ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2002Umwelt: „Luft-Vorhersage“ ist möglich

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Umwelt: „Luft-Vorhersage“ ist möglich

Dtsch Arztebl 2002; 99(44): A-2911 / B-2472 / C-2316

Kiegelmann, Georgia

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LNSLNS Das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit über gesundheitliche Folgen von Luftschadstoffen wächst. Seit 2001 gibt es Prognosen über die Luftqualität analog zur Wettervorhersage.

Die Luftqualität gewinnt in zunehmendem Maß an Bedeutung, wenn es darum geht, sich für eine bestimmte Wohn-, Arbeits- oder Freizeitgestaltung zu entscheiden oder diese zu beurteilen. Die mit den Luftschadstoffbelastungen verbundenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen haben, wie das Beispiel Ozon zeigt, zu einem Umdenken in vielen Bevölkerungsschichten geführt.
Dem steigenden Informationsbedürfnis sind die Behörden jedoch oft nicht gewachsen. Eine Veröffentlichung der Messdaten ist darüber hinaus oftmals Ländersache und wird auf den Internet-Seiten und in den Printmedien sehr unterschiedlich gestaltet. Abgesehen von mangelnder Aktualität, ist das bereitgestellte Datenmaterial für einen „Nichtfachmann“ oft kaum zu verstehen und länderübergreifend nur schwer vergleichbar.
Begriffe wie Stickstoffoxid, Schwefeldioxid, PM10 (Feinstaub), Kohlenmonoxid oder Benzol sowie unterschiedliche Messeinheiten, die von Halbstunden-Werten über Ein-Stunden-, Acht-Stunden- und 24-Stunden-Werte bis hin zu gleitenden Mittelwerten reichen, erschweren eine gezielte Suche nach Informationen. Eine gesundheitsorientierte Interpretation der Messwerte bleibt den wenigen „Grenzwertkundigen“ vorbehalten.
Die im Rahmen der Ozonmeldungen auftretende Verunsicherung, Hilflosigkeit und sogar Panik sind eindeutige Anzeichen für ein zunehmendes Informationsdefizit in der Öffentlichkeit. Die Konzentration der Berichterstattung auf Ozon erlaubt es zumindest den Medien, das Thema „Gesundheit und Luftbelastung“ auf einige Sommertage zu beschränken. Der ganzjährige Luftschadstoffmix aus kanzerogenen Kohlenwasserstoffen, toxischen Feinstäuben, ätzenden Stickstoffdioxid- und Schwefelverbindungen bleibt unerwähnt. Zu schwierig scheinen die komplexen Zusammenhänge und Wirkungen der Luftchemie, nicht spektakulär genug und darüber hinaus politisch brisant.
Das Gesundheitsrisiko durch Verunreinigungen in der Außenluft wird darüber hinaus wissenschaftlich sehr unterschiedlich beurteilt. Individuelle Empfindlichkeiten, Vorerkrankungen und Wechselwirkungen mit weiteren Umweltbelastungen erschweren eine medizinische Bewertung der Luftschadstoffe und eine eindeutige Zuordnung der Krankheitssymptome. Epidemiologischen Studien zufolge ist das Gefährdungspotenzial für Kinder aufgrund ihres erhöhten Atemvolumens und ihres schwächeren Immunsystems am höchsten einzustufen.
Der Stellenwert, der dem Thema „Luftbelastung“ zukommt, ergibt sich jedoch nicht nur aus der Größe des individuellen Risikos, sondern aus der Betroffenheit aller Menschen, jeden Tag. Jeder atmet täglich, je nach körperlicher Belastung, zwischen 20 und 50 Kubikmeter Luft ein. Eine Bewertung und gegebenenfalls eine Verminderung des täglichen Risikos ist für den Einzelnen, ohne die entsprechende verständliche, übersichtliche und zeitnahe Information zur Luftqualität, jedoch nicht möglich.
Erstmalig gibt es seit dem vergangenen Jahr für Deutschland und Europa Luftbelastungsprognosen die – neben dem Einzelstoff Ozon – die Luftqualität insgesamt für denselben und den folgenden Tag vorhersagen. Ähnlich dem Wetterbericht informieren täglich aktualisierte Übersichtskarten über die zu erwartenden Belastungen in den verschiedenen Regionen. Allergiker und Asthmatiker sowie Therapeuten und Ärzte können seitdem neben den Pollenvorhersagen hilfreiche Zusatzinformationen zu weiteren Luftverunreinigungen abrufen. Krankheitssymptome können räumlich und zeitlich zugeordnet und Vorsorgemaßnahmen angepasst werden.
Entwickelt wurde das Vorhersagesystem im Rahmen des Forschungsprojektes EURAD, das vom Rheinischen Institut für Umweltforschung an der Universität zu Köln unter Leitung von Dr. Hermann Jakobs durchgeführt wird. „Eigentlich ist dieses Vorhersagesystem ein Abfallprodukt des Forschungsprojekts, das sich mit Schwerpunktthemen wie Stratosphären/Troposphären-Austausch, Chemie und Dynamik von Aerosolen beschäftigt“, sagt Jakobs. Die Datenfülle und die technischen Voraussetzungen veranlassten den Geophysiker, das Informationsloch „Luftqualität“ anzugehen. Berechnungsgrundlage sind vorliegende Emissionskataster für Deutschland und Europa, die mithilfe chemischer Ausbreitungsmodelle in Immissionswerte umgerechnet werden. Für die Luftbelastungsprognose ausschlaggebend sind jedoch die meteorologischen Daten und Berechnungsmodelle der Wettervorhersage. In diesem Fall wird die tägliche gobale Vorhersage des National Center for Environmental Protection genutzt. In Abhängigkeit von den aktuellen meteorologischen Randdaten werden chemische Umwandlungsprozesse und Ausbreitungen der einzelnen Luftschadstoffe in den bodennahen Luftschichten als Prognose berechnet. Jakobs gibt die Eintrittswahrscheinlichkeit seiner Prognosen mit +/– 20 Prozent an. Sein Service ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie bei einem millionenschweren Forschungsprojekt ein interessanter Nutzen für die breite Öffentlichkeit entstehen kann. Prognosekarten und weitergehende Informationen sind unter www.eurad.uni-koeln.de abrufbar.
Die Europäische Union fordert eine transparente Umweltinformation für die breite Öffentlichkeit. Die Berechnungsmodelle sind vorhanden, die Technik ist kein Problem. Der erste Schritt ist getan. Inwieweit das nach Schätzungen der Welt­gesund­heits­organi­sation täglich zunehmende Gesundheitsrisiko von der Öffentlichkeit akzeptiert wird, hängt jedoch wesentlich von der Aufklärungsarbeit der Experten, der Industrie, der Behörden, der Medien und der Politiker ab.

Georgia Kiegelmann
Georisk GmbH
Schloss Türnich, 50169 Kerpen
E-Mail: GEORISK@t-online.de
Internet: www.air-infoline.de
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