ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2002Universität Leipzig: Beton oder Geschichte?

VARIA: Feuilleton

Universität Leipzig: Beton oder Geschichte?

Dtsch Arztebl 2002; 99(43): A-2873 / B-2443 / C-2288

Engmann, Birk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Augusteum und Universitätskirche um 1964 Foto: Kny, Paulinerverein e.V.
Augusteum und Universitätskirche um 1964 Foto: Kny, Paulinerverein e.V.
Zurzeit wird in Leipzig heftig über die Neugestaltung des Universitätsareals diskutiert.

Zurzeit wird heftig über die Neugestaltung des Universitätsareals der Stadt Leipzig diskutiert. In Leipzig befindet sich der Universitätskomplex mit den Hauptverwaltungs- und Hörsaalgebäuden in der Innenstadt – am größten und ehemals schönsten Platz der Stadt, der das Eingangstor zum Zentrum darstellt.
Bis vor drei Jahrzehnten prägten die gotische Universitätskirche und das Neorenaissance-Augusteum die Silhouette der innerstädtischen Platzwand. Mit zahlreichen namhaften Gelehrten und Künstlern ist die Universitätsgeschichte über Jahrhunderte verwoben. Johann Sebastian Bach wirkte in der auch Paulinerkirche genannten Universitätskirche. Ebenso hinterließen zahlreiche Baumeister ihre Spuren, so Karl Friedrich Schinkel.
Den Zweiten Weltkrieg überstand das Hauptgebäude – Augusteum – teilzerstört. Die Universitätskirche blieb unversehrt. Im Jahr 1968 wurden das wiederaufbaufähige Augusteum und die intakte Paulinerkirche dem Erdboden gleichgemacht. Im Vorfeld kam es zu massiven Bürgerprotesten, der zwischen dem 17. Juni 1953 und dem Herbst 1989 größten Protestbewegung in der DDR. Seitdem steht dort anstelle der historischen Bauten ein neuer, recht nüchterner Universitätskomplex. In wenigen Jahren feiert die Universität Leipzig ihr 600-jähriges Bestehen. Wunsch von Universität, Land Sachsen und Stadt Leipzig ist ein Um- und Neubau der Universitätsgebäude bis zu diesem Zeitpunkt. Irgendwie soll die Erinnerung an die gesprengte Universitätskirche in den Neubau eingebunden werden. Doch sowohl der Ideenwettbewerb 1994 als auch der erneute städtebauliche Wettbewerb, der erst vor wenigen Wochen der Öffentlichkeit präsentiert wurde, stießen auf weitgehende Ablehnung in der Bevölkerung. Zu enge Vorgaben an die Architekten und vor allem Einfallslo-
Hauptgebäude der Universität Leipzig mit „Installation Paulinerkirche“ 2002 Foto: Birk Engmann
Hauptgebäude der Universität Leipzig mit „Installation Paulinerkirche“ 2002 Foto: Birk Engmann
sigkeit sind die Hauptkritikpunkte. Dagegen favorisieren zahlreiche Leipziger den Wiederaufbau der Universitätskirche. Ein seit rund zehn Jahren dafür eintretender Bürgerverein unter Vorsitz des Medizin-Nobelpreisträgers Günter Blobel vereint die Wiederaufbaubefürworter.
Was wir im Jahr 2009 in Leipzig sehen werden – noch ist alles offen. Im Wettbewerb wurde kein erster Preis vergeben. Die Forderungen nach einer Neuauflage werden deutlicher vernehmbar. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass sich das in Polen schon lange Zeit erfolgreich angewandte Prinzip der originalgetreuen Rekonstruktion städtebaulich wichtiger Leitbauten, am Dresdener Neumarkt bereits praktiziert, auch in Leipzig niederschlägt. Dr. med. Birk Engmann


„In einer seelenlosen Betonlandschaft . . . gedeiht Verantwortungsgefühl für den Nächsten und ein Bewusstsein um den Wert der menschlichen Existenz weitaus schwerer. Steine, in denen die Geschichte atmet, Bauwerke, die von Generationen vor uns zu erzählen vermögen, lassen uns dagegen die Wurzeln unseres eigenen Lebens spüren. An solchen Orten tanken wir auf, hier finden wir Kraft für unser eigenes Leben.“ Richard von Weizsäcker
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema