ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2002Psychische Auffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen in der allgemeinärztlichen Praxis: Mit Kanonen auf Spatzen

MEDIZIN: Kongressberichte und -notizen

Psychische Auffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen in der allgemeinärztlichen Praxis: Mit Kanonen auf Spatzen

Dtsch Arztebl 2002; 99(43): A-2871 / B-2441 / C-2286

Riemer, Martin

zu dem Beitrag von Dr. med. Bärbel Ziegert, Andreas Neuss, Prof. Dr. med. Beate Herpertz-Dahlmann, Prof. Dr. med. Waltraut Kruse in Heft 21/2002
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LNSLNS Die Autoren kommen in dem Beitrag gegen Ende ihrer Analyse zu einer Therapieempfehlung: Ritalin, ein gemäß § 1 Abs. 1 BtmG i. V. m. Anlage III verkehrsfähiges und verschreibungsfähiges Betäubungsmittel. Nicht ohne Grund aber unterliegt Methylphenidat der Betäubungsmittelaufsicht. Die Bezeichnung „verschreibungsfähig“ sollte auch vor dem Hintergrund, dass die Rechtsprechung bei einer nicht indizierten Vergabe von Betäubungsmitteln von gefährlicher Körperverletzung ausgeht, nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Dies fehlt als Hinweis leider. Überhaupt scheint es doch, als werde mit Kanonen auf Spatzen geschossen, wenn man einem zehnjährigen Kind gegen Verhaltensauffälligkeiten bereits ein Betäubungsmittel verordnet. Welche Medikamente möchten die Autoren dem Jungen denn geben, wenn es in Kürze zu Schwierigkeiten in der Pubertät kommt? Hier liegt auch ein wesentlicher Punkt des diagnostizierten Problems: die Sichtweise der Therapeuten. Medikamente und Verhaltenstherapie sollen es richten. Ich sehe diese Kombination kritisch. Die Statistiken machen keine Angaben zum sozialen Umfeld der untersuchten Gruppe: Man erfährt lediglich, dass die Daten im städtischen Raum von Aachen erhoben wurden. Es könnten also durchaus Kinder und Jugendliche von allein erziehenden Müttern gewesen sein, die uns da vorgestellt wurden. Die Abwesenheit des Vaters aber führt häufig zu Strukturproblemen bei Kindern, wie wohl auch im Fall von „Peter“. Was zwar in der Anamnese erwähnt, worauf aber nicht näher eingegangen wird. Ich möchte die These aufstellen, dass Hyperaktivität in der beschriebenen Form nicht ohne Logik auftritt, sondern unmittelbar etwas über das Milieu aussagt, in dem die Kinder aufwachsen. Ein langfristig verantwortungsvoller ärztlicher Umgang mit dieser Patientengruppe sollte darin bestehen – in Abgrenzung zu den Empfehlungen des Beitrages – an der Gestaltung eines Umfeldes mitzuwirken, in dem diese Kinder und Jugendlichen altersgerecht gesund aufwachsen können, statt sie zu „psychiatrisieren“. Wem bei hyperaktiven Kindern sofort Betäubungsmittel einfallen, der scheint – so hart das klingen mag – auch sonst etwas phantasielos zu sein.

Martin Riemer
FB Gesundheitswissenschaften
Universität Bielefeld
Postfach 10 01 31
33501 Bielefeld

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