird. In dem vorgestellten Modell „48 + 12“ werden 48 Stunden maximale wöchentliche Arbeitszeit für die Patientenversorgung einschließlich der Dienstzeiten und zusätzlich 12 Stunden maximale wöchentliche Arbeitszeit für Forschung und Lehre vorgesehen. Zahlreiche Leserreaktionen zeigten die Unkenntnis, dass in der wöchentlichen Höchstarbeitszeit die Bereitschaftsdienstzeiten zu berücksichtigen sind.
Die Vorschläge zum Arbeitszeitmodell „48 + 12“ werden von einer breiten Mehrheit der operativ Tätigen an der Medizinischen Hochschule Hannover getragen. Die teilweise in den nicht-operativen Disziplinen umgesetzten Schichtarbeitsmodelle halten wir für die Lösung der Probleme in den operativen Fächern für ungeeignet, da auf absehbare Zeit nur ein limitierter Pool hoch qualifizierter und ausreichend erfahrener Chirurgen vorhanden sein wird, um die operative Qualität zu sichern.
Die ausführlichen und teilweise kontroversen Diskussionen innerhalb der Ärzteschaft bezüglich des Arbeitszeitgesetzes (unter anderem auch an der MHH) zeigen, neben durchaus unterschiedlichen Standpunkten insbesondere der Vertreter der konservativen Fächer im Vergleich zu Vertretern der operativen Fächer, zahlreiche gemeinsame Einschätzungen der Situation. Hierbei handelt es sich insbesondere um die erforderliche Entlastung der angestellten Ärzte von Aufgaben, die nicht dem unmittelbaren ärztlichen Tätigkeitsbereich angehören und leicht an nichtärztliches Fachpersonal delegiert werden könnten (zum Beispiel DRG-Verschlüsselung, Routineblutentnahmen, Organisation von Untersuchungen). Weiterhin werden gemeinsam die Realisierung einer strukturierten und berechenbaren Facharztweiterbildung mit verlässlichem Rotationsplan und Curriculum gefordert. Ein breiter Konsens besteht in der Ärzteschaft darüber, dass dringend mehr Geld in das Krankenhauswesen investiert werden muss, um die gesetzlichen Vorgaben wenigstens annähernd erfüllen zu können.
Eine Prozessoptimierung und selbstkritische Analyse der Arbeitsabläufe im klinischen Alltag ist Gemeingut aller angestellten Ärzte, wie sich dies auch in zahlreichen Leserreaktionen auf unseren Artikel zeigte. Insbesondere der Artikel von Meiser et al. im DÄ 27/2002 zeigte, dass an einer Herzchirurgischen Universitätsklinik in München nur mit größter Mühe und vielen Abstrichen eine weitgehende Annäherung an die Bestimmungen des Arbeitszeitgesetzes in der Patientenversorgung erreicht werden konnte. Ein schlüssiges Konzept für die studentische Lehre und die Forschungsaktivität einer Universitätsklinik im Rahmen des Arbeitszeitgesetzes sind die Autoren schuldig geblieben. Forschung und Lehre sind nicht das Hobby selbstausbeuterischer Universitätsärzte, sondern zentrale Aufgaben einer Universitätsklinik, die als reguläre Dienstaufgaben und als Arbeitszeit zu betrachten sind.
Die im Juni 2000 verabschiedete und ab dem 1. August 2004 in der Europäischen Union gültige EU-Richtlinie 2000/34/EG ermöglicht für eine Reform des deutschen Arbeitszeitgesetzes einen Spielraum von maximal 58 Stunden wöchentlicher Arbeitszeit im ärztlichen Bereich. Dies kommt der von uns vorgeschlagenen Lösung „48 + 12“ mit maximal 60 Stunden wöchentlicher Arbeitszeit bereits sehr nahe. Die aktuell sich verschärfende Wettbewerbslage um ärztliche Arbeitskräfte und die erforderliche Umsetzung des EuGH-Urteiles vom 3. Oktober 2000 zur Wertung des Bereitschaftsdienstes als Arbeitszeit wird dazu führen, dass auch auf nationaler Ebene eine Reform des Arbeitszeitgesetzes unumgänglich wird.
Die geplante Novelle der Approbationsordnung für Ärzte sieht eine obligate Ausweitung der praktischen studentischen Lehre mit einer Steigerung der Lehrzeiten am Krankenbett um circa 300 % vor. Diese Maßnahme wird mit einer erheblichen zusätzlichen zeitlichen Belastung für die ärztlichen Mitarbeiter an Universitätskliniken einhergehen. Ohne eine Vergrößerung des Spielraumes für die maximal zulässige wöchentliche Arbeitszeit im Arbeitszeitgesetz wird die Ausdehnung der studentischen Lehre am Krankenbett in diesem Umfang nicht ohne erhebliche Abstriche in der Krankenversorgung und der Facharztweiterbildung in den operativen Fächern an Universitätskliniken einhergehen.
Mit dem Modell „48 + 12“ wäre es möglich, pro Woche eine maximale Arbeitszeit von 12 Stunden für ein umschriebenes Forschungsprojekt mit Zielvereinbarungen und Erfolgskontrollen oder für ein umschriebenes studentisches Lehrprojekt mit Evaluation durch die Studenten zusätzlich zu maximal 48 Stunden Arbeitszeit für die Patientenversorgung vorzusehen. Hierdurch wäre es möglich, Leistungen in Forschung und Lehre gezielt zu honorieren und mehr Transparenz bezüglich der Erwartungshaltungen an eine Forschungs- oder Lehrtätigkeit an Universitätskliniken zu erreichen. Bereits bei den Einstellungsverhandlungen könnte dann vereinbart werden, ob und in welchem Umfang und mit welchem Inhalt Leistungen in Forschung und/oder Lehre im Einzelfall vom einzustellenden Arzt beziehungsweise vom Arbeitgeber gewünscht werden. Teilzeitarbeitsplätze müssen an Universitätskliniken für Ärztinnen und Ärzte hierbei ebenso möglich sein wie eine rein klinische beziehungsweise rein wissenschaftliche Tätigkeit. Auch hierdurch könnte für den engagierten ärztlichen Nachwuchs eine Verbesserung der Attraktivität des ärztlichen Berufsbildes an einer Universitätsklinik durch berufliche Planungssicherheit und Transparenz erreicht werden.
Das Modell „48 + 12“ berücksichtigt bereits die Forderungen des deutschen Wissenschaftsrates, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Kostenträger für die Krankenversorgung nach mehr Transparenz für die differenziellen Leistungen in Forschung, Lehre und Patientenversorgung an Universitätskliniken. Die Einführung eines Wissenschaftstarifvertrages, wie zum Beispiel in Österreich für universitäre Kliniken im Rahmen einer Betriebsvereinbarung umgesetzt, ist dringend geboten. Nur auf diesem Wege ist in Zukunft eine leistungsfähige Forschung und Lehre an deutschen Universitätskliniken langfristig möglich. Der Berufsverband der Deutschen Chirurgen, der Berufsverband der Deutschen Urologen, die Deutsche Gesellschaft für Urologie und die Deutsche Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie haben sich öffentlich hinter dieses Denkmodell gestellt und politische Unterstützung zum Ausdruck gebracht.

Dr. med. Harald Schrem, Assistentensprecher der Klinik für Viszeral- und Transplantationschirurgie Medizinische Hochschule Hannover
Dr. med. Lutz Mahlke, Assistentensprecher der Klinik für Unfallchirurgie
Medizinische Hochschule Hannover
Dr. med. Stefan Machtens, Assistentensprecher der Klinik für Urologie und Kinderurologie
Medizinische Hochschule Hannover
Dr. med. Christian Hagl, Assistentensprecher der Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie
Medizinische Hochschule Hannover
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