ArchivDeutsches Ärzteblatt41/1996Enthospitalisierungsprogramm im Rheinland: Selbständig leben statt nur „satt und sauber“

POLITIK: Aktuell

Enthospitalisierungsprogramm im Rheinland: Selbständig leben statt nur „satt und sauber“

Planko, Tanja

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LNSLNS "Von den insgesamt 505 aufgestellten Betten befinden sich 155 in Sälen oder saalähnlichen Räumen. Weitere 74 Betten stehen in großen Mehrbettzimmern mit fünf bis sieben Betten je Raum. Bedingt durch die räumliche Enge werden Patientenschränke auf Fluren und in Magazinen untergebracht. Diese Situation bedeutet für die dort lebenden Personen weder ein Mindestmaß an Individualität noch eine reale Möglichkeit zur Normalisierung ihrer Lebensbedingungen", so werden in einer Verwaltungsvorlage die Zustände beschrieben, wie sie noch 1989 in den Langzeitbereichen der Landesklinik Bedburg-Hau (bei Kleve) herrschten. Diese Zustände waren damals der Auslöser für ein 70,5-Millionen-DM-Programm des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR), Köln, zur Enthospitalisierung von Langzeitpatienten. Mit Hilfe des Geldes sollten Wohnungen für chronisch psychisch Kranke in ihren Heimatgemeinden geschaffen und zugleich veraltete Stationsgebäude modernisiert werden. In das Programm wurden auch andere Rheinische Landeskliniken einbezogen, wie zum Beispiel die Klinik in Viersen. Jetzt zog der LVR eine Zwischenbilanz.
Die Außenwohngruppe in Willich-Anrath (in der Nähe von Krefeld) ist eines der sechs Projekte im Rahmen dieses Programms. Dort leben in einem kleinen freistehenden Haus vier Frauen und zwei Männer. Einige von ihnen waren mehr als 30 Jahre auf einer Krankenstation untergebracht. "Die Probleme, die sich aus der jahrelangen Hospitalisierung ergeben, sind oft schwerwiegender als die, die mit der eigentlichen Krankheit zusammenhängen. Die Leute verlieren durch den streng geregelten Tagesablauf in der Klinik jegliche Art von Initiative, denn die Maxime im Massenbetrieb der Kliniken beschränkte sich, was die Patienten anging, oft auf ,satt und sauber'", sagte Diplom-Psychologin Ruth Vogel, Leiterin der Abteilung Rehabilitation der Landesklinik Viersen, vor Journalisten.
In ihrem "neuen Zuhause" werden die Patienten nur von neun bis fünfzehn Uhr betreut. Daß sie zusammen kochen, aufräumen und waschen, ist heute selbstverständlich. Die Bewohner machen jetzt vieles, was sie sich noch vor fast eineinhalb Jahren, als sie in Anrath einzogen, niemals zugetraut hätten. "Natürlich war der Umzug für alle eine große Umstellung, auch für die Mitarbeiter", berichtete Ruth Vogel. Aber trotz allem habe es in den sechs Projekten von Viersen nur zwei Patienten gegeben, die in die Geborgenheit der "Anstalt" zurückkehren wollten.


Rasen mähen statt Blutdruck messen
"Unser Berufsbild hat sich völlig verschoben", stellte Bettina Kleiner fest, eine der Betreuerinnen in Anrath. "Früher war ich Krankenschwester. Jetzt fallen natürlich viele Aufgaben weg, wie das Blutdruckmessen zum Beispiel. Dafür sind andere wie Rasenmähen und das Wechseln von Glühbirnen dazugekommen." Trotz aller Fortschritte warten aber immer noch 230 Langzeitpatienten auf einen Platz außerhalb der Klinik. Allein die Landesklinik Viersen braucht weitere 40 Plätze. Im nächsten Jahr werden elf zur Verfügung stehen. Die Situation auf den Stationen wurde nach Angaben des LVR so weit wie möglich verbessert. In Viersen wurden drei Stationen umgebaut und eine Beschäftigungsthera-pie eingerichtet. Die Bettenzahl der Rheinischen Landeskliniken konnte von 6 202 (1989) auf 5 382 (1994) verringert werden. Dabei ging die Anzahl der Betten im Langzeitbereich um rund 1 100 zurück, wohingegen sie im Akutbereich stieg. Tanja Planko

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