ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2002Peter C. Scriba im Redaktionsgespräch: „Entscheidend ist Transparenz“

POLITIK

Peter C. Scriba im Redaktionsgespräch: „Entscheidend ist Transparenz“

Dtsch Arztebl 2002; 99(44): A-2901 / B-2465 / C-2309

Gerst, Thomas; Jachertz, Norbert

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Foto: dpa
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Der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der Bundes­ärzte­kammer erläutert, wie er seine neue Funktion
wahrnehmen will.

Mit einer Personalie gelangte der Wissenschaftliche Beirat der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) vor kurzem sogar in den Nachrichtenteil der überregionalen Zeitschriften. Nach Meinungsverschiedenheiten zwischen der BÄK und dem Wissenschaftlichen Beirat (WB) über die Bewertung der Präimplantationsdiagnostik schied der langjährige Vorsitzende des Beirats, Prof. Dr. med. Karl-Friedrich Sewing, aus dem Gremium aus. Inzwischen wurde sein Nachfolger gewählt: Peter C. Scriba, em. Professor für Innere Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Mitglied des Sachverständigenrats für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen. Wie Scriba seine Funktion an der Spitze des ständigen Ausschusses der BÄK künftig wahrnehmen will, war Schwerpunkt eines Gesprächs mit dem Deutschen Ärzteblatt.
Nachdem er zum Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirats gewählt wurde, habe er gegenüber dem Vorstand der Bundes­ärzte­kammer die Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftlicher Beratung deutlich gemacht. Jeder Wissenschaftler müsse sich von vornherein über Einschränkungen seiner mit wissenschaftlichem Anspruch vorgetragenen Äußerungen im Klaren sein, erläutert Scriba im Redaktionsgespräch. Dies resultiere aus der Abhängigkeit von der Methodik und aus der Begrenztheit des Untersuchungsgegenstands. Nur unter diesen einschränkenden Bedingungen könnten sich Wissenschaftler mit hohem Autoritätsanspruch äußern. Bei allen Aussagen, die über diesen selbst zu setzenden Rahmen hinausgehen, gelte es, Vorsicht walten zu lassen.
Absolute Objektivität ist nicht möglich
Jeder Wissenschaftler sollte sich zudem bewusst sein, dass er abhängig ist von Anreizen, die von außen auf ihn einwirken, egal ob es sich um Affinitäten zu Drittmittelgebern oder um andere Eigeninteressen, etwa in der Form von Reputationsgewinn, handelt. Eine absolute Objektivität wissenschaftlicher Aussagen gebe es nicht. Scriba plädiert deshalb auch in Bezug auf den WB für einen möglichst hohen Grad an Transparenz, die deutlich macht, unter welchen Rahmenbedingungen wissenschaftliche Ergebnisse zustande gekommen sind.
Angesprochen auf mögliche Konfliktfelder im Zusammenwirken von BÄK und WB, erläutert Scriba, dass die Aussagen des WB in der Regel auch Auswirkungen in den nicht wissenschaftlichen Bereichen hätten. Verlautbarungen des WB sollten aus diesem Grund deutlich herausstellen, wie weit die eigentliche wissenschaftliche Aussage geht. Sobald die Grenze der wissenschaftlichen Aussagen überschritten werde, könne der WB nicht mit höherer Autorität sprechen als jeder andere Bürger, der das Recht habe, sich zu politischen, ethischen oder moralischen Fragen zu äußern. Dies dürfe jedoch nicht als ein Maulkorb für den WB missverstanden werden. Voten des Wissenschaftlichen Beirats, die den Vorstand der BÄK passiert haben und zur Bekanntgabe vorgesehen sind, sollten gemeinsam mit der zustimmenden oder eventuell auch abweichenden Stellungnahme der BÄK veröffentlicht werden – auch hier spricht sich Scriba für das Gebot der Transparenz aus. Vorstellbar sei, dass in der Bekanntgabe selbst die Meinungsunterschiede zum Ausdruck kommen.
