VARIA: Wirtschaft - Aus Unternehmen

Chronische Schmerzen: Cannabis verhindert Schmerz und Spastik

Dtsch Arztebl 2002; 99(43): A-2880 / B-2240 / C-2038

Nickolaus, Barbara

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Etwa acht Millionen Menschen in Deutschland gelten als chronisch schmerzkrank; zwei Millionen ist mit den bekannten Therapieregimen nicht ausreichend zu helfen. Dazu zählen Patienten mit fortgeschrittenen onkologischen Erkrankungen, multipler Sklerose (MS) und Aids. Die schmerzlindernde Wirkung von Cannabinoiden und Opioiden, zum Beispiel Dronabinol, kann in diesen Fällen eine therapeutische Perspektive bieten.
Dronabinol ist der internationale Name für Delta-9-trans-Tetrahydrocannabinol (DELTA 9 THC), dem medizinisch wirksamen Bestandteil der Hanfpflanze. Dronabinol wirkt antiphlogistisch, analgetisch, anxiolytisch, antiemetisch, muskelrelaxierend, sedierend und appetitanregend. Anders als Opiate oder Kokain sind das Suchtpotenzial und die Gesamttoxizität sehr gering.
Prof. Michael Popp (Bionorica) verwies darauf, dass Dronabinol in den USA seit Jahren als Fertigarzneimittel zur Verfügung stehe, das aus Kostengründen in Deutschland selten eingesetzt werde. Mit Dronabinol als Rezeptur-Arzneimittel wolle man hierzulande ein kostengünstiges Mittel anbieten, das Apotheker nach Vorlage des gelben Btm-Rezepts von Delta 9 Pharma als Herstellungs-Set beziehen können.
Die analgetische Wirkung beim Akutschmerz wurde am Tiermodell geprüft. Hier zeigte sich beim – von vielen Schmerzmitteln schlecht beeinflussbaren – neuropathischen Schmerz eine besondere Wirkung. Bestimmte Interaktionen zwischen Cannabinoiden und Opioiden sind belegbar, so erfolgt zum Beispiel eine Vermittlung der Wirkungsweise von Dronabinol zum Teil über Opioid-Rezeptoren. Ernst hielt daher die Komedikation von Opioiden und niedrig dosierten Cannabinoiden für eine durchaus sinnvolle Strategie.
Auch antispastische Wirkungen bei MS oder Rük-kenmarkverletzungen und bei opioid-resistenten zentralen Schmerzen sind belegbar, ebenso wie Palliativeffekte, wie zum Beispiel Stimmungsaufhellung, antiemetische Wirkung oder Appetitanregung. An unerwünschten Wirkungen zeigten sich Tachykardie und orthostatische Hypotonie sowie eine erhöhte Rate an Ischämien, sodass die Medikation bei Patienten mit koronarer Herzerkrankung kontraindiziert ist.
Dr. Dietrich Jungck vom Schmerzzentrum Hamburg betonte, die Dronabinolbehandlung sei keine Monotherapie, sondern immer ein (additiver) Baustein im Gesamtgefüge der Behandlung chronischer, multimorbider Schmerzkranker. Schmerzlinderung und Erhöhung der Lebensqualität durch das Verdrängen der Schmerzen aus dem Wahrnehmungszentrum und Besetzung dieses Zentrums mit anderen Lebensinhalten seien anzustreben. Eine totale Schmerzbeseitigung zu erhoffen sei in vielen Fällen unrealistisch und sollte nicht zum erklärten Ziel der Behandlung gemacht werden.
Vielfältige Einsatzgebiete
Die Einsatzgebiete von Dronabinol sind vielfältig: Von Spastiken bei MS oder Schlaganfall über neuropathische Schmerzen bei Polyneuropathie, Rückenmarktrauma, Gürtelrose oder bei Phantomschmerzen, Arthrose- oder Osteoporose-Schmerzen oder Fibrose, zum Beispiel nach Radiotherapie. Die Dosierung sollte nach Aussage von Jungck einschleichend mit 2,5 mg im acht- bis zwölfstündigen Intervall einsetzen und vorsichtig bis zur erwünschten Wirkung erhöht werden.
Dr. Claude Vaney (Montana/Schweiz) berichtete über die Ergebnisse der ersten schweizerischen, im Doppelblindversuch durchgeführten, placebokontrollierten Cannabis-Studie, in die 57 Patienten mit nicht befriedigend therapierbaren schmerzhaften Muskelspasmen und nachweisbaren Entzündungsherden eingeschlossen waren. Die Studie ergab, dass erste Effekte einer Abnahme der Spastik bei einer Dosierung von circa 7,5 mg einsetzten. Die individuelle Dosierung von THC-Extrakt lag zwischen 5 und 30 mg/die. Bei neun Patienten kam es zu
minimalen psychoaktiven Effekten, bei acht trat eine Besserung des Tremors auf.
Vaney wies auf eine laufende Studie in Großbritannien mit 660 Teilnehmern hin, deren Ergebnis mit Interesse erwartet wird. Dr. Barbara Nickolaus

Fachpressekonferenz in Berlin zur Aufnahme von Dronabinol in das Produktportfolio der Delta 9 Pharma GmbH, einem Unternehmen der Bionorica AG
Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige