ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2002Baubiologie: Schimmelpilzbefall in Innenräumen nimmt zu

POLITIK: Medizinreport

Baubiologie: Schimmelpilzbefall in Innenräumen nimmt zu

Dtsch Arztebl 2002; 99(44): A-2908 / B-2470 / C-2314

Hoc, Siegfried

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LNSLNS Nach einer Untersuchung der Stiftung Warentest
ist jeder zweite Haushalt betroffen.

Schimmelpilzbefall an Innenwänden von Wohnräumen tritt infolge einer hermetischen Abdichtung mit modernen Fenstern und Türen – wie sie die Wärmeschutzverordnung fördert – häufiger auf. Welche gesundheitlichen Gefahren von einem Schimmelpilzbefall im Haus ausgehen können und wie man sich davor schützen kann, war das Thema einer Tagung des Instituts für Toxikologie und Umwelthygiene der Technischen Universität München.
Schimmelpilze gedeihen bei Temperaturen von 22 ºC bis 155 ºC und einer Substrat-(Wand-)Feuchtigkeit von 85 bis 95 Prozent. Einige xerophile Arten können auch noch bei einer Feuchte von 65 Prozent gut wachsen. Außerdem benötigen Schimmelpilze biologisch abbaubare Substrate wie zum Beispiel Hölzer, Tapeten, Kleister und Farben sowie eine porige Struktur, wie sie die mineralischen Baustoffe aufweisen. Wie Dr.-Ing. Klaus Sedlbauer (Holzkirchen/München) betonte, genügt eine auf fünf aufeinander folgenden Tagen jeweils sechs Stunden täglich herrschende Feuchte von 80 Prozent, um für Schimmelpilze ein Wachstumsoptimum zu schaffen.
Die Feuchte an Innenwänden resultiert aus Wohnfeuchtigkeit (Wasserdampf), Schlagregen an die Außenwand sowie aufsteigender Bodenfeuchte. Bei Neubauten kommt noch die „Baufeuchte“ hinzu. Ein wichtiger Parameter ist das „Temperaturdifferenzverhältnis“. So sind eine niedrige Außentemperatur und höhere Innentemperatur im Winter Ursache des Tauwasserausfalls an den Innenwänden. Moderne Dämmtechnik kann diese Temperaturunterschiede verhindern. Allerdings unterbindet der Austausch von alten Fenstern und Türen gegen moderne Konstruktionen im Rahmen von Energiesparmaßnahmen die notwendige Dauerlüftung. Die hermetische Abdichtung des Wohnbereiches hat zu einer deutlichen Zunahme des Schimmelpilzbefalls geführt. Infolge der kühleren Temperatur im Schlafzimmer kondensiere hier bevorzugt die Feuchte aus Bad, Küche und Wohnzimmer, erklärte Sedlbauer. Deshalb findet man relativ häufig Schimmelpilze im Schlafzimmer. Abhilfe kann nur ausgiebiges Lüften bieten. Vor allem nach dem Kochen und Duschen sollte die Wohnung durchgelüftet werden.
Schimmelpilz der Gattung Mucor mit Sporangien (Mucormykose)
Schimmelpilz der Gattung Mucor mit Sporangien (Mucormykose)
Aspergillus niger mit Sporangium Fotos: Siegfried Hoc
Aspergillus niger mit Sporangium Fotos: Siegfried Hoc
Wie verbreitet Schimmelpilzbefall in Wohnungen ist, zeigt eine Studie der Stiftung Warentest (Berlin), über die Dr. Thomas Eikmann (Gießen) berichtete. Nach den Ergebnissen von 1 700 überprüften Haushalten ist jeder zweite stark belastet. Gemessen wurden die Pilzsporen in Bioaerosolen, die offensichtlich ubiquitär und in jahreszeitlich schwankenden Konzentrationen auftreten. Abgesehen davon, dass sie pathogen wirken können, können sie auch zu einer Geruchsbelästigung führen, die dann zur Ursache somatischer Beschwerden werden kann. Zwar wirken die Stoffwechselprodukte von Schimmelpilzen (zum Beispiel Mykotoxine) und ihre Zellwandbestandteile (wie Glukane) toxisch, aber im Zusammenhang mit Innenraumbelastungen ist kaum mit einem solchen Effekt auf Menschen zu rechnen. Das gilt auch für Infektionen mit Schimmelpilzen, die fast ausschließlich immungeschwächte Personen treffen können.
Wenn Schimmelpilze in Innenräumen die Bewohner gesundheitlich beeinträchtigten, so seien die Symptome weitgehend unspezifisch, berichtete Prof. Dr. med. Heidrun Behrendt (München). Gängige Krankheitsbezeichnungen sind Aspergillose, Mucormykose (durch Zygomyceten) und Phaeohyphomykose (durch Schwärzepilze). Eingeatmete Pilzsporen können vor allem bei immuninkompetenten Menschen für eine toxische Alveolitis oder eine Lungenaspergillose verantwortlich sein. Stachybotrys atra kann eine Lungen-Hämosiderose induzieren. Die genannten Krankheitsbilder sind allerdings relativ selten.
Problematischer ist der allergene Effekt der Pilzsporen. Hierbei spielen die individuelle Prädisposition, die Immunkompetenz und das allergene Potenzial der Sporen eine große Rolle. Bei Sensibilisierungen richtet sich das Auftreten allergischer Reaktionen wie Rhinokonjunktivitis, allergisches Asthma bronchiale und atopische Dermatitis, nach dem Grad der Sensibilisierung, der Schutzfunktion von Haut und Schleimhäuten und der Allergendosis pro Fläche.
Als in dieser Hinsicht baubiologisch relevante Schimmelpilz-Gattungen nannte Dr. med. Guido Schoenherr (Düsseldorf) Acremonium und Aspergillus. Bei der relativ häufig auftretenden Gattung Aspergillus fumigatus wurden 18 Allergene identifiziert. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Proteasen. Mithilfe der heute verfügbaren Nachweisverfahren wurde bei rund fünf Prozent der Bevölkerung eine Sensibilisierung gegen Schimmelpilze festgestellt. Die Tendenz ist steigend.
Die eindeutige Diagnose einer Schimmelpilz-Allergie ist aber immer noch relativ schwierig. Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass mehr als
100 000 Schimmelpilz-Arten bekannt sind und einzelne Spezies bis zu 30 Allergene aufweisen. Es existieren für baubiologisch relevante Schimmelpilz-Arten allerdings keine kommerziellen Antigene für die Diagnostik.
Eine andere Schwierigkeit: Schimmelpilze haben oftmals immuntoxische Effekte, die klinisch nicht von allergisch bedingten Wirkungen zu unterscheiden sind, sodass die Ergebnisse von Expositionstests wie Prick- oder Inhalationstests mit Vorsicht zu bewerten sind. Neben Aspergillus fumigatus wird Penicillium marneffi als besonders allergen eingestuft. Insgesamt kann man alle Schimmelpilze mit massiver Sporenbildung als potente Allergene bezeichnen.
Dr. Thomas Gabrio vom Landesgesundheitsamt Stuttgart wird besonders aufmerksam, wenn in Kindergärten oder Altenheimen Aspergillus fumigatus, A. flavus oder Stachybotrys atra nachgewiesen werden. Bei gesundheitlichen Auffälligkeiten von Kindern oder Familienmitgliedern im Zusammenhang mit sichtbarem Schimmelpilzbefall im Wohnbereich oder einem geruchsbedingten Verdacht auf Schimmelschäden sollte das Gesundheitsamt um Amtshilfe gebeten werden. Es veranlasst die Ortsbegehung, Probenahme sowie bauphysikalischen Messungen und gegebenenfalls die medizinische Diagnostik.
Tipps für ein „pilzfeindliches“ Raumklima
Vorbeugung ist auch hier die beste Strategie, da ein gesundes Innenraumklima durch Anwendung einfacher Regeln zu erreichen ist, wie Prof. Klaus Fitzner (Berlin) betonte. Die wichtigste Maßnahme ist ein kompletter Luftwechsel – das heißt, durch Querlüften die gesamte Luft der Wohnung auszutauschen, dazu Heizkörper abdrehen oder Temperaturfühler mit einem Tuch abdecken. Das sollte mindestens morgens, mittags und abends jeweils zehn Minuten lang gemacht werden. Nach dem Lüften werden die Fenster geschlossen und die frische Luft erwärmt. Sie nimmt ein Maximum an Feuchtigkeit auf, die dann beim nächsten Luftwechsel wieder abtransportiert wird. Diese Maßnahme eignet sich auch gut gegen Neubaufeuchte.
Eine einfache und gute Lösung ist der permanente Luftaustausch, der
erreicht wird, wenn im Schlafzimmer über dem Heizkörper eine Eintrittsöffnung für die Außenluft geschaffen wird und in Bad oder Toilette ein Absaugventilator installiert ist. Bei offenen Zimmertüren wird auf diese Weise, für die Bewohner unmerklich, die Wohnungsluft ständig erneuert. Außerdem empfiehlt es sich, die Heizung nachts oder bei Abwesenheit tagsüber nicht ganz abzudrehen, um ein Auskühlen der Wohnungsaußenwände zu verhindern. Kurze Stoßlüftung führt die in den Wänden gespeicherte Wärme nicht ab. Die Wärmedämmwirkung einer warmen und somit auch trockenen Wand ist optimal. Feuchte Wände haben eine bis um die Hälfte reduzierte Wärmedämmung. Siegfried Hoc

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