Scriba will keine eigenständige Informationspolitik des Wissenschaftlichen Beirats, sondern er sieht die Arbeit des Gremiums eingebunden in die BÄK-Strukturen. Man müsse akzeptieren, dass sich der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer öffentlich zu den die Ärzte betreffenden Fragen äußert.
Scriba ist der Überzeugung, dass sich der Wissenschaftliche Beirat aktiv um eine Ausweitung seines Themenspektrums in Richtung Versorgungsforschung bemühen müsse. Die bisherige Themenauswahl scheint ihm eher zufällig gewesen zu sein. Gerade in der Versorgungsforschung könne er sich eine Reihe spannender Themen vorstellen. Als Beispiel verweist Scriba auf die gegenwärtig immer wieder diskutierte Frage, ob und inwieweit eine Mindestzahl von Operationen in einem bestimmten Zeitraum unabdingbare Voraussetzung für eine qualitätsgesicherte Behandlung ist. Er gehe davon aus, dass sich der Vorstand der BÄK solchen Themenvorschlägen aus dem WB nicht verschließen werde.
Keine Probleme – außer der sehr großen Arbeitsbelastung – sieht Scriba darin, dass er neben seiner Tätigkeit als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats weiterhin dem Sachverständigenrat (SVR) für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen angehören wird. In beiden Funktionen gehe es um Politikberatung; hier wie dort stehe das Bemühen im Vordergrund, so weit als möglich wissenschaftlich fundierte Vorschläge zu unterbreiten. Scriba legt Wert auf die Feststellung, dass der SVR nicht für das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, sondern für die Konzertierte Aktion, der auch die BÄK angehöre, tätig sei. Der SVR habe nie gesundheitspolitische Forderungen erhoben, auch wenn manchmal die mangelnde Politikdistanz einzelner SVR-Mitglieder in der Öffentlichkeit diesen Eindruck hervorgerufen haben könnte.
Kompetenzerhalt
Auf heftige Kritik auch vonseiten der BÄK stießen die im SVR-Gutachten enthaltenen Äußerungen zu Mängeln in der ärztlichen Fortbildung. Scriba erläutert im Redaktionsgespräch seine Position: Er erkenne die Bemühungen der Ärztekammern in Zusammenarbeit mit den Akademien für ärztliche Fortbildung um eine Verbesserung der Fortbildungsangebote durchaus an. Gleichwohl müsse konstatiert werden, dass der Erfolg beim Kompetenzerhalt weiterhin zu wünschen übrig lässt. Beispielsweise zeige eine breit angelegte Studie über Kenntnisse der Ärzte beim Bluthochdruck, dass der Kenntnisstand vielfach nicht ausreichend sei. Scriba betont, dass sich seine Forderung nach „Continuing Professional Development“ (CPD) nicht allzu sehr von den BÄK-Zielvorstellungen unterscheide. Kontrovers diskutiert werde allerdings, inwieweit die Ärzte gegenüber der Öffentlichkeit ihren Kompetenzerhalt nachweisen sollen.
Aufgabe der Ärzteschaft
Hier sieht Scriba die Notwendigkeit, dass sich die ärztliche Selbstverwaltung offensiver mit dem Fortbildungsthema auseinander setzt. Wenn dies nicht geschehe, werden sich über kurz oder lang diejenigen Kräfte durchsetzen, die eine verpflichtende Fortbildung oder Rezertifizierung auf dem Verordnungswege durchsetzen wollen. Scriba verwies auf entsprechende Vorstöße in der Konferenz der für das Gesundheitswesen zuständigen Ministerien. Er halte es jedoch für illusorisch, dass eine entsprechende Behörde außerhalb der Ärzteschaft diese Aufgabe übernehmen kann.
Thomas Gerst, Norbert Jachertz
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