ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2002Rehabilitation in Russland: System der Gegensätze

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Rehabilitation in Russland: System der Gegensätze

Dtsch Arztebl 2002; 99(44): A-2917 / B-2477 / C-2321

Korzilius, Heike

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Russland war in diesem Jahr Partnerland der Messe
REHACare in Düsseldorf. Im Land selbst sind die Rehabilitationseinrichtungen „katastrophal“ bis „vorbildlich“.

Wir fahren nicht zur Messe in Düsseldorf, um deutsche Produkte zu bewundern, sondern um zu zeigen, dass wir uns in Sachen Behindertenhilfe nicht mehr im 19. Jahrhundert befinden“, betonte Anatoli Potschinok vor Journalisten in Moskau. Der russische Minister für Arbeit und soziale Entwicklung sprach im Vorfeld der REHACare International 2002, die vom 23. bis 26. Oktober in Düsseldorf stattfand und bei der Russland als Partnerland die besondere Aufmerksamkeit der Besucher auf sich ziehen sollte.
Das Zentrum für Behindertenexpertisen und Rehabilitation in Moskau zeigt jedoch eine andere Wirklichkeit. Nichts deutet darauf hin, dass die staatliche Einrichtung erst vor zwei Jahren gegründet wurde. Die Aufzüge in dem Betonbau ächzen und quietschen, das Treppenhaus erinnert an einen Rohbau. Tückische Stolperstellen im Fußboden, an denen der Estrich weggebrochen ist, werden von einem abgeschabten Linoleumbelag verdeckt. Der Putz bröckelt, von zwanzig Neonröhren, die idealerweise die langen Patientenflure beleuchten sollten, funktionieren zwei. Die Zimmer der Patienten befinden sich in ähnlich desolatem Zustand.
Angesichts dieser Umstände ist es kaum zu glauben, dass die Einrichtung als Referenzzentrum für ganz Russland dient und die Behandlungsstandards für die derzeit 598 regionalen Reha-Zentren vorgibt. „Uns fehlt das Geld für eine gute Ausstattung“, klagt die Wissenschaftlerin Olga Andrejewa. Deutlich wird das auch am Beispiel der Hilfsmittel. Eine Positivliste verzeichnet die Hilfsmittel, die in jedem Fall bereitgestellt werden müssen. Doch die Standards unterscheiden sich regional deutlich. Reiche Regionen wie Moskau leisten sich eine erweiterte Liste, die zum Beispiel auch die Abgabe von Seh- und Hörhilfen vorsieht.
Das Moskauer Zentrum ist in erster Linie dafür zuständig, sozialmedizinische Gutachten zu erstellen und das Programm für die weitere Rehabilitation der Patienten zu erarbeiten. Vorwiegend werden dort Behinderte betreut, die von den regionalen Reha-Zentren überwiesen wurden oder mit ihrer Einstufung in einen Behinderungsgrad nicht einverstanden sind. Trotz des Geldmangels scheint die Motivation der Mitarbeiter ungebrochen. „Früher“, sagt Julietta Lawrowa, „meinte Behinderung den Verlust der Arbeitsfähigkeit.“ Seit fünf Jahren arbeite man jedoch nach einem neuen Konzept. „Neben der Arbeitsfähigkeit stehen jetzt auch Kriterien wie Selbstständigkeit und Kommunikationsfähigkeit zur Beurteilung an.“
Gegensätzlicher könnten die Bedingungen kaum sein: Patienten im Reha-Zentrum (oben) und im Lehrzentrum für Blinde (rechts) in Moskau. Fotos: Inge Hondebrink
Gegensätzlicher könnten die Bedingungen kaum sein: Patienten im Reha-Zentrum (oben) und im Lehrzentrum für Blinde (rechts) in Moskau. Fotos: Inge Hondebrink
Olga Andrejewa betont, dass man sich schon zu Zeiten der Sowjetunion intensiv mit der medizinischen und beruflichen Rehabilitation befasst hat. Mit dem Behindertengesetz von 1995 habe man dann den staatlichen Reha-Dienst begründet, der eng mit den Behindertenverbänden zusammenarbeite. Dabei umfasse die Rehabilitation medizinische Therapie, berufliche Schulung und Arbeitsvermittlung sowie die soziale Reintegration ins Wohnumfeld, die psychologische Betreuung der Patienten und die Beratung der Angehörigen.
Ein Vorzeigeprojekt der Einrichtung ist die technisch gut ausgerüstete Werkstatt für orthopädische Schuhe, die mit ihren Computern, Zeichenbrettern und den ausgestellten neuen Schuhkreationen eher wie die Kreativabteilung einer Modeagentur wirkt. Der Eindruck täuscht offenbar nicht. Man hat sich dort zum Ziel gesetzt, nicht nur die Qualität, sondern auch den modischen Schick der Schuhe zu verbessern. Ebenfalls angeboten wird eine Typ- und Imageberatung der Behinderten, mit der man ihnen den Wiedereinstieg ins „normale“ Leben erleichtern will. Ansätze wie dieser werden offenbar auch politisch gefördert. „Wir wollen neue Akzente in der Rehabilitation setzen. Wir wollen weg von der rein materiellen Unterstützung in der Isolation hin zu einer besseren Integration in die Gesellschaft“, bekräftigt Arbeitsminister Potschinok.
Ein gelungenes Beispiel für die Förderung Behinderter ist das Lehrzentrum für Sehschwache und Blinde in Moskau. Das private Zentrum wurde vom russischen Blindenverein gegründet und hat sich in erster Linie die berufliche Eingliederung Sehbehinderter zum Ziel gesetzt. Ein spezieller Zweig widmet sich der Rehabilitation Taub-Blinder. „Seit zehn Jahren nutzen wir die moderne Computertechnologie für unsere Arbeit“, sagt der ebenfalls blinde Leiter des Zentrums, Sergej Vanschin. „Wir fördern auch die Eliten unter den Blinden und wollen ihnen modernes Management beibringen.“ Der Erfolg scheint ihm Recht zu geben. Mehr als 50 Einrichtungen in Russland haben Vanschin zufolge bereits Absolventen des Zentrums eingestellt, weil sie sich als kompetente Fachkräfte ausgewiesen haben.
Dennoch ist die Arbeitslosigkeit nach wie vor eines der größten Probleme der etwa zehn Millionen Behinderten in Russland. Sie liegt bei rund 60 Prozent, obwohl es eine gesetzliche Quotenregelung für Betriebe mit mehr als 15 Mitarbeitern gibt, wonach diese fünf Prozent der Stellen mit Behinderten besetzen müssen.
Problem Arbeitslosigkeit
Ausgerichtet auf den Arbeitsmarkt ist auch das exzellent ausgestattete Studienzentrum für seh- und hörgeschädigte Studenten an der staatlichen Technischen Universität Baumann in Moskau. „Ähnliche Ausbildungsmöglichkeiten wie hier gibt es landesweit nur noch an einer weiteren Universität in Moskau und an einer Hochschule in Nowosibirsk“, sagt der Leiter des Zentrums, Alexander G. Stanevsky. Das Zentrum wurde 1994 gegründet und hat den staatlichen Auftrag, methodische Lehrkonzepte zu entwickeln und somit eine Leitfunktion für landesweit vergleichbare Einrichtungen zu übernehmen. Die größte Gruppe behinderter Studierender am Zentrum sind die Schwersthörbehinderten. Ihnen stehen zwölf von 70 Fachrichtungen zum Studium offen. „Wir bieten nur die Fächer an, die auf dem Arbeitsmarkt die größten Chancen haben. Bislang haben alle unsere Absolventen eine Stelle auf dem freien Markt gefunden“, betont Stanevsky. Während der ersten zwei Studienjahre bleiben die behinderten Studenten unter sich, um methodische Grundlagen und technische Hilfsmittel kennen zu lernen. Ab dem zweiten oder dritten Studienjahr werden sie in den Regelstudiengang integriert. Voraussetzung dafür ist die Beherrschung der Laut- und Gebärdensprache. „Das Studium fungiert auch als Sozialisationsprozess“, erklärt Stanevsky. „Außerdem ist die Ausbildung an der Universität deutlich billiger als die an einer Spezialschule.“
Heike Korzilius
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