ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2002Psychische Auffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen in der allgemeinärztlichen Praxis: Schlusswort

MEDIZIN: Kongressberichte und -notizen

Psychische Auffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen in der allgemeinärztlichen Praxis: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2002; 99(43): A-2872 / B-2456 / C-2281

Ziegert, Bärbel

zu dem Beitrag von Dr. med. Bärbel Ziegert, Andreas Neuss, Prof. Dr. med. Beate Herpertz-Dahlmann, Prof. Dr. med. Waltraut Kruse in Heft 21/2002
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Wir haben uns sehr über die außerordentlich lebhafte Resonanz auf unseren Artikel gefreut, die bestätigt hat, dass psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen eine große Rolle in der hausärztlichen Versorgung spielen.
Der Anmerkung von Herrn Riemer, „dass die Verordnung von Methylphenidat nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollte“, stimme ich zu. Arzneimittel, wie Methylphenidat (zum Beispiel Ritalin, Medikinet) dürfen selbstverständlich nur nach sorgfältiger Diagnose und im Rahmen eines umfassenden medizinischen Behandlungskonzepts Anwendung finden, das neben der Beratung der Eltern und Lehrer, psychotherapeutische und psychosoziale Behandlungs- und Betreuungsmaßnahmen umfasst. Bei eindeutiger Diagnose eines hyperkinetischen Syndroms ist der Einsatz von Medikamenten jedoch ein zentrales und unverzichtbares Therapiekonzept (2, 5).
In klinischen Studien konnte gezeigt werden, dass Methylphenidat
mit einer Responderrate von 80 Prozent hyperaktives und impulsives Verhalten deutlich vermindert, die Aufmerksamkeit- und Konzentrationsfähigkeit verbessert, aggressives Verhalten abbaut und soziale Isolation verhindert (4). In Deutschland leiden circa fünf Prozent aller Kinder an einer Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), davon wird nur ein Viertel mit Methylphenidat behandelt. Dies entspricht aus Sicht des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte keinesfalls einem leichtfertigen Verordnungsverhalten, im Gegenteil, zu wenig betroffene Kinder profitieren vom Einsatz des Medikamentes (1).
Herr Riemer stellt die These auf: „Hyperaktivität tritt nicht ohne Logik auf, sondern sagt unmittelbar etwas über das Milieu aus.“ Sicherlich nimmt das Milieu wesentlichen Einfluss auf kindliches Verhalten. Bei den Unterschichtskindern war auch in unserer Studie eine Tendenz zu mehr offener Aggression erkennbar. Beim ADHS werden jedoch auch genetische Faktoren und Störungen der Transmitterfunktion als ursächliche Faktoren diskutiert.
Wie Herr Hilby richtig herausstellt, sind Fragebögen in Form des CBCL und YSR nicht in der Lage, psychische Störungen mittels Symptomfragen zu klassifizieren, also anhand des Fragebogens ein ADHS zu diagnostizieren. Nach vorliegenden Studienergebnissen sind die beiden Untersuchungsinstrumente jedoch als Instrument zur Erfassung klinisch relevanter Verhaltensauffälligkeiten geeignet (3, 6). Empirisch statistische (CBCL und YSR) und klinisch diagnostische Klassifikationssysteme müssen als sich ergänzende Systeme verstanden werden (6).
In Peters Fall veranlasste das Elterngespräch zusammen mit auffälligen Werten in der CBCL die Vorstellung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wo nach kinder- und jugendpsychiatrischer Untersuchung die Diagnose gestellt wurde.
Wie Herr Jakob, so möchten auch wir Hausärzte dazu anregen, psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Sie und die Kinderärzte sind durch die miterlebte Anamnese häufig die ersten, die mit Problemen der Kinder beziehungsweise Jugendlichen konfrontiert werden und durch ihre Lotsenfunktion eine frühzeitige Diagnostik und Therapie einleiten können.

Literatur
1. Bastikeit von M: Anti-Zappel-Pille wird als Droge verscherbelt. Ärztliche Praxis 2002; 46: 7.
2. Greenhill LL, Findling RL, Swanson JM: A double-blind, placebo-controlled study of modified-release methylphenidate in children with attention-deficit/hyperactivity disorder. Pediatrics 2002; 109: E39.
3. Lösel F, Bliesener T, Körferl P: Behavioral and emotional problems in adolescents: German adaptation of the youth self-report of the child behavior checklist and comparison with U.S.-data. Zeitschrift für Klinische Psychologie 1991; Band XX, Heft 1: 22–51.
4. Stiefelhagen P: Hyperkinetisches Syndrom und Legasthenie – Ärztliche Hilfe für den Zappelphilipp. MMW-Fortschr Med 2002; 21: 4–8.
5. The MTA Cooperative Group. A 14-month randomized clinical trial of treatment strategies for attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD). Arch Gen Psychiatry 1999; 56: 1073–1086.
6. Walter R, Remschmidt H, Deimel W: Gütekriterien und Normierung einer deutschen Version des Youth Self-Report. Z Kinder-Jugendpsychiat 1994; 22: 23–38.

Dr. med. Bärbel Ziegert
Lehrgebiet Allgemeinmedizin
Universitätsklinikum Aachen
Pauwelsstraße 30
52057 Aachen
E-Mail: bziegert@ukaachen.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema