ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2002Gesundheitssystem: Analyse mit drei Haken
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LNSLNS Im Wesentlichen kann ich Klaus Dörner nur zustimmen. Wir haben (als Gesundheitsexperten) unsere eigenen Daten nicht richtig verstanden. Leiden ist so allgegenwärtig, dass wir es als ein fundamentales Merkmal menschlicher Existenz begreifen müssten. Wir laufen in die falsche Richtung und schaffen immer mehr Leiden, während wir versuchen, das Leiden abzuschaffen. Allerdings hat Dörners Analyse drei Haken: (1) vernachlässigt sie die Nachfrageseite; ein Angebot kann nur expandieren, wenn eine entsprechende Nachfrage da ist; (2) liefert sie keine Antwort auf die Frage, warum die Nachfrage so groß ist, warum es für Menschen so schwer ist, glücklich zu sein, und warum wir uns im Kampf gegen das Leiden so verstricken, dass unser Leben an Richtung und Vitalität verliert; (3) bleibt die Frage praktisch unbeantwortet, was zu tun ist und wie eine „zweite Aufklärung“ in Gang gesetzt werden könnte. Dörner ist nicht der Erste, der vor einer gesundheitsschädlichen Wirkung des Gesundheitssystems warnt. Bisher scheinen jedoch alle Warnrufe weitgehend wirkungslos verhallt zu sein. Offensichtlich ist es wenig effektiv, eine Umkehr insbesondere im Umgang mit psychischen Problemen einfach nur mit rationalen Argumenten zu fordern.
Die Antwort, die ich für mich und meine Arbeit gefunden habe, heißt „Acceptance and Commitment Therapy“, was man mit „Existenzielle Verhaltenstherapie“ übersetzen könnte. In diesem Behandlungsansatz, der sich in wesentlichen Punkten von der aktuellen kognitiven Verhaltenstherapie absetzt, geht es nicht darum, Symptome zu beseitigen. Er basiert auf dem Paradoxon, dass erst das radikale Annehmen dessen, was wir nicht verändern können, uns die Kraft und Möglichkeiten gibt, das zu verändern, was wir verändern können. Patienten lernen anhand ihrer selbst gelebten Erfahrung und nicht auf rationalem Wege, wie man schmerzhafte Gefühle, Gedanken und Körperempfindungen annehmen und akzeptieren kann, ohne zu resignieren oder sich von ihnen oder vom Kampf gegen sie vereinnahmen zu lassen. Im Vordergrund stehen Werte und Richtungsziele, die es ermöglichen, wieder ein sinnvolles und vitales Leben zu führen. Ergebnisziele, d. h. alles, was man konkret haben oder erreichen kann, sind kein Endzweck, sondern werden zu Meilensteinen, die mir zeigen, ob ich auf dem von mir gewählten Weg bin . . .
Der Ansatz basiert auf einer über 20-jährigen experimentellen Grundlagenforschung. Seine Wirksamkeit wurde bereits in einer Reihe empirischer Therapiestudien überprüft. Es scheint mir ein viel versprechender Weg zu sein, wie wir uns selbst und unseren Patienten helfen können, aus der Gesundheitsfalle herauszukommen . . .
Dr. med. Rainer F. Sonntag, In der Wüste 18, 57462 Olpe
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