ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2002Moskauer Geiselnahme: Tödliches Gas

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Moskauer Geiselnahme: Tödliches Gas

Dtsch Arztebl 2002; 99(44): A-2889 / B-2457 / C-2301

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Auch mehrere Tage nach der Geiselbefreiung aus einem Moskauer Musicaltheater ist die Art und die Herkunft des von den Sicherheitskräften eingesetzten Betäubungsgases unbekannt. Bislang sind 116 Geiseln an den Folgen der „Betäubung“ im Zuge der Befreiungsaktion gestorben.
Experten bezweifeln, dass es sich um ein in der Medizin gebräuchliches Anästhesiegas gehandelt habe. Dr. Peter Hutton von der britischen Anästhesie-Vereinigung sagte, er kenne kein Narkosegas, das in der in Moskau festgestellten Art und Weise wirke: „Es handelt sich mit Sicherheit um eine Substanz, die nur für das Militär entwickelt wurde.“ Auch westliche Geheimdienste vermuten, dass die russischen Sicherheitskräfte ein völlig neuartiges Gas eingesetzt haben, das in Sekundenschnelle wirkt und nicht nachzuweisen ist.
Nach Einschätzung des deutschen Terrorismusexperten David Schiller könnte es sich um eine Substanz handeln, die aus dem Kampfstoff Quinuclidinyl-Benzilat entwickelt worden ist. Der Kampfstoff, der einen schnellen Bewusstseinsverlust und rasch einsetzende Lähmungserscheinungen zur Folge hat, war in den 60er-Jahren von den USA entwickelt worden. Wegen seiner unberechenbaren und langen Wirkungsdauer von bis zu 48 Stunden war seine Verwendung jedoch verboten worden.
Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe werden noch immer 405 befreite Geiseln in Moskauer Krankenhäusern behandelt. Offiziellen Angaben zufolge schweben noch 45 Patienten in Lebensgefahr. 339 Patienten konnten zu Beginn der Woche die Krankenhäuser verlassen.
Bei den zwei deutschen Geiseln, die kurz nach der Befreiung aus Moskau ausgeflogen worden waren und seitdem in der Toxikologischen Abteilung des Münchner Universitätsklinikums behandelt werden, haben sich keine Spuren der verwendeten Substanz im Organismus mehr nachweisen lassen. Wie die Münchner Klinik mitteilte, sind beide Patienten auf dem Weg der Besserung.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
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