ArchivDeutsches Ärzteblatt41/1996Krankenhaus: Ärzteschaft an der Planung beteiligen!

POLITIK: Aktuell

Krankenhaus: Ärzteschaft an der Planung beteiligen!

Bersdorf, Roland

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LNSLNS Krankenhausplanung hinter verschlossenen Türen von Krankenkassen und Politik schafft Verunsicherung und ärgert. Transparenz kann durch Einbeziehung in die Planungsverantwortung geschaffen werden. Dies zu erreichen, fordert die Einmischung der Ärzteschaft in die Debatte um die nächste Stufe der Gesundheitsstrukturreform.


Krankenhausplanung bedeutet seit Jahren vor allem die Stilllegung von Klinikbetten. Dieser Vorgang ist wie kein anderer Eingriff in das Krankenhausleben geeignet, Emotionen zu wecken. Mangel an Transparenz ist ein Grund dafür, der nachhaltig nur durch Strukturänderungen gebessert wird. Es kommt aber auch zum Ausdruck, daß offenbar immer noch die – falsche – Einschätzung besteht, daß am Krankenhaus-Planbett alles hängt:
! Arbeitsplätze werden von Personalräten und Gewerkschaften eher mit Bettenzahlen als mit Leistungserbringung verbunden,
! Sparpotentiale vermuten Krankenkassen insbesondere in der Bettenstreichung,
! Ansehen und Einfluß leiten viele Abteilungsleiter aus ihrer Bettenzahl ab.
Die Länder stützen mit detaillierten Planungsvorgaben diese überholte Wertephilosophie. Wesentlicher als die vom Bedarf her leicht manipulierbare Bettenzahl wird künftig die Vereinbarung mit den Krankenkassen über die zu finanzierenden Versorgungsaufgaben für die Patienten. Mit einer an fachlicher Leistungserbringung orientierten Bemessung hat die ärztliche Selbstverwaltung das Planbettendogma in der Weiterbildung inzwischen verlassen.
Betten-Soll-Wert je 1 000 Einwohner = (Krankenhaushäufigkeit je 1 000 Einwohner x Verweildauer) : (365 x Auslastung)
Diese Formel wird in Krankenhausplänen angewendet.
Die Parameter offenbaren, daß es sich um "weiche" Daten handelt: Bevölkerungsprognosen und morbiditätsbezogene Daten unterliegen Entwicklungseinflüssen, die sowohl für den Trend als auch zur Quantität selbst über einen mittelfristigen Zeitraum keine so verläßliche Aussage zulassen, daß starre Planungsvorgaben angemessen wären. Auch die Krankenhausverweildauer ist ein leicht beeinflußbares Chamäleon, wie Krankenhausinsider wissen. Derart weiche Planungsgrundlagen werden dann ungerechtfertigt zu einem "knallharten" Planungsergebnis gerechnet. Heruntergebrochen auf jedes einzelne Krankenhaus und darin auf die einzelne Fachabteilung wird diese Planzahl zur bestimmenden Arbeitsgrundlage für Stellenpläne, Bauplanungen und Budgets.


Flexible Planung in Eigenverantwortung
Es ist bei der eintretenden Verschiebung von der Betten- zur Leistungsplanung nicht mehr stimmig, daß vom Land eine starre Detailplanung jeder einzelnen Fachabteilung vorgenommen wird. Auch ein bisher unterbewerteter sozial verantwortlicher Wettbewerb in Form der Nachfrage nach Leistungsangeboten eines Krankenhauses durch Patienten und einweisende niedergelassene Ärzte erfordert Flexibilität im Krankenhaus. Als Strukturänderung wird hier durch die Ärztekammer Berlin vorgeschlagen:
¿ Die Länder beschränken sich künftig auf den ordnungspolitischen Auftrag, in einem Rahmenplan je Krankenhaus die Fächer sowie eine Obergrenze der Gesamtbettenzahl letztverantwortlich festzulegen.
À Die so ausgewiesenen Fächer erhalten vom Land im Einvernehmen mit Kassen und Krankenhaus eine mittlere Planbettenzahl mit einer vom Krankenhaus eigenverantwortlich zu handhabenden Bandbreite von beispielsweise +/-20 Prozent.
Á Die Details über den Versorgungsauftrag des Hauses und die zu erbringenden beziehungsweise zu finanzierenden Leistungen werden eigenverantwortlich zwischen Krankenkassen und Krankenhäusern vereinbart.
Sobald das jeweilige Krankenhaus innerbetrieblich mit diesem Anteil in die Planungsverantwortung eingebunden ist, wird eine eigenverantwortliche Entscheidung über die "richtige" Abteilungsgröße gefordert. Dieses "richtig" ist bei durchlässig werdenden Abteilungsgrenzen neu zu definieren, und es wird erfahrbar werden, daß als Ziel der einzelnen Abteilung nicht Größen-Maximierung, sondern unter kooperativen Gesichtspunkten Größen-Optimierung anstrebenswert ist. Eine so strukturell organisierte Betroffenenbeteiligung schafft dem Krankenhausbereich eine wirkliche Aufgabe im Planungsgeschehen. Bei der Umsetzung wäre die Ärzteschaft besonders gefordert, eine aus der Arbeitspraxis begründete Fachkompetenz in das Planungsgeschehen einzubringen.
Krankenkassen, Land und Krankenhausträger sind die am Planungsgeschehen Beteiligten. Bisher sind nach dem Krankenhausfinanzierungsgesetz (KHG) bei der Landesplanung mit den Kassen "einvernehmliche Regelungen anzustreben".
Das im Vermittlungsausschuß gescheiterte "Krankenhausneuordnungsgesetz 1997" (KHNG 1997) beabsichtigte, die Krankenkassen zu stärken, indem künftig gelten sollte, daß "die Krankenhausplanung mit den Landesverbänden der Krankenkassen im Einvernehmen erfolgt". Statt nur zu beraten, kämen damit die Krankenkassen direkt in die Planungsverantwortung. Als Ziel der KHG-Novellierung wurde herausgestellt, "eine hochwertige medizinische Breitenversorgung und den medizinischen Fortschritt in Übereinstimmung mit dem Leistungsvermögen der Beitragszahler zu sichern. Dazu werden das Selbstverwaltungsprinzip gestärkt, die positiven Wirkungen eines sozial verantwortlich ausgestalteten Wettbewerbs genutzt sowie mehr Transparenz und mehr Eigenverantwortlichkeit bei allen Beteiligten geschaffen." In der weiteren Beratung über eine Fortschreibung der Gesundheitsstrukturreform werden Teile dieser Ziele Bestand haben.
Für eine wirkliche Stärkung des Selbstverwaltungsprinzips ist die künftige institutionelle Einbeziehung ärztlicher Kompetenz in die Krankenhausplanung unabdingbar. Die Ärztekammer Berlin beispielsweise schlägt vor, dies durch eine Änderung des § 7 KHG mit der kursiv gesetzten Einfügung herbeizuführen: "Bei der Durchführung dieses Gesetzes arbeiten die Landesbehörden mit den an der Krankenhausversorgung im Lande Beteiligten eng zusammen; das betroffene Krankenhaus und die zuständige Lan­des­ärz­te­kam­mer sind anzuhören." Mit der grundsätzlichen Einbeziehung der Krankenhäuser als anzuhörende Beteiligte ist eine hinreichende Einbeziehung der ärztlichen Fachkompetenz bisher nicht erfolgt. Medizinisch-therapeutische Erfahrung sollte von allen Beteiligten als wünschenswerte Ergänzung von Träger-, Landes- und Krankenkasseninteressen gewertet werden. Diese Aufgabe sollte gemeinsam von Ärztinnen und Ärzten in ambulanter und stationärer Patientenbetreuung wahrgenommen werden. Damit kann durch die ärztliche Selbstverwaltung in der Versorgungsplanung der fachliche Beitrag geleistet werden, der bisher für die Patienten ungenutzt bleibt.
Diese Vorschläge formulieren einen Selbstverwaltungsanspruch, der die Möglichkeiten und Aufgaben der Landeskrankenhausgesellschaften übersteigt. Will die Ärzteschaft diese Anliegen nicht weiterhin anderen überlassen, muß die ärztliche Selbstverwaltung initiativ werden.


Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Roland Bersdorf
Vorsitzender des Krankenhausausschusses der Ärztekammer Berlin
Geschäftsführer des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe
Kladower Damm 221
14089 Berlin

